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Ballett in Frankfurt : Mensch im Spiegel

Spiegeleffekt: Die Tänzer der „Dresden Frankfurt Dance Company“ rücken immer näher ans Publikum. Bild: Dominik Mentzos

Mit „Ultimatum“ will der Choregraph Jacopo Godani der „Dresden Frankfurt Dance Company“ in Plateauschuhen Beine machen. Bühne, Kostüme, Licht, Design, alles stammt aus seiner Hand. Nur bei der Musik verlässt er sich auf andere.

          Der Spiegeleffekt ist genau ein Jahr her: Damals war „Unit in Reaction“ zum ersten Mal im Bockenheimer Depot in Frankfurt zu sehen. Eine Masse in Hoodies gewandeter Tänzerkörper, unisex, zwischen Gerangel, Rausch und Lust, die immer näher ans Publikum rückten. Und dann, wabernd, wogend, gleißend, wurde aus den Bahnen des Tanzbodens, wie er so, schwarz oder weiß, überall auf der Welt mit immer denselben breiten Klebestreifen befestigt wird, ein silbrig glitzerndes, wogendes Meer, die Tänzer mittendrin. Godani hatte die Unterseite des Tanzbodens zuoberst gekehrt, silbern beschichtet, ein Knalleffekt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jacopo Godani, der italienische Choreograph, seit 2015 an der Spitze der Dresden Frankfurt Dance Company, ist schließlich nicht nur der Herr der Schritte. Bühne, Kostüme, Licht, Design, alles stammt aus seiner Hand. Nur bei der Musik verlässt er sich auf andere, meist, wie auch bei „Unit in Reaction“, auf das Münchner Duo 48nord (Ulrich Müller und Siegfried Rössert).

          Jubel, Pfiffe und Getrampel

          Nun ist „Unit in Reaction“, die düstere Tanz-Gang auf dem Silbermeer, noch einmal zu sehen. Überarbeitet und neu interpretiert, wie immer in den vergangenen dreieinhalb Spielzeiten, wenn Godani auf etwas zuvor Geschaffenes zurückkam. Die Hoodie-Träger sind zurück, als einer von drei Teilen des neuen Tanzabends, der von jetzt an bis zum 17. März in Frankfurt, im Bockenheimer Depot, danach vom 28. März an in der zweiten Spielstätte von Godanis Compagnie, der Hellerau in Dresden, zu sehen sein wird. Denn das Pendeln gehört zum Vertrag, wie schon bei William Forsythe, in dessen Fußstapfen sein einstiger Tänzer Godani getreten ist, als er die damalige Forsythe Company übernahm.

          Seither ist allerhand Wasser die Elbe wie den Main hinuntergeflossen, und Godani, seit 2015 an der Spitze des von Sachsen und Hessen, Dresden und auch Frankfurt finanzierten Balletts, kann über mangelnden Publikumszuspruch nicht klagen. Es gibt Jubel, Pfiffe, Getrampel aus den dichtbesetzten Reihen, wenn seine unglaublich wendigen, virtuosen, jungen, dynamischen Tänzer zum Applaus antreten. Die Phantasie, aus dem menschlichen Körper müsse doch noch soundsoviel anderes herauszuholen sein, treibt Godanis Choreographien an. Er redet nicht viel, die erläuternden Texte zu seinen Stücken stammen von seiner rechten Hand Luisa Sancho Escanero.

          Wabernd, wogend, gleißend: Die Tänzer des Balletts werden eins mit dem Boden.

          Godani selbst tut, was er in seiner Ausbildung in Bildender Kunst, noch vor seiner Tanzkarriere, gelernt hat: Er zeichnet, viele dicke Kladden voll. Mit Bewegungsstudien, Phantasien, Figuren, die an die Aliens von H. R. Giger erinnern. Mehrfach hat er mit dem benachbarten Senckenberg-Institut gearbeitet, sich und seine Tänzer mit Fragen der menschlichen Evolution beschäftigt. Sie kreuzen sich bei Godani mit Popkultur, Tanztradition, Science-Fiction. Die meiste Musik stammt, wummernd, wabernd, elektronisch, von 48nord. Aber seit Godani vor zwei Jahren erstmals, damals mit dem Ensemble Modern, mit sogenannter ernster Musik gearbeitet hat, wissen die vielen treuen Zuschauer, dass live gespielte oder sogenannte klassische Musik ungeheuer viel anstellt mit Godanis Bildwelten. Diesmal sind es Bachs Cellosuiten, in Ausschnitten live gespielt von Jan Vogler und begleitet von einem „Soundscape“ von 48nord, die Godani nutzt.

          Und so ist es vielleicht nur konsequent, über die klassischen Spitzenschuhe, die Godani so gut wie immer und sehr oft wie Waffen oder zusätzliche Körperteile einsetzt, hinauszudenken. In „Extinction of a minor species“ von 2017 waren es hufartige Beinprothesen, mit denen ein Teil seiner Tänzer zu bedrohlichen zentaurenartigen Wesen wurden, die Jagd auf die letzten zappelnden Menschlein machten.

          Nun kommen spezielle Plateauschuhe zum Einsatz, die aus den tanzenden Menschen mindestens Menschen 3.0 machen. Passenderweise heißt der dreiteilige Abend, in dem nicht nur „Unit in Reaction“, sondern auch zwei neue Teile „The small Infinite“ und „Ultimatum II“ zu sehen sein werden, übergreifend „Ultimatum“. Das ist natürlich ein Statement. Auch wenn es nur bedeuten könnte, dass Godani damit die letzte Premiere der Saison ansetzt.

          Frankfurter Aufführungen

          Das Stück „Ultimatum“ der „Dresden Frankfurt Dance Company“ ist vom 7. bis 10. und 13. bis 17. März im Bockenheimer Depot Frankfurt zu Besuch.

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