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Von Beruf Muse : „Der Mensch ist das stärkste Medium“

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„Eine Berufung gespürt“: Höltkemeier am Mainufer in Frankfurt-Sachsenhausen Bild: Vogl, Daniel

In der griechischen Mythologie war eine Muse eine Schutzgöttin der Künste. Philomena Höltkemeier sagt, sie sei heute eben eine solche – und das für jeden. Doch was genau macht ihren Beruf aus? Ein Interview.

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          Thyra Philomena Loredana Constanze Höltkemeier hat ein medienwissenschaftliches Studium absolviert, heute arbeitet sie als Muse „im griechisch-mythologischen Sinne“. Suchende können bei der 30 Jahre alten Höltkemeier „Musenzeit“ anfragen, um mit ihr zu finden, von dem sie sagt, dass sie selbst es gefunden habe: Verwirklichung, Inspiration, Berufung. Zu ihrem Portfolio gehören außerdem einige Bücher und Gedichtbände und die Vernetzung von Leuten. Das macht das mittlere von fünf Geschwisterkindern unter anderem mit dem „Stammtisch der Filmemacher“ im Frankfurter Filmmuseum, den sie seit 2013 organisiert.

          Frau Höltkemeier, als ich Freunden erzählte, ich würde eine Muse interviewen, wurde ich angeschaut, als hätte ich ein Gespräch mit der Zahnfee angekündigt.

          Ja, die meisten halten Musen für Fabelwesen oder zumindest für ausgestorben. Ich kann das verstehen. Doch Musen hat es immer gegeben und wird es immer geben.

          Wie kommt man auf die Idee, Muse werden zu wollen?

          Ich glaube, jeder Mensch hat eine Berufung, die ihn glücklich macht, wenn er ihr folgt, und die es zu entdecken lohnt. Muse zu sein ist meine Berufung. Ich habe schon früh gespürt, eine bestimmte Aufgabe zu haben, und ich hatte auch immer ein Gefühl dafür, wer und wie die Menschen sind, denen ich begegne. Und auch, wie sie einander guttun, einander weiterbringen können. Aber ich hatte erst keine Vorstellung, wie ich das alles bündeln könnte.

          Werden Sie doch ,Muse‘: Das ist ja vermutlich nicht das Erste, was man bei der Berufsberatung hört? Wie kam der Begriff zu Ihnen?

          Ich hatte ihn im Alter zwischen zwölf und vierzehn irgendwo aufgeschnappt, und etwas machte klick. Ich wusste, das ist das Wort zu der Berufung, die ich spüre. Es ein großes Glück. Dass mir dieser Begriff begegnet ist. Dafür war ich total dankbar. Anderen Menschen begegnet ihr Begriff nicht. Auch dabei helfe ich ihnen: ihren Begriff gemeinsam mit ihnen zu finden.

          Die landläufige Vorstellung von Musen sind ja eher die einer Art privater Cheerleader.

          Dieses Klischee hat mich lange davon abgehalten, meine Berufung umzusetzen, und ich freue mich immer, wenn ich mit ihm aufräumen kann. Also: Die ältesten Textdokumente der Welt handeln schon von Musen, Schirmherrinnen der Kreativität, die sich auf Literatur, Wissenschaft und Kunst verstanden. Muse ist man also nicht für einen Mann oder einen Künstler. Muse zu sein ist eine Selbstbestimmung. Es liegt in mir und nicht im Auge des Betrachters.

          Es steckt in dem Begriff aber doch die Vorstellung von Weiblichkeit, die an sich schon inspirierend ist?

          Weiblichkeit steht für Fruchtbarkeit und Schöpfung. Schon deshalb kann sie natürlich inspirierend sein. Aber die Musen – man sagt es gab bis zu neun – inspirieren nicht kraft ihres Frauseins. Sie waren und sind im ursprünglichen Sinn immer Hebammen des Menschen für sich selbst, für die Seele, um als Medium und Vermittler das aus ihm herauszuholen, was er wirklich ist. Egal, ob das nun beruflich ist oder privat. Und es spielt auch keine Rolle, ob einer Wissenschaftler oder Erfinder oder eben Künstler ist.

          Wie hat man sich so eine ‚Bemusung’ vorzustellen?

          Das ist individuell. Bei manchen dauert es nur ein paar Stunden. Bei anderen Tage. Ich arbeite meist mit Ausflügen. Das heißt, wir gehen spazieren in der freien Natur, dort kommen die Menschen ins Fühlen und Spüren. Die Gespräche erhalten so eine besondere Qualität durch die wechselnde Umgebung. Und die frische Luft belebt Körper und Geist.

          Was versprechen sich die Leute davon? Beziehungsweise: Was finden Sie bei Ihnen?

          Meist sind die Leute auf der Suche nach Veränderung. Sie wollen ihr Potential entfalten, vielleicht schöpferisch wirken, brauchen vielleicht einen Ansporn oder Inspiration, wollen entdecken, was in ihnen steckt und sich selbst besser kennenlernen.

          Wo liegt der Unterschied zu einem Coaching oder einer Therapie?

          Es ist ein anderer Ansatz. Im Coaching mache ich jemanden fit für eine bestimmte Aufgabe. In der Therapie arbeite ich an Konflikten und Problemen. Mir aber geht es um die Berufung, um Transformation. Ich will mit den Menschen finden, was in ihnen steckt, was sie glücklich macht. Mit sich selbst und in der Welt. Ich habe aber durchaus auch schon Menschen zu Coachings oder zu einer Psychotherapie geraten.

          Steckt wirklich in jedem Menschen etwas Besonderes? Gibt es nicht auch solche, bei denen der göttliche Funke einfach nicht zündet, egal, wie viel Feuer man daran hält?

          Ich habe noch nie jemanden getroffen, aus dem es nichts rauszuholen gab. Ich habe manchmal Menschen getroffen, bei denen es vielleicht noch nicht an der Zeit war, sich zu öffnen und der Transformation den nötigen Raum im Leben zu geben.

          Ist es nicht auch ein anstrengendes und letztlich auch frustrierendes Konzept, dass immer alles erfüllend sein soll, was man tut?

          Bei mir geht’s im Normalfall gar nicht darum, dass jemand sagt: Mensch, ich muss jetzt alles anders machen und alles hinschmeißen. Es gibt zwar durchaus Leute, die mit so einem Drang zu mir kommen. Aber ich schaue dann gemeinsam mit demjenigen: Wer bist du, wer bist du wirklich? Woher kommt dieser Drang? Steckt etwas ganz anderes dahinter, das eigentlich gelebt werden will und soll? Am Ende stehen manchmal kleine Veränderungen oder solche, die nur innerlich stattfinden und sich nach außen gar nicht darstellen.

          Der Musen-Kuss ist also im Zweifel nicht unbedingt tödlich für eine bürgerliche Existenz als Buchhalter und für die Altersvorsorge?

          Manche Menschen haben diese Sorge, dass sie am Ende ihr ganzes Leben umkrempeln. Nein, man muss sowieso gar nichts. Wer bei mir war, hat einfach ein besseres, klareres Bild von sich selbst. Ein ehrliches Bild, ein sehr liebevolles Bild.

          Wie lange begleiten Sie die Leute?

          Alle, mit denen ich mal gearbeitet habe, halten den Kontakt. Man mag sich ja und hat eine starke Verbindung. Aber im Normalfall arbeite ich nur einmal mit dem Menschen.

          Ist eine Muse auch kreativ oder ist sie ausschließlich das Medium, das anderen hilft, ihre Kreativität nach vorne zu bringen?

          Ich schreibe total gerne. Und ich liebe Gedichte sehr, deshalb liebe ich auch Rap-Musik und schreibe Rap-Texte. Das ist eines meiner Hobbys. Weil auch vieles in Reimen aus mir herausfließt. Interessanterweise auch, wenn ich mit jemand gearbeitet, in jemanden hineingespürt habe. Dann erzählt das Innere auch etwas in Gedichtform, und ich schreibe das für den Menschen auf. Das ist immer ein sehr toller Moment, wenn ich das innerlich Wahrgenommene in Worte fasse und erzähle.

          Was macht eine Muse, um auch einmal von der Muse geküsst zu werden?

          Sie geht in die Natur. Die gibt mir wahnsinnig viel. Die brauche ich. Die wilde Natur. Nicht den Stadtpark. Und ich brauche es, an die Natur angebunden zu sein, mich in ihr zu bewegen. Frische Luft atmen. Das Grüne sehen, in Kommunikation mit der Natur kommen, Magie fließen lassen. Das hilft immer.

          Offenbar haben Sie den beruflichen Aussichten einer Muse selbst nicht ganz getraut, denn Sie haben studiert.

          Mich hielt dieses Musen-Klischee rückwirkend viel zu lange davon ab, daraus einen Beruf zu machen. Deshalb wollte ich dann wenigstens etwas studieren, worin ich meine Kreativität auszudrücken lerne, und habe dann aber meinen Master in Media Direction gemacht, gerade weil das meiner ganz klassisch orientierten Berufung total entgegensteht. Und weil ich gerade wegen meiner klassischen Orientierung auch in dieser Zeit zu Hause sein wollte. Ein weiteres Plus: Ich kann mich in allen medialen Formen ausdrücken und Menschen auch darin unterstützen. Obwohl ich gerade mit diesem Background gelernt habe, dass man als Mensch immer noch das stärkste Medium von allen ist.

          War das der Grund, in Frankfurt einen Film-Stammtisch ins Leben zu rufen?

          Es gab schließlich doch viele Parallelen: Geschichten interessieren mich, und Authentizität interessiert mich. Und etwas auf den Weg zu bringen, das wirklich aus dem Menschen, aus der Seele herauskommt. Und auch: Die Menschen zusammen zu bringen. Aus meiner beruflichen Arbeit mit Filmschaffenden ist dann unter anderem auch der Film-Stammtisch entstanden, der jetzt schon fünf Jahre lang besteht.

          Wäre es nicht möglich, dass es da draußen noch sehr viel mehr Kinder und Jugendliche gibt, die ähnlich wie Sie eine Aufgabe spüren, aber ebenso wie sie anfangs keine Worte dafür haben?

          Das habe ich sogar schon oft beobachten dürfen. Deshalb habe ich auch einige Schulen angeschrieben und gefragt, ob ich da Lehrerin werden darf für Philosophie und Kunst. Bereiche, mit denen man schön abdecken kann, was eine Musenzeit ausmacht: Das Geistige wie das Praktische. Kreative Impulse setzt, zwischen Mensch und Natur eine Verbindung herstellt, Persönlichkeitsentwicklung unterstützt.

          Wie waren die Reaktionen?

          Ich bin jetzt Lehrerin an einer Schule und unterrichte dort verschiedene Klassen. Wir beschäftigen uns da mit Fragen wie dieser: Wie kann ich ein Gespür für mich selbst entwickeln und dadurch auch Empathie für andere? Was macht mich glücklich? Wo könnte mein Platz in der Gesellschaft liegen? Was ist, wenn es im Leben mal nicht so gut läuft? Es geht darum, die Welt zu verstehen, das Leben kennenzulernen, sich selbst und die anderen.

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