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Trompeterin in Frankfurt : Die emotionalen Momente zählen

  • -Aktualisiert am

Prägende Jahre in Frankfurt: Trompeterin Rike Huy Bild: Lisa Friederich

Die Krise braucht kreative Quereinsteiger: Eigentlich spielt die Trompeterin Rike Huy zeitgenössische Musik und klassisches Repertoire. Derzeit aber komponiert sie Filmmusik.

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          Seit Wochen können Musikerinnen und Musiker nicht mehr immer und überall auftreten, Rike Huy macht da keine Ausnahme. Allein in Lucia Ronchettis „Inferno“, einer Produktion von Oper und Schauspiel Frankfurt, wäre sie jüngst zehnmal als Solo-Trompeterin im Bockenheimer Depot zu sehen gewesen. Mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester arbeitete Huy erstmals 2014, seitdem wird sie von ihm immer wieder für Uraufführungen engagiert. Verschoben wurde auch ein Projekt, das die 34 Jahre alte Virtuosin mit Dietmar Wiesner vom Ensemble Modern und Cathy Milliken im Rahmen der Münchener Biennale für Neues Musiktheater realisieren sollte. Abgesagt sind außerdem eine CD-Aufnahme im WDR und einige Konzerte der Basel Sinfonietta, bei der Huy seit 2017 fest als Solo-Trompeterin spielt.

          Inmitten der großen Leere, deren Ende ebenso wenig absehbar scheint wie ihre finanziellen Folgen, gab es kürzlich etwas zu feiern. „Live“, das Spielfilmdebüt von Lisa Charlotte Friederich und Rike Huy, wurde beim Frankfurter Lichter-Festival mit dem Preis für den besten Langfilm ausgezeichnet. In ihrer Begründung lobte die Jury besonders Huys Soundtrack: „Am stärksten überzeugt die gelungene Verbindung von Musik und Filmdramaturgie. Es ist die herausragende Filmkomposition, die eine große Kraft entwickelt und als Teil der filmischen Handlung die Bildebene tatsächlich ergänzt und kunstvoll erweitert.“

          Mit der Koproduktion des Films und der Komposition des überwiegend dunklen Scores eroberte Rike Huy für sie neues Terrain. „Zum ersten Mal habe ich eigene Stücke geschrieben, dann auch noch für Film. Es war ein weiter Sprung ins kalte Wasser.“ Huys variabler Trompetenton steht im Zentrum und wird von digitalen Sounds umrankt, elektronische Effekte oder ein programmierter Puls verdichten zuweilen die Atmosphäre. Analog zur Filmstory, in der ein musizierendes Geschwisterpaar die Hauptrolle spielt, suchte Huy einen Partner zur Entwicklung des Soundtracks. „Joosten Ellée lernte ich vor einiger Zeit beim Akademieprogramm des Lucerne-Festivals kennen. Da er ebenfalls einen Hintergrund in klassischer und zudem Erfahrung mit elektronischer Musik hat, haben wir uns perfekt ergänzt.“

          Huy: „Mit sieben Jahren wusste ich, dass ich das lernen wollte“

          Geboren wurde Rike Huy 1986 in einem Dorf mit rund 7000 Einwohnern im Umland von Cloppenburg. Zur Trompete brachte sie die Plattensammlung ihres Vaters, in der sie unter anderem Miles Davis fand. „Mit sieben Jahren habe ich zum ersten Mal einen Trompeter live erlebt und wusste, dass ich das lernen wollte. Ich war ein eher stilles Kind, und es fiel mir leichter, über das Instrument und die Musik mit der Welt in Kontakt zu treten.“ An der örtlichen Musikschule gab es lediglich einen Trompeten-Lehrer und ein Blasorchester, Miles und Jazz waren zunächst weit weg. „Als Teenager habe ich dann doch in der Schul-Bigband gespielt, obwohl der Lehrer meinte, es würde meinen klassischen Ansatz ruinieren“, lacht Huy.

          Nach dem Abitur studierte sie klassische Trompete, zunächst in Berlin bei William Forman, einem Gründungsmitglied des Ensemble Modern, dann in Hannover. Ein gewonnener Wettbewerb brachte 2009 eine Reihe von acht Konzerten in Paris, die Huy als Solistin mit Kammerorchester spielte. „Das Repertoire für Trompete ist vergleichsweise jung, man kommt also recht schnell in die Moderne und zur zeitgenössischen Musik, die aus instrumentaler Sicht besonders interessant ist“, erklärt Huy ihren weiteren Werdegang.

          2011 landete Rike Huy als Stipendiatin bei der Internationalen Ensemble Modern Akademie in Frankfurt. Hier beschäftigte sie sich unter anderem mit Stücken von Heiner Goebbels. Etwa dem legendären „Schwarz auf Weiß“, das durch innovative Musik und eine unkonventionelle Inszenierung begeistert, die Musikerinnen und Musiker auch darstellen und sprechen lässt. Der Name des Komponisten war Huy schon früher begegnet, dessen Sogenanntes Linksradikales Blasorchester stand ebenfalls im väterlichen Plattenregal.

          Schließlich fasste sie den Entschluss, sich bei Goebbels am Institut für Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen einzuschreiben. „Ich bin lange um diesen Studiengang herumgeschlichen, weil es eben kein reines Musikstudium ist“, erklärt Huy. „Damals habe ich viel über die Bühnenpräsentation von Musik nachgedacht. Ich fragte mich, was man mit anderen Künsten gemeinsam schaffen könnte, in szenischen Konzerten oder performativen Installationen.“ Die Zeit am Institut brachte ihr viele neue Eindrücke, eine Hospitanz unter Goebbels bei der Ruhrtriennale und die Begegnung mit Lisa Friederich, die 2014 dort als Regieassistentin arbeitete.

          Die letzten Forsythe-Stücke haben sie inspiriert

          Auch ihre Jahre in Frankfurt hätten sie künstlerisch stark geprägt, hält Rike Huy fest. Als Inspirationsquellen nennt sie unter anderem die letzten Forsythe-Stücke, die sie erleben konnte, außerdem Aufführungen im LAB, Mousonturm und Schauspiel. Vor allem aber das Ensemble Modern, von dem sie als hochgeschätzte Gastmusikerin häufig engagiert wird. „Ich habe gelernt, Kunst- und Aufführungsformen anders zu sehen. Und ohne die beiden Trompeter des Ensembles, Valentín Garvie und Sava Stoianov, würde ich heute bestimmt anders spielen.“

          Die Frage, was sie an der von manchen als schwierig empfundenen zeitgenössischen Musik fasziniert, lässt Rike Huy lächeln. „Anfangs war es natürlich ein Hit, bei der Musik rechnen zu müssen. Die intellektuelle Herausforderung hat mich sicher gereizt.“ Längst zählten aber viel mehr die emotionalen Momente, die diese „andere“ Musik mit sich bringe. „Sie erfordert eine Vertiefung, bietet aber auch die Möglichkeit, sich auf spielerischer Ebene auszudrücken. Weil die Partitur mehr Freiheiten lässt als etwa bei Haydn und weil es möglich ist, die Aufführungen eines Werkes gemeinsam mit den Komponistinnen und Komponisten zu entwickeln. Sich in die Komplexität der Neuen Musik hineinzuwerfen macht ungeheuer viel Spaß.“

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