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Musiktheaterstück „Pygmalia“ : Der selbst gemachte Traummann

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Einen Dirigenten wird es nicht geben: Manos Tsangaris probt mit dem Ensemble Modern für die Uraufführung seines Musiktheaterstücks „Pygmalia“. Bild: Lucas Bäuml

Mit seinem Musiktheaterstück „Pygmalia“, das mit dem Ensemble Modern in der Alten Oper uraufgeführt wird, will Manos Tsangaris ein mythologisches Sujet in die Gegenwart übertragen.

          3 Min.

          Pygmalia schafft sich den idealen Mann. Als Titelfigur im Musiktheaterstück von Manos Tsangaris ist sie dazu praktischerweise Videokünstlerin. Und Bildhauerin, analog zu ihrem mythologischen Vorbild Pygmalion, der sich in sein eigenes Werk so sehr verliebte, dass die Liebesgöttin Venus sich erbarmte und die Statue zum Leben erweckte. Die Uraufführung des Stücks, das somit ein altes Sujet in die Gegenwart überträgt, soll am 3. Februar im Mozart-Saal der Alten Oper stattfinden. Die Proben dafür laufen mit allen Beteiligten, Licht- und Videokünstlern, den beiden Sängern und den Musikern des Ensemble Modern unter erschwerten Bedingungen: im eher beengten Dachsaal der Deutschen Ensemble Akademie.

          „Ich sehe die anderen nicht“, sagt Pianist Hermann Kretzschmar hinter einer Säule. Anderen geht es ähnlich. Deshalb übernimmt Geiger Jagdish Mistry für diese Probe die eigentlich nicht vorgesehene Rolle des Dirigenten. Manos Tsangaris, Komponist von Licht, Ton und Szene sowie gleichzeitig Texter und Regisseur, erläutert Zusammenhänge und ist mit den Ergebnissen schon ziemlich zufrieden. Warum möchte er dabei eigentlich keine Unterstützung durch einen Dirigenten? „Weil ich das Stück als Ansammlung von Duos geschrieben habe. Da sollen sich die Duo-Partner direkt miteinander abstimmen“, erläutert er.

          Musiktheater mit Aspekten einer Installation

          Am Ende des vielleicht gerade deshalb so intensiven Probentags gönnt sich Tsangaris ein Bier im Bahnhofsviertel. Essen kann er noch nichts. Dafür ist er innerlich noch zu beschäftigt. Denn während der vorgeschriebenen Lüftungspausen bei den Proben im Dachsaal gab es immer wieder Telefonate um die Münchner Biennale, das von Hans Werner Henze gegründete Festival für Neues Musiktheater, das er seit 2016 gemeinsam mit Daniel Ott künstlerisch leitet.

          Aber für ein Gespräch ist er offen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Komponist werde“, plaudert der 1956 in Düsseldorf Geborene, dessen Aktivitäten als Lyriker, Komponist, Installations- und Performancekünstler oft nahtlos ineinander übergehen. Ursprünglich studiert hat er parallel an der Kunstakademie Düsseldorf und an der Kölner Musikhochschule, dort neben Schlagzeug auch Neues Musiktheater bei Mauricio Kagel.

          Auch „Pygmalia“ hat Aspekte einer Installation. Wenn das Publikum den Mozart-Saal betritt, wird es seine gewohnten Plätze kaum finden. Denn im mittleren Bereich werden die Stuhlreihen herausgenommen, um das Zentrum des Saales zur Bühne zu machen. Die eine Hälfte der Zuschauer wird dort sitzen, wo sonst die Bühne ist. Die andere Hälfte gegenüber, teils unter dem Balkon. Auch die Bühne ist ihrerseits unterteilt, in eine „Sie-Seite“ und eine „Er-Seite“. „Ich will, dass die Musiker direkt mit den Zuhörern kommunizieren“, sagt Tsangaris. „Dadurch schaffen sie einen Vordergrund. Was auf der anderen Seite der Bühne, im Hintergrund passiert, werden die Zuhörer aus ihrer Wahrnehmung ausfiltern.“ In regelmäßigen Abständen werden die beiden Parallelhandlungen in sogenannten Konnexen verbunden. In der Mitte des Abends tauschen die Zuhörer die Seiten. Wer zuerst die „Sie-Seite“ kennengelernt hat, bekommt jetzt die „Er-Seite“ präsentiert und umgekehrt. Es geht um einen echten Perspektivwechsel, nach dem sich die Geschichte sehr anders darstellt.

          „Mich interessiert die Frage, wie wir unsere Vorstellungen von Wirklichkeit generieren“, betont Manos Tsangaris. „Wir nehmen ja nicht eins zu eins wahr. Ein kleines Kind sieht die Welt zunächst auf dem Kopf stehend. Es ertastet seine Umgebung und schafft einen Kontext, der das Bild korrigiert.“ Dieses Prinzip setzt sich im Idealfall ein Leben lang fort. Nicht von ungefähr ist das Kinderspiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – in der klangvolleren englischen Variante „I spy with my little eye“ – ein Teil von diesem Stück: „In diesem Spiel wird Wahrnehmung abgeglichen, Intersubjektivität geschaffen“, sagt Tsangaris.

          „Ich denke Musiktheater grundsätzlich als ein Forum, in dem Modelle der Wirklichkeit und des Daseins probiert werden können. In Pygmalia sind alle als leibliche Wesen in einem echten Raum anwesend. Die beiden Publika sehen über die Musiker hinweg auch einander. Das ermöglicht eine viel umfänglichere Form von Wahrnehmungsbezügen als etwa ein Film oder eine Guckkastenbühne.“ Klangregisseur Lukas Nowok, derzeit Stipendiat der Internationalen Ensemble Modern Akademie (IEMA), macht dazu Ansagen zur Orientierung: Nicht nur die Musiker, auch die Zuschauer sollen sehr genau wissen, an welchem Teil im Stück sie sich befinden. Wenn sie diesem Teil nach dem Perspektivwechsel ein zweites Mal begegnen, können sie ihre beiden Eindrücke abgleichen.

          Klappt es denn nun eigentlich zwischen Pygmalia und ihrem Design-Mann? Manos Tsangaris weicht aus: „Pygmalia ist in mehrfacher Hinsicht eine Fortsetzung meiner ‚Abstract Pieces‘ von 2018. Darin habe ich die Orpheus-Sage so umgeschrieben, dass es Orpheus gelingt, seine geliebte verstorbene Eurydike aus dem Totenreich herauszuführen. Aber das glückliche Leben als Paar dauert nicht lange. Eurydike hat bald genug von ihm und verlässt ihn. Verliebt sein reicht nicht, um den Alltag zu meistern“, sagt Tsangaris. Und er ergänzt: „Nicht von ungefähr suchen Millionen von Menschen ihre Partner eher im Internet als unter den Menschen, die sie kennen: Nur das, was weit genug weg ist, damit wir projizieren können, vermag idealen Ansprüchen zu genügen.“ Die Frage bleibt nur, ob Pygmalias selbst gemachter Traummann da eine Ausnahme bildet.

          Die Uraufführung beginnt am 3. Februar um 19 Uhr in der Alten Oper. Eine Wiederholung folgt am selben Abend von 21 Uhr an.

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