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„Tokio Hotel“ in Frankfurt : Tom, hol mich auf Dein Zimmer

Die Band ist zum Greifen nah Bild: F.A.Z. - Fricke

Seit vier Tagen hatten einige schon vor der Festhalle campiert. Seit dem frühen Sonntagmorgen bildeten sich dann lange Schlangen. Dann brach der Himmel auf für die Generation Handy: Tausende jugendlicher Fans bei „Tokio Hotel“ in Frankfurt.

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          Das Kreischen wird man nicht vergessen. Enthusiastisch und durchdringend, als wär Deutschland gerade Weltmeister geworden, ein Ufo über der Stadt aufgetaucht oder als beginne Brad Pitt, sich auszuziehen. Wenn ein Handtuch von der Bühne in die Menge fliegt, droht es Tote zu geben. Die Ordner müssen mit fünf Mann und aller Gewalt dazwischengehen, bis eine Gruppe von Mädchen den Saal verlässt - jede eine Hand am Handtuch, zum Teil die Tränen in den Augen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Gut anderthalb Stunden hat „Tokio Hotel“ gestern in der Frankfurter Festhalle gespielt: „Heilig“, „Vergessene Kinder“, „Die Sekunde“ etwa - und „Rette mich“, eine langsame Ballade, Lieblingslied vieler Fans. Tausende waren gekommen, größtenteils weiblich, überwiegend unter sechzehn. Seit vier Tagen hatten einige Fans schon vor der Festhalle campiert. Seit dem frühen Sonntagmorgen bildeten sich dann lange Schlangen. Ein Drogendealer wurde von der Polizei festgenommen, er wollte den Mädchen Haschisch und Marihuana verkaufen.

          Die beliebteste und unbeliebteste Band in Deutschland

          Die Stars der Gruppe sind die Zwillingsbrüder Bill und Tom Kaulitz aus der Nähe von Magdeburg. Wenn sie auf die Bühne kommen, tobt die Halle. Bill, mit Stachelschwein-Frisur, lackierten Fingernägeln und Kajal unter den Augen, ist der Sänger, der coolere Tom der Guitarrist. Viele Mädchen, manche wohl noch im zarten Kindergartenalter, halten Transparente hoch. „Tom, hol mich auf Dein Zimmer“, „Bill, wie soll ich Dir beweisen, dass ich Dich liebe“ und „Für uns werdet ihr immer heilig sein“ .

          Tom Kaulitz (Gitarre) mit Bruder Bill

          Doch „Tokio Hotel“ ist nicht nur die beliebteste, sondern auch die unbeliebteste Band in Deutschland. Fünf Mädchen aus Marburg, zwischen 13 und 16, erzählen, wie sie in der Klasse ausgebuht würden, wenn sie zugäben, „Tokio Hotel“-Fans zu sein. Sie hätten die vier Musiker (außer Tom und Bill noch Georg und Gustav) im Fernsehen gesehen und „so süß“ gefunden. „Die sind doch wie die Jungen von nebenan und nicht wie irgendeine Boy Group aus Amerika, bei denen man nicht eben mal zum Konzert hingehen kann.“

          Seit drei Monaten „völlig aufgeregt“

          Wohin mit den Alten, wenn man mal so richtig aus sich herausgehen will? Auf die Antwort haben Generationen Jugendlicher gewartet. Bei „Tokio Hotel“ fällt sie leicht: Es gibt eine Eltern-Betreuung, organisiert von HR 3 - für die braucht man keine Eintrittskarte. Väter mit Glatze und Birkenstock stehen dort am Kicker, Mütter sitzen vorm Kaffee am Bistrotisch, die Sonnenbrille im Haar, Arme vor der Brust verschränkt. „Die große Barbara und der große Udo können jetzt am Elternparadies abgeholt werden“, sagt der Hallensprecher - aber das ist Spaß. Ein Vater meint, seine Tochter habe zwei Wochen nicht mehr geschlafen. Drei Mädchen, in Jeans mit Bikini-Oberteil, die Köpfe der Bandmitglieder auf den Oberkörper gestempelt, geben sogar zu, sie seien seit drei Monaten „völlig aufgeregt“.

          Die Geschichte mit der Bundeswehr gehört zu den wichtigsten Gesprächsthemen am Rande des Konzerts. Die Kaulitz-Brüder sollten eingezogen werden, war durch die Medien gegangen. „Die müssen jetzt aber nicht hin“, behauptet eine Fünfzehnjährige, das wisse sie ganz sicher aus der „Bravo“: „Aber wenn sie hingehen würden, fände ich das auch voll in Ordnung.“

          „Kinderpop“ ist ein böses Wort

          Während Bill und Tom besonders die Aufmerksamkeit der Fans genießen, werden die beiden anderen Bandmitglieder fast stiefmütterlich behandelt. „Bill“ und „Tom“ haben die Mädchen auf ihre teils sehr dünnen Arme geschrieben, einige auch mit Filzstift auf Herrenunterhemden, die in der Kleiderordnung anscheinend eine Alternative zum schwarzen Fan-T-Shirt oder dem Bikini-Oberteil darstellen. Auf vielen kleinen Händen stehen Ziffern - 483, ein Teil des Namens des neuen Albums.

          „Kinderpop“ ist ein böses Wort, das die Fans nicht gern hören. Trotzdem ist unübersehbar, dass einige ihre Kuscheltiere mitgebracht haben. Andere sehen dagegen eher schon aus wie junge Damen. Dazwischen einzelne Jungen - zum Teil mit einer Frisur wie Bill.

          Die Mädchen schreien. Für sie ist dies das Glück

          Der Sänger mit den auffälligen Haaren und dem Piercing in der Augenbraue schafft es schon mit kleinen Gesten, seine Fans zur Ekstase zu bringen: Ein Lächeln, einmal den Finger ausstrecken, etwas Wasser in die Menge schütten. Die Mädchen schreien. Für sie ist dies das Glück.

          Während oben auf der Bühne in einer grün und blau angestrahlten Dekoration aus sich bewegenden Metallteilen die Show läuft, wiederholt sich alles unten tausend Mal gleichzeitig: auf den Displays der Fotohandys, die vor allem die kleineren Fans mit herzergreifender Verzweiflung hochrecken. Immer wieder schreit eine, als ob es gleich mit ihr vorbei wäre.

          Nach anderthalb Stunden ist der Spuk vorüber. An der Absperrung lehnt ein Mädchen im Trägertop und weint hemmungslos. Es hat in der zweiten Reihe gestanden und irgendwann einfach nicht mehr gekonnt. „Weil die anderen so gedrängelt haben.“ Man musste sie raustragen. Und hat sie erst wieder hereingelassen, als alles vorbei war.

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