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Umzug nach Berlin : Suhrkamp verlässt Frankfurt

  • Aktualisiert am
In einem Jahr eine Berliner Adresse: der Suhrkamp-Verlag
          2 Min.

          Der Suhrkamp Verlag zieht nach Berlin. Das hat Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz am Freitag auf einer Mitarbeiterversammlung bekanntgegeben. Der Umzug erfolge zu Beginn des nächsten Jahres, heißt es in einer Mitteilung des Verlags. In Frankfurt soll eine Dependance eingerichtet werden, in der alle drei Stiftungen des Verlags verbleiben. Ob darüber hinaus weitere Teile des Verlags in Frankfurt bleiben, ist nach Aussagen der Verlagsleiterin noch nicht endgültig entschieden. Auch in der Frage eines Verkaufs des jetzigen Verlagssitzes an der Lindenstraße sei noch keine Entscheidung gefallen. Der Hauptteil des Verlags gehe jedoch nach Berlin.

          Weitere Gespräche geplant

          Um Suhrkamp in Frankfurt zu halten, hatte die Stadt der Geschäftsführung angeboten, dem Verlag den derzeitigen Sitz des Börsenvereins am Großen Hirschgraben zu überlassen. Aus dem Römer war zu hören, der Verlag und die Stadt hätten verabredet, nächste Woche weitere Gespräche zu führen. Frankfurts Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) bedauerte den Umzugsentschluss. Die Stadt habe dem Verlag aufgrund seiner Bedeutung für Frankfurt Vorschläge unterbreitet, die den Verbleib in Frankfurt zum Gegenstand gehabt hätten. Die Stadt sei jedoch auch zur Ausgestaltung einer Dependance bereit. Dies gelte allerdings nur für den Fall des Verbleibs namhafter Verlagsteile in Frankfurt.

          Semmelroth äußerte seine Enttäuschung darüber, dass intensive Gespräche mit dem Verlag erst in den vergangenen Wochen möglich geworden seien. Die Stadt habe sich um sie seit vielen Monaten bemüht. Zum Angebot der Stadt zählt nach Äußerungen aus dem Römer noch immer, das Frankfurter Wohnhaus der Verlegerin an der Klettenbergstraße, das als Zweigstelle des Verlags am Main dienen soll, zu kaufen, zu sanieren und dem Verlag sodann in Erbpacht zu überlassen.

          Angestellte des Verlages geschockt

          Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) freute sich über das „eindeutige Bekenntnis“ des Verlags zur Bundeshauptstadt. „Es ist eine gute Entscheidung für unsere Stadt.“ Auch Wirtschaftssenator Harald Wolf zeigte sich erfreut über den Umzug. In Berlin, das in den vergangenen Jahren wieder zum geistigen und kulturellen Zentrum der Bundesrepublik geworden sei, werde Suhrkamp im Mittelpunkt der politischen und geistigen Debatten stehen. Aus der Berliner Senatskanzlei war unterdessen zu erfahren, dass die Verhandlungen Suhrkamps mit der Stadt Berlin erst in den nächsten Tagen abgeschlossen werden.

          Aus dem Suhrkamp-Betriebsrat hieß es, die Angestellten des Verlags seien „geschockt“. Volker Koehnen, Sprecher für Kunst, Kultur und Medien im hessischen Landesbezirk der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, sagte, die Errichtung der von der Verlagsleitung angekündigten Frankfurter Dependance dürfe kein „Trostpflaster“ sein. Frankfurt müsse gleichberechtigter Verlagsstandort bleiben. Die Gewerkschaft werde in den kommenden Wochen zusammen mit dem Betriebsrat dafür sorgen, dass mit den Beschäftigten „nicht Schlitten gefahren werde“.

          Wie der Verlag mitteilt, hat die Unseld Familienstiftung, die die Mehrheit an Suhrkamp, Insel und der Verlagsleitung GmbH hält, ihren Rechtsstreit mit der Medienholding Winterthur AG, einem der beiden Minderheitsgesellschafter des Verlags, beigelegt. Die Einigung erlaubt es der Verlegerin, der Holding ihre Anteile abzukaufen. Weiter heißt es in der Verlagsmitteilung, die Gesellschafter hätten den Umzugsvorschlag der Geschäftsführung nur „mehrheitlich“ begrüßt. Ob dies bedeutet, dass Mitgesellschafter Joachim Unseld den Umzug hinauszögern will, war am Freitag nicht in Erfahrung zu bringen.

          Nicht unter den Top 30, aber...

          Im Ranking der größten deutschen Buchverlage taucht Suhrkamp nicht einmal unter den Top 30 auf. Doch kein anderes Haus hat nach dem Zweiten Weltkrieg so viele bedeutende Schriftsteller und Philosophen verlegt, darunter Bertolt Brecht und Hermann Hesse oder Theodor W. Adorno. Auf Drängen Hesses hatte sich Peter Suhrkamp nach dem Krieg vom Verlag S. Fischer getrennt. Er gründete 1950 in Frankfurt seinen eigenen Verlag und nahm 33 prominente Autoren mit.

          Nach dem Tod von Peter Suhrkamp im Jahr 1959 trat Siegfried Unseld dessen Nachfolge an. Er baute den Verlag sowohl in der Belletristik als auch in den Geisteswissenschaften zu einer der intellektuellen Säulen der alten Bundesrepublik aus. Nach dem Tode Unselds im Jahr 2002 übernahm seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz die Macht.

          Zum Haus gehören seit Jahrzehnten unter anderem auch der Insel Verlag und der Jüdische Verlag. Unter Unseld-Berkéwicz kam der Verlag der Weltreligionen hinzu. Suhrkamp hat nach eigenen Angaben derzeit 127 Beschäftigte. Der Umsatz wurde von der Fachzeitschrift „Buchreport“ für 2007 mit rund 46 Millionen Euro angegeben. Im selben Jahr brachte der Verlag rund 500 neue Titel auf den Markt. (lhe)

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