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Ute Lemper in Frankfurt : Melancholischer Blick zurück

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Rendezvous mit der Vergangenheit: Ute Lemper singt in der Alten Oper Lieder von Weill, Hollaender und Eisler. Bild: Wonge Bergmann

Ausdrucksstarke Interpretationen: Ute Lemper verbeugt sich in der Alten Oper vor Brecht, Weill und Marlene Dietrich. Das Programm ist vielfältig. Und weist einige Parallelen zur Gegenwart auf.

          3 Min.

          Als Ute Lemper zuerst deutsche, dann internationale Showbühnen eroberte, wurde sie rasch als „junge Marlene Dietrich“ etikettiert. Ende der achtziger Jahre führte die seinerzeit Mittzwanzigerin dann ein seither oft kolportiertes dreistündiges Telefonat mit dem legendären Kinostar. 32 Jahre später erweist die mittlerweile 56 Jahre alte Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin Ute Lemper der Dietrich nicht nur in ihrem langjährigen Bühnenprogramm „Rendezvous mit Marlene“ unverbrüchliche Treue. Auch im Liederabend „Dreiecksbeziehungen: Brecht – Weill – Lemper“ mit der Kammerakademie Potsdam unter Leitung von Dirigent Antonello Manacorda bleibt die 1992 im Alter von 90 Jahren verstorbene Diva mit Berliner Wurzeln überaus präsent.

          Mittendrin im Reigen um nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ins Ausland emigrierte deutsche Künstler erzählt Lemper eine Anekdote aus der Nachkriegszeit: Regisseur Billy Wilder bat die Dietrich nicht nur, eine der Hauptrollen in seinem nächsten Projekt zu übernehmen, sondern auch mit ihm gemeinsam im zerbombten Berlin nach geeigneten Drehorten zu suchen. „Willst du in dieser Trostlosigkeit wirklich drehen?“, soll eine entsetzte Marlene daraufhin Wilder gefragt haben. Tatsächlich entstand 1947/48 die herrliche Komödie „A Foreign Affair“. Ein bis heute nicht ins Deutsche synchronisierter, sondern lediglich untertitelter Kinofilm über die libidinösen Verflechtungen amerikanischer Soldaten mit deutschen „Frauleins“ im Berlin kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

          Als resolute Nachtklubsängerin Erika von Schlütow verfällt die Dietrich darin einem schmucken Captain. Komponist Friedrich Hollaender, der 1933 vor den Nazis floh, spielte in dem Film nicht nur ihren Pianisten im Nachtklub Lorelei, sondern zeichnete auch für die Songs der Dietrich verantwortlich. Einen davon, „The Ruins Of Berlin“, führt die in armloser bodenlanger Abendrobe gekleidete Lemper im Repertoire. Mehr noch. Nicht nur bei den drastischen Schilderungen des zerstörten Berlins macht sie immer wieder mal die typische Marlene-Geste: Mit einer maskulinen Handbewegung von links nach rechts beseitigt sie imaginären Rotz von der Nase. Mit „Wenn ich mir was wünschen dürfte“, einer Moll-Melancholie in Zeitlupe, steht ein weiterer Klassiker der langjährigen Dietrich-Hollaender-Kollaboration von 1931 auf dem Programm. Auch Gilbert Bécauds „Marie, Marie“, ein Chanson des Kriegsgefangenen Nummer 1204 an die Verlobte daheim, schrieb der Franzose direkt für die Dietrich.

          Erhobener moralischer Zeigefinger

          Melancholie prägt auch die anderen Programmpunkte: Sowohl die klassischen Orchesterwerke „Kleine Sinfonie op. 29“ von Hanns Eisler zum Auftakt oder Paul Hindemiths „Kammermusik Nr. 1 op. 24 Nr. 1“ direkt nach der Pause als auch die von Lemper mit tiefem Timbre ausdrucksstark interpretierten Lieder tauchen ein in Leid, Elend, Verzweiflung und Seelenpein: Eislers von Kurt Tucholsky getextetes Antikriegslied „Der Graben“ etwa, vor allem aber die Chansons „Je Ne Sais Pas“, „Amsterdam“ und „Ne Me Quitte Pas“ von Jacques Brel. Wobei Brel als belgischer Komponist der Nachkriegsära nicht so ganz ins Konzept passen will. Allein Kurt Weills Ballade „September Song“, eine Studie über den zweiten Frühling im Herbst des Lebens, den der nach New York geflohene ehemalige Kompagnon von Bertolt Brecht fürs Broadway-Musical „Knickerbocker Holiday“ verfasste, verströmt positiven Liebreiz.

          Zum Glanzstück gerät indes das finale Epos „Die sieben Todsünden“ von Brecht und Weill. Bei der Premiere 1933 in Paris als Ballett angelegt, verdichten sich eine nun auch mimische Lemper und der vierköpfige Männerchor Hudson Shad zur Einheit mit verteilten Rollen.

          Involviert im Plot sind Anna, eine junge Frau im Amerika der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, die von den Daheimgebliebenen auf eine siebenjährige Reise geschickt wird, um Geld zu beschaffen. Eindrucksvoll spannungsgeladen haken sich auf Annas Reisestationen die Todsünden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid ab. Immer wieder warnt die Familie die Umherreisende, aber lediglich aus einem Grund: die Geldmittel müssen fließen. Um nicht zu zerbrechen, spaltet Anna ihr Ich in zwei Persönlichkeiten – in eine pragmatische und eine sensible Variante. Das ewig mahnende familiäre Kollektiv, darauf erpicht, den eigenen Wohlstand zu mehren und dafür Anna zu opfern, dient als Metapher für die Gesellschaft: Mit erhobenen moralischem Zeigefinger („Müßiggang ist aller Laster Anfang“) predigt sie zwar fromm Wasser, möchte aber ausschließlich Wein saufen. Gewisse Parallelen zur Gegenwart erweisen sich als unverkennbar.

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