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Verlegerin Anya Schutzbach : Im Dienst der guten Sache

Vom Main nach St. Gallen: Anya Schutzbach wechselt vom Büchermachen als Verlegerin auf die Seite der Literaturvermittler. Bild: Helmut Fricke

Die ehemalige Weissbooks-Verlegerin Anya Schutzbach baut in der Schweiz ein Literaturhaus auf. Es ist nach einer Heiligen benannt – und soll in einem alten Hotel untergebracht werden.

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          Für sie ist es eine Art Heimkehr. Lange hat Anya Schutzbach an Rhein und Main gelebt, seit kurzem hat sie beruflich in der Ostschweiz zu tun. Anfang November hat die gestandene Bücherfrau, die bei Suhrkamp in Lektorat und Marketing arbeitete und 2007 zusammen mit ihrem Kollegen Rainer Weiss den Verlag Weissbooks gründete, ihren Posten als Programmleiterin des Literaturhauses St. Gallen angetreten. Sie kennt die Gegend am Bodensee bestens. Die 1963 geborene Literaturwissenschaftlerin ist bei Überlingen auf der deutschen Seite aufgewachsen, weiß, wie man mit Fähren umgeht, und erinnert sich daran, wie man auf dem Schulhof mit Jeans und Schuhen punkten konnte, die man sich in Zürich gekauft hatte. Für sie hat der Wechsel vom Verlegen zum Vermitteln von Büchern daher etwas Anheimelndes: „Das war wie ein Zurückkommen in das erweiterte Land der Kindheit.“

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit Sommer 2019 wohnt Schutzbach in Zürich bei ihrem Lebensgefährten. Von dort aus pendelt sie zwischen dem kleinen Haus seiner Großmutter im Kanton Glarus, das beiden im Corona-Frühjahr zum Homeoffice geworden ist, ihrem Arbeitsplatz in St. Gallen und ihrem Elternhaus in Überlingen hin und her. Und freut sich über die Pünktlichkeit der Schweizer Eisenbahn: „Wie in Japan.“ Das sagt der Japanologin etwas, die zum Studium nach Frankfurt kam und sich an der Goethe-Universität in den Fernen Osten vertiefte, ehe es an die Lindenstraße im Westend zu Suhrkamp ging.

          Jetzt also die Leitung des Literaturhauses Wyborada. Den Namen hat es von einer St. Gallener Kirchenfrau aus dem Mittelalter, nach der sich 1986 ein feministischer Verein benannte, der eine Frauenbibliothek gründen wollte. Sie gibt es längst, gefördert von Stadt, Kanton und diversen Mäzenen, als Bücherei und Begegnungsstätte. Seit Herbst 2019 gibt es aber auch den Plan, zur Belebung der Vereinsarbeit und Gewinnung jüngerer Mitglieder ein Literaturhaus aufzubauen, das in der Region bislang fehlt und weit in sie ausstrahlen könnte. Untergebracht werden soll es in einem alten Hotel, ein Nutzungskonzept gibt es schon, mit Gastronomie und Vermietungen.

          Bett aus Stein mit Holzblock als Kopfkissen

          Gut geplant und mit eigenem Kopf ging auch Wyborada vor, die im zehnten Jahrhundert in der kleinen Stadt mit dem großen Kloster lebte und sich schon früh die alte Christenfrage nach dem besten Weg zum gnädigen Gott stellte. Sie sorgte für die Armen, lernte auf einer Pilgerfahrt nach Rom aber auch Nonnen kennen, die sich einmauern ließen, was ihr als Beweis höchster Hingabe erschien. Nach ihrer Rückkehr versuchte sie jahrelang, den Abt von St. Gallen davon zu überzeugen, ihr ebenfalls eine solche Klause einzurichten.

          Als es geschafft war, schlief sie auf einem Bett aus Stein mit einem Holzblock als Kopfkissen. Mit der Außenwelt verband sie ein Fenster, durch das sie ihre Seelsorge für die Armen fortsetzte. „Ihr Rat soll der Überlieferung zufolge ausnahmslos gut gewesen sein“, sagt Schutzbach. Wyboradas Einfühlsamkeit ließ ihr zudem Vorahnungen zuteilwerden. Die folgenreichste betraf den Einfall der Ungarn, vor dem sie den Abt warnte, der daraufhin die bis heute bedeutende Stiftsbibliothek in Sicherheit bringen konnte. Nicht in Sicherheit brachte sich Wyborada, die während der Eroberung der Stadt im Jahr 926 ermordet wurde. 1047 wurde sie heiliggesprochen.

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          Eine abenteuerliche Vita. „Und eine phantastische Geschichte für uns heute, die wir Symbole brauchen, um etwas so Abstraktes wie ein Literaturhaus aufzubauen“, sagt Schutzbach, die sich im Sommer 2019 mit dem seit 2017 von ihr allein geführten Weissbooks-Verlag von Frankfurt nach Zürich aufmachte, um ihre deutschsprachigen Gegenwartstitel dem internationalen Programm des Unionsverlags zur Seite zu stellen. Wo ihr und Lucien Leitess, dem Leiter des angesehenen Independent-Hauses, die Pandemie einen Strich durch die Rechnung machte.

          „Zum Abschluss eines Jahres, das schwierig war“
           

          Im Corona-Jahr mit all seinen unternehmerischen Risiken entschieden sie, besser nicht mit zwei langsam zu einem Ganzen zusammenzufügenden Programmsparten und zwei Geschäftsführerposten weiterzumachen. Schutzbach sah die Stellenausschreibung für St. Gallen, bewarb sich, wurde genommen und hörte auf, Verlegerin zu sein: „Es war nicht leicht, aber von einem gewissen Punkt an vernünftig.“

          Jetzt plant sie ihr erstes eigenes Programm und setzt Akzente. Am 10. Dezember liest im Kunstmuseum St. Gallen Anna Stern, die frisch gekürte Gewinnerin des Schweizer Buchpreises – Veranstaltungen mit bis zu 50 Gästen finden in der Schweiz noch statt: „Ein kurzes Highlight zum Abschluss eines Jahres, das schwierig war.“ Sie plant Lesungen, Diskussionen und die technische Ausstattung für ein Hybridprogramm aus Präsenzveranstaltungen und beibehaltenem Digitalem für zusätzliche Reichweite.

          Und denkt oft an die Stadt, in der sie 35 Jahre lang gelebt hat: „Darf ich sagen, dass ich Frankfurt vermisse?“ Wenn sie sich erinnert, geht es um ihren ersten Studentenjob in der Alten Oper und zwölf Jahre an der Lindenstraße, wo sie morgens mit dem Fahrrad um die Ecke bog: „Ich hatte immer das Gefühl: Gott, gehe ich hier gerne hin.“ Sie denkt an die Frankfurter Poetikvorlesungen auf dem Westend-Campus und morgendliche Fahrradfahrten zum Atelier Frankfurt im Osten, wo Weissbooks zuletzt seinen Sitz hatte. Und an den Flughafen, „das Faszinosum“, wo sie während des Studiums für Japan Airlines und Swiss Air jobbte. Abends, wenn die letzte Maschine aus Basel gelandet war, eine Fokker 50, ging sie zu Fuß über das Rollfeld zur kleinen Propellermaschine. Seit einem Jahr ist sie nicht mehr am Main gewesen, wo sie noch immer viele Freunde hat. Es wird Zeit für einen Besuch: „Zwischen den Jahren möchte ich kommen.“ Und danach zurück zur Aufbauarbeit.

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