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Frankfurter Kunstverein : Alles im Smartphone kommt aus dem Boden

Ich war ein Smartphone: Studio Drift, „IPhone 4s“, 2019 Bild: Ronald Smits/ Courtesy: The Artists

In der Schau „Trees of Life“ im Frankfurter Kunstverein geht es um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, mit dem sich sowohl Wissenschaftler als auch Künstler beschäftigen – und das nicht erst seit „Fridays for Future“.

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          Wir bestehen aus Sternenstaub. Das klingt nach reiner Poesie und ist längst auch in die Popkultur eingesickert. In den Wissenschaften gilt es als Tatsache. Das Material aller Dinge und des Lebens auf der Erde stammt aus der Asche ausgebrannter Sonnen. In Meteoriten sind die Urstoffe enthalten, aus denen das Planetensystem ist, sie fliegen seit den Anfängen unseres Winkels im Kosmos herum, und ab und zu dringen sie als Botschafter aus fernster Zeit in die Atmosphäre ein und stürzen gelegentlich irgendwo auf die Landmasse. Manchmal richten sie eine ungeheure Verwüstung an, nach einer verbreiteten These hat einer die Dinosaurier ausgelöscht, weil die durch seinen Einschlag entstandene Staubwolke das Pflanzenwachstum verhindert hat, die Pflanzenfresser verhungerten und wegen deren Aussterben auch die Fleischfresser nichts mehr zu beißen hatten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Wann der Stein aus dem All, der jetzt Teil einer Ausstellung im Frankfurter Kunstverein ist, auf die Erde niedersauste, weiß man nicht genau, ein paar tausend Jahre mag es her sein, gefunden wurde er 1940 in Kansas. Der etwas mehr als zehn Kilo schwere Himmelskörper ist 4,56 Milliarden Jahre alt, und so viel Zeit musste auch vergehen, bis Menschen ihn zu Gesicht bekamen und erforschen konnten. Dazu bedarf es schon des Bewusstseins, der Reflexion, des Denkens, das „animal rationale“ musste in Erscheinung treten, wie die gebräuchliche lateinische Übersetzung des entsprechenden griechischen Begriffs lautet, den Aristoteles prägte. Und in etwa das Gleiche meint wie die biblische Auffassung von der „Krone der Schöpfung.“

          „Erzählungen für einen beschädigten Planeten“

          Der Titel der in Kooperation mit dem Senckenberg-Museum zustande gekommenen Schau verweist auf die traditionelle Klassifikation und die herkömmliche Symbolik, mit denen die Stellung der belebten Wesen in der Welt geordnet wurde: „The Trees of Life.“ Dabei ist es freilich die kuratorische Absicht dieser Präsentation, anthropozentrische Metaphern in Frage und systemische in den Vordergrund zu stellen, die den gegenwärtigen Forschungsstand eher widerspiegeln und gewiss auch das Selbstbewusstsein des Homo sapiens herausfordern, wenn nicht erschüttern.

          Auch das Werk „Sammlung präparierter Käfer in systematischer Aufstellung“ etwa aus dem Jahr 1880 steht in der Ausstellung „Trees Of Life“.

          So steht am Beginn der Ausstellung neben Ernst Haeckels „Stammbaum des Menschen“ aus dem Jahr 1874 der „Plot“ des Evolutionsbiologen David Hillis, in dem die Stellung des Menschen in der Natur anhand seiner genetischen Ausstattung bestimmt wird, die um 1995 mit der DNA-Sequenzierung seines Genoms vollständig offengelegt werden konnte. Und dann thront er nicht mehr am obersten Punkt eines Baums, sondern ist Teil eines Ganzen, eines gewaltigen Netzes, eines großen Zusammenhangs, und die vielfältigen Verflechtungen mit anderen Lebewesen werden sichtbar. Dass die Schau den Untertitel „Erzählungen für einen beschädigten Planeten“ trägt, zeugt von der prekären Situation der Erde, die in jüngster Zeit zum Hauptthema öffentlicher wie privater Dispute geworden ist. Naturwissenschaftler beschäftigen sich damit ebenso wie Künstler, und sie tun es nicht erst seit der „Fridays for Future“-Bewegung.

          Klimawandel und Artensterben werden zum Thema der Kunst

          So werden in den Räumen des Kunstvereins inmitten der neuen Altstadt neben so ästhetischen wie interessanten Exponaten aus der Senckenberg-Sammlung vier künstlerische Positionen vorgestellt, die sich mit dem Verhältnis von Mensch und Natur befassen. Mit dem von Individuum und Mikrobiologie beschäftigt sich Sonja Bäumel. Ihr Projekt des „Extended Self“ lässt die Mikroorganismen, die auf ihrer eigenen Haut siedeln, zu neuen Formen wachsen, zu lebendigen Gebilden werden, die ihren Körper gleichsam an anderer Stelle weiterentwickeln. Mit einer früheren Arbeit, „Crocheted Membrane“, visualisiert sie mittels handgehäkelter Wolle Stellen am Körper, die bei einer niedrigen Außentemperatur besonders wärmebedürftig sind.

          Das Werk „Crocheted Membrane“ (2008-2009) zeigt handgehäkelte Wolle der Künstlerin Sonja Baeumel.

          Edgar Honetschläger widmet sich in seinem Werk schon seit längerem Klimawandel und Artensterben, er versteht sich mittlerweile auch als Aktivist, der unter anderem gegen das Insektensterben vorgeht, indem er etwa die rechtlichen Möglichkeiten auslotet, Grundstücke dauerhaft als Biotope zu erhalten. Dominique Koch kombiniert in ihrer Installation mit Video- und Klang-Elementen ungewöhnliche Natur-Bilder mit Aussagen dreier Wissenschaftler. Die Künstlergemeinschaft Studio Drift überrascht mit aus lauter Quadern in unterschiedlichen Farben bestehenden Objekten, die auf den ersten Blick wie konstruktivistische Kleinplastiken wirken oder Bauhaus-Architekturmodelle. Aber es handelt sich um die allesamt aus dem Boden gewonnenen Materialien, aus denen einzelne Maschinengewehre oder Smartphones bestehen. In aufwendigen Verfahren wurden aus den industriell gefertigten Produkten die Ursprungsstoffe zurückgewonnen und in Form gebracht. Am Ende ist die Kunst. Am Anfang sind die Bodenschätze. Dazwischen hochkomplexe Geräte.

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