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Umnutzung statt Abriss : Die Litfaßsäule hat noch lange nicht ausgedient

Runde Sache: Die Litfaßsäule am Frankfurter Brückenstraßenspielplatz wird seit drei Jahren von Künstlern, wie von Ljuba Stille, gestaltet. Bild: Wonge Bergmann

In Berlin steht mehr als 1000 Litfaßsäulen der Abriss bevor. Dabei sind die runden Werbeträger wichtig für Kunst und Kultur. Das beweist eine Litfaßsäule in Frankfurt-Sachsenhausen.

          Die künstlerische Botschaft ist auf den ersten Blick nicht auf der Höhe der Zeit. Die von Künstlerin Ljuba Stille geschaffene Bildmontage „Telefongesellschaft“ zeigt Männer und Frauen, die telefonierend im Wald umherlaufen. Das Werk soll die Abhängigkeit vom Smartphone kritisieren: Selbst im Wald kommunizieren Menschen ihr Naturerlebnis via Telefon. Dabei verwenden sie im Bild jedoch – was überholt wirkt – Festnetz-Apparate, in deren Leitungen sie sich verstricken.

          Bernd Günther

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Collage der Kölner Künstlerin ist bis zum 20. Juni 2019 zu sehen – frei zugänglich, für jedermann sichtbar, in Sachsenhausen auf der Frankfurter Kunstsäule. Dabei handelt es sich um eine Litfaßsäule am Rand der Brückenstraße. Die Kunstsäule zeigt plakativ, wie die im Straßenbild allgegenwärtigen Litfaßsäulen auch genutzt werden können: als Ausstellungsfläche für Kunst. Florian Koch und Daniel Hartlaub haben das nicht kommerzielle, sondern kulturelle Projekt vor drei Jahren initiiert. Unterstützt wird es von der Stadt und dem Eigentümer der Litfaßsäule, dem Werbeunternehmen Ströer. Dreimal im Jahr wechselt die Ausstellung zeitgenössischer Kunst.

          Ljuba Stilles Collage zeigt auch Grabsteine und nimmt so Bezug zum Standort der Kunstsäule in Nachbarschaft zum Alten Friedhof von Sachsenhausen. Daraus zu schließen, dass in Frankfurt die Litfaßsäule als Fossil unter den Werbemedien im öffentlichen Raum reif für den Friedhof sei, wäre jedoch falsch. Auch wenn Meldungen aus anderen Städten dies derzeit nahelegen: Im sächsischen Görlitz hat die Stadt angeregt, die kaum noch für Werbezwecke genutzten Litfaßsäulen abzureißen, was auf Protest der Bürger stieß. In Hamburg soll die Zahl der nostalgischen Säulen für Werbeanschläge seit 2008 auf noch 380 Stück gesunken und somit mehr als halbiert worden sein. Für bundesweites Aufsehen sorgte die Nachricht, dass in Berlin mehr als 1000 Standorte zur Disposition stehen.

          Für Anwohner störend?

          Der Abbau der zumeist knapp vier Meter hohen Betonsäulen hätte Signalwirkung, denn in Berlin wurde 1855 die erste „Annonciersäule“ aufgestellt. Der Drucker Ernst Litfaß (1816–1874) hatte die Idee für die kreisrunden Werbeflächen, die dann als Litfaßsäule weithin Verbreitung fanden. Aus dem Straßenbild der Hauptstadt sollen die Werbeträger jedoch nicht ganz verschwinden: Die porös gewordenen Säulen werden entsorgt, aber einige der Standorte mit neuen bestückt.

          Auch in Frankfurt wird an den bunten und runden Werbeträgern festgehalten. Bis 2025 kann die Deutsche Städte Medien (DSM), eine Tochtergesellschaft des in Köln ansässigen Werbeunternehmens Ströer, die Litfaßsäulen, aber auch die Plakatrahmen auf Verteilerkästen und an Uhrensäulen, die großen Plakatwände sowie sogenannte City-Light-Poster und -Säulen vermarkten. Letztere sind beleuchtete Gehäuse, in denen abwechselnd Werbebanner aufgerollt werden; das moderne Pendant zur Klebeplakatsäule.

          Für die herkömmliche Litfaßsäule gibt es nach Angaben von Sandra Trawny, Leiterin der städtischen Stabsstelle Werberechte, 1028 Standorte im Stadtgebiet. Die Anzahl sei bei der Neuvergabe der Werberechte beibehalten worden. Allerdings sei die Werbung im öffentlichen Raum zugleich neu geordnet worden, so Trawny. Brückenbanner, Mastenschilder und Werbeplatten an Drängelgittern seien nicht mehr zulässig. Wie bereits zuvor seien auf Straßen digitale Werbeanlagen nicht erlaubt. Diese könnten zwar mit Filmen und Lichteffekten mehr Aufmerksamkeit erzielen, wären aber für Anwohner störend.

          Informationswert der Litfaßsäulen nicht zu unterschätzen

          Die Litfaßsäule fügt sich verträglicher ins Straßenbild ein. Doch auch für deren Werbeflächen gibt es Vorgaben: In Wohnstraßen ist die Bestückung mit großformatiger Wirtschaftswerbung nicht zulässig, sondern lediglich Kultur- und Veranstaltungswerbung. Ansonsten müsse der Anteil dieser kleinteiligen Werbung stets höher sein als großformatige Wirtschaftswerbung.

          Weil die vergleichsweise kleinen Plakate gerade für Vereine eine wichtige Mitteilungsform darstellten, sei mit der DSM ein Preisnachlass für Vereine vereinbart worden, sagt Trawny. Die Stabsstellenleiterin weist auf die Bedeutung dieser Werbemöglichkeit für Vereine und Kultureinrichtungen hin; so könnten diese stadtweit auf Veranstaltungen in ihrem Stadtteil hinweisen.

          Der Informationswert der Litfaßsäulen sei nicht zu unterschätzen: Besucher Frankfurts erhielten dort einen guten Überblick darüber, was die Stadt gerade an Veranstaltungen biete. Auch das Werbeunternehmen Ströer bekräftigt: Die Litfaßsäule behalte ihren Wert für öffentliche Bekanntmachungen, wie Theater-, Oper- und Kinoprogramme, und stehe vor allem für regionale Werbung zur Verfügung.

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