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Ensemble Modern : Vertrauen ist eine ästhetische Kategorie

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Mit Abstand und doch von großer Intensität: Festakt zum 40. Geburtstag des Ensemble Modern in der Alten Oper Frankfurt Bild: Wonge Bergmann

40 Jahre, 40 Uraufführungen in einem Live-Stream: Unter der Leitung von Ingo Metzmacher feiert das Ensemble Modern Jubiläum. Und der Laudator sagt: „Die spielen um ihr Leben“.

          3 Min.

          Ob jemand geredet hat oder „ostentativ geatmet“, gehustet, geseufzt oder mit Münzgeld geklappert, ob sich also jemand womöglich nicht an die „zehn Konzert-Gebote in Zeiten von Corona“ gehalten hat, die Ilija Trojanow zu Beginn seiner „Festrede in sieben Akten“ postuliert hatte, ist nicht bekannt. Denn alle, die dem Ensemble Modern lauschten, ihm 40 Uraufführungen lang konzentriert auf den Fersen blieben, taten das aus der Ferne, via Livestream und digital. Das freilich war die gute Nachricht: Jenes Festkonzert, mit dem die 19 Ensemble-Mitglieder in der Alten Oper den 40. Jahrestag ihres ersten öffentlichen Auftritts feierten, konnte stattfinden, mit Ingo Metzmacher als Dirigent, mit einem Reigen von kaum mehr als drei Minuten kurzen Uraufführungen von Stücken, die 40 Komponistinnen und Komponisten für diesen Anlass geschrieben haben. Und mit Schriftsteller Trojanow als Laudator, der die Teile seiner Festrede zwischen den dramaturgisch schlüssig zusammengestellten Gruppen von jeweils fünf, sechs neuen Stücken plazierte.

          Natürlich erinnerte Trojanow an das erste Konzert im Jahr 1980, auf dessen Programm Musik von Arnold Schönberg stand, der mit der Besetzung seiner für 19 Instrumente komponierten zweiten Kammersinfonie dem Ensemble Modern den bis heute gültigen Besetzungsrahmen vorgab. An die Regeln in Schönbergs „Verein für musikalische Konzertaufführungen“, in dessen Konzerten dem Publikum Beifalls- wie Missfallensbekundungen streng untersagt waren, erinnerten ein wenig auch die Umstände im Großen Saal der Alten Oper.

          Kleine Lichtshow

          Denn das Ensemble Modern stellte die Stücke, die von Altmeistern wie Heinz Holliger und Manfred Trojahn ebenso stammten wie von jüngeren Kol-leginnen und Kollegen, etwa von Brigitta Muntendorf oder dem Rihm-Schüler Johannes Motschmann, ganz für sich stehend vor. Die kleine Lichtshow zu Fred Friths rhythmisch atemlosem „Dancing in Place“ hob sich mit seltener Effekthaftigkeit von der geradezu mit Händen zu greifenden Intensität und Konzentration ab, die sich sogar im digitalen Konzertformat vermittelte. Daran hatte die intensive Auseinandersetzung mit jedem noch so minutenkurzen Stück ebenso ihren Anteil wie das gleichermaßen unaufdringliche und souverän-präzise Dirigat Ingo Metzmachers, aber auch die hervorragend jeden Hölzchenschlag und jedes Steinknirschen aushorchende Klangregie der Übertragung.

          „Vertrauen ist eine ästhetische Kategorie“ sagte Ilija Trojanow, als er vom „Pioniergeist“ des Ensembles sprach. Vertrauen in das Ensemble Modern haben sie alle, die Komponisten, die in diesem Festkonzert erklangen, manche seit den Jahren der Gründung. Mit Heiner Goebbels und dessen „Anaconda’s Song“ beschritten die Instrumentalisten wieder einmal die Brücke zum Theatralischen im Konzertanten, bei Peter Eötvös durfte es humorvoll zugehen. Er hat seinem Stück „Ein Weihnachtslied“, das eine verdächtig nach Gratulationsjubel klingende ungarische Melodie um eine akustische Stallszene samt Ochs- und Eselsrufen anreichert, einen von den Auftraggebern ganz ausdrücklich erwünschten weihnachtlichen Festbezug einkomponiert. Ihm gleich taten es Bernhard Gander, der „Maria durch ein Dornwald ging“ akustisch seziert hat, auch George Benjamin mit „Stille Nacht“, für ein kleines Streicherensemble.

          Eine postume Uraufführung stammte von dem im vergangenen Juli im Alter von 91 Jahren gestorbenen Ennio Morricone, „per i 40 anni“, für 40 Jahre, in denen sich das Ensemble Modern nie von den Grenzen zu anderen Genres aufhalten ließ. Die „Geburtstagsgrüße aus Essaouira“, die Georg Friedrich Haas schickte, mochten an die Weltläufigkeit der weit- und vielgereisten Musiker ebenso erinnern wie das Deklamations-Staccato in „DGAM“ des palästinensisch-israelischen Komponisten Samir Odeh-Tamimi.

          „Die spielen um ihr Leben“

          Die Playback-Einspielung dieses stark von vokalen Anteilen geprägten Stücks war den aktuellen Corona-Restriktionen geschuldet, die sich ansonsten leicht vergessen ließen in diesem digitalen Klangraum. Laudator Trojanow rief Hans Zenders Charakterisierung des Ensemble Modern in Erinnerung: „Die spielen um ihr Leben“. „Der Rest ist – Denken“ hatte ein anderer festgehalten, Helmut Lachenmann. Von ihm stammte das Schluss- und Überraschungsstück des Abends, mit acht Minuten Dauer den zeitlichen Rahmen ebenso sprengend wie die Fesseln des Gleichschritts: „Marche fatale“, 2017 für Klavier komponiert, erklang erstmals in der Fassung für Ensemble, eine Festmusik wie ein Jahrmarktstrubel – hinreißend, mitreißend!

          Die Aufzeichnung des Konzerts ist noch bis Anfang März auf ensemble-modern.com/on-air zu erleben.

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