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Triennale Form und Inhalte : Keine Scheu vor Körperkitsch

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Körperkunst hat Karriere gemacht. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie für den futuristischen Maler Gino Severini zu einem zentralen Sujet. "Identität und Verschiedenheit, Formen des Körpers ...

          Körperkunst hat Karriere gemacht. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie für den futuristischen Maler Gino Severini zu einem zentralen Sujet. "Identität und Verschiedenheit, Formen des Körpers 1895 bis 1995" hieß die grandiose, das Thema brillant ausleuchtende Retrospektive, die Jean Clair vor acht Jahren anläßlich der Biennale in Venedig im Palazzo Grassi präsentierte. Und überaus zahlreich sind heute die Künstler, die sich mit ganz unterschiedlichen Ausdrucksformen des Körperlichen auf ihre je eigene Weise befassen: Die enorme Bandbreite dieses Genres wird in Museen oder Sonderausstellungen immer wieder sichtbar. Kaum etwas scheinen beispielsweise Franz West mit seinen seltsamen Paßstücken und die britischen Chapman-Brüder gemeinsam zu haben, die mit ihren grauenerregenden Klonkindern für Aufsehen sorgten. Als vorwiegend heitere Variante können Erwin Wurms witzige Ganzkörperkondome aus elastischer Strickware gelten, an denen derzeit Benutzer im Frankfurter Museum für Moderne Kunst ihren Spaß haben.

          Um das weite Feld von "corporal identity - Körpersprache" geht es nun auch bei der neunten "Triennale für Form und Inhalte", die im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt und gleichzeitig im Klingspor Museum in Offenbach gezeigt wird, das für diese Schau Gast im City Tower, Berliner Straße 76, ist. Mehr als 300 zeitgenössische Werke der Keramik-, Glas-, Textil-, Möbel- und Buchkunst, die in Deutschland und den Vereinigten Staaten entstanden, sind zu sehen; im November geht die Schau nach New York ins Museum of Arts and Design, wo sie bis Juni 2004 zugänglich sein wird.

          So opulent die Ausstellung im Richard Meier-Bau auch inszeniert ist, so zwiespältig bleibt der Eindruck. Im Vortragssaal des Museums, der zu einer Art Sakralraum für angewandte Kunst umgestaltet wurde, ist ein Figuren-Ensemble aus Steingut "Maria hatte ein kleines Lamm (Die Wiederkunft)" des amerikanischen Triennale-Teilnehmers Russell Biles zu sehen. Eine liebliche Madonna trägt ein Lämmchen mit Kindergesicht auf dem Arm und ist von einer ganzen Schar identischer Zwitterklönchen zwischen Lamm und Baby umgeben, die sogar richtig niedlich aussehen: eine sicher gutgemeinte, aber doch allzu harmlose und den Kitschbereich durchaus streifende Auseinandersetzung mit den aktuellen Bedrohungen durch die Gentechnik.

          Auch die "Teraton- Halskette von Nancy Bowen, die sich mit ihren Materialien auf einen seltenen Tumor namens Teratoma bezieht, bewegt sich möglicherweise ebenso an den Grenzen des halbwegs guten Geschmacks wie "Man in Bloom" von Bruce Metcalf, einem Juwelier, der sich habituell von der pathologischen Branche inspirieren läßt: Seine kleinformatige, aus edlen Materialien wie Gold und Silber bestehende Arbeit zeigt einen Operationstisch mit einem - wohl zu Recht zu Tode erschrockenen - Mann, dem offensichtlich gerade eben die gesamten Eingeweide entfernt wurden; die mit Perlen verzierten Operationsmesser und -scheren stecken noch in seinem Bauch.

          Erfreulich ist das Wiedersehen mit den kunstvollen Puppen, die Suse Wächter im Jahr 2001 für den "Ring des Nibelungen" im TAT geschaffen hat - ein rares Beispiel für wahrhaft angewandte Kunst in dieser Ausstellung. Gegenüber bietet sich wiederum ein eher erstaunlicher Anblick: "Cradle me gently", eine von dem amerikanischen Triennnale-Teilnehmer Michael Brolly gefertigte Kinderwiege aus Mahagoni-Brüsten, die mit weißem Schaffell ausgekleidet ist.

          Eine völlig andere Art von Babyausstattung präsentiert hingegen die in Frankfurt lebende Mirta Doacinovic, die an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach ausgebildet wurde: Ganz offensichtlich von den frühen Arbeiten des großen Künstlers Claes Oldenburg inspiriert, hat sie Kinderwagen, Milchflasche, Brustwarzenaufsatz und eine Fülle anderer nützlicher Dinge aus Nesselstoff genäht. Lieb und sympathisch wirkt auch das Dinkelkissen in Bärengestalt, das Volker Senger aus Würzburg gefertigt hat. KONSTANZE CRÜWELL

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