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Timmy Rough von den New Roses : „Exzess und Melancholie“

  • -Aktualisiert am

Timmy Rough von den New Roses: „Es braucht ein gewisses Maß an Exzess und eine Portion Melancholie“ Bild: Picture-Alliance

Widersprüche treiben ihn an auf seinem Weg: Sänger und Songwriter Timmy Rough von den New Roses im Gespräch über Rock’n’Roll, Abenteuerlust, Heimat und gute Songs.

          6 Min.

          Seit ihrem ersten Auftritt in der Winkler Kneipe „Hasensprung“ vor zwölf Jahren tourt die Rheingauer Rock-Band „The New Roses“ durch kleine und größere Clubs, zunächst in Deutschland, dann im angrenzenden Ausland und mittlerweile auch in Amerika. Die Band spielte mit Kiss und den Scorpions, ihr aktuelles Album „Nothing But Wild“ stieg in die Top-Ten der Charts ein. Nach fünf Konzerten in Miami treten „The New Roses“ an diesem Samstag im Wiesbadener Schlachthof (20 Uhr) zu einem „Heimspiel“ auf. Sänger und Songwriter Timmy Rough im Gespräch.

          Vom „Hasensprung“ in Oestrich-Winkel zu Konzerten nach Miami: Mit „The New Roses“ sind Sie ziemlich weit gekommen. Cooles Gefühl?

          Cool wäre schon ziemlich untertrieben. Da man uns zu Beginn nicht mal die Überschreitung der eigenen Stadtgrenzen zugetraut hat, ist der Schritt in die Vereinigten Staaten schon eine ganze Ecke weiter. Jede Meile dieses Weges war ein hartes Stück Arbeit, deshalb freuen wir uns umso mehr über alles, was wir nun erleben dürfen.

          Was bedeutet es für Sie, auf der Tournee dann auch mal wieder im Wiesbadener Schlachthof zu spielen?

          Das gehört natürlich auch auf die Liste der Dinge, über die wir uns besonders freuen. Diese Location wird immer etwas Besonderes für uns sein. Wir haben dort unsere Teenager-Träume geträumt. Wie oft habe ich mit einem Plastikbecher Bier vor dieser Bühne gestanden und mir vorgestellt, selbst dort oben zu stehen. Von dieser Bühne aus sehe ich mich jetzt selbst im Publikum stehen. Das ist schon verrückt.

          Es ist für einen Musiker letztlich nicht egal, wo er spielt, hauptsache die Leute kommen?

          Jeder Ort hat eine eigene Magie. Jedes Konzert ist anders. Jedes Publikum braucht etwas anderes von uns. Das Schönste ist, wenn man die Magie erkennt und das Publikum versteht. Dann kann man einen besonderen Abend heraufbeschwören. Wenn das gelingt, spürt man die innere Euphorie. Beim Heimspiel steht die Verbundenheit zum Ort und die Gemeinsamkeiten mit dem Publikum im Vordergrund. Das wird im Zentrum der Show stehen.

          Frontmann Rough: „Ich liebte es, auf der Bühne zu stehen. Ich hasste es aber, im Mittelpunkt zu stehen.“
          Frontmann Rough: „Ich liebte es, auf der Bühne zu stehen. Ich hasste es aber, im Mittelpunkt zu stehen.“ : Bild: Picture-Alliance

          Sie produzieren als Band Ihre Alben und Videos in der Region, ein Zeichen für Bodenständigkeit im Sinne von global denken und lokal handeln?

          Zu Beginn unseres Weges hat uns niemand wirklich zugetraut, dass dieser Weg uns irgendwo hinführen würde. Jetzt, nachdem wir uns unzählige Male beweisen mussten und auch konnten, genießen wir die Idee, das, was uns als Hindernis prophezeit wurde, in Szene zu setzen. Ich habe die Vereinigten Staaten oft besucht und bin an die Ursprungsorte des Rock'n'Roll gereist. Das Rezept ist dort das gleiche, wie sonst überall auch. Es braucht Abenteuerlust, gute und gescheiterte Liebe, ein gewisses Maß an Exzess und eine Portion Melancholie. Davon hatte ich in meiner Jugend mehr als genug. Außerdem macht es uns auch Spaß, weiterhin mit den Leuten zu arbeiten, mit denen wir einst angefangen haben und in unserer Heimat an Locations zu drehen, zu denen wir einen persönlichen Bezug haben.

          Ist Rockmusiker für Sie Berufung – oder letztlich auch nur ein Beruf?

          Es ist eine Seite meines Ichs. Ich kann viele Aspekte meines Lebens darin verbinden. Es ist kreativ, physisch anspruchsvoll, es ist sexy und humorvoll. Es ist gewaltfrei und trotzdem brutal. Natürlich bringt die Professionalisierung der Leidenschaft auch seine Schattenseiten und Kompromisse mit sich. Aber ich habe es nicht eine Sekunde bereut, diesen Schritt gegangen zu sein und glaube, noch immer sehr nah an meiner ursprünglichen Vision des Ganzen zu sein. 

          Als Frontmann auf der Bühne zu stehen: Muss man dafür geboren sein oder kann man das lernen? Wie gehen Sie mit Selbstzweifeln um?

          Ich lebe in vielen Bereichen meines Lebens in direktem Widerspruch zu mir selbst. Fern- und Heimweh. Be- und Entschleunigung, Gesundheit und Exzess, Ruhm und Abgeschiedenheit. Zu Beginn meines Weges glaubte ich, mich für eine Seite entscheiden zu müssen. Es hat mich fertig gemacht. Ich liebte es, auf der Bühne zu stehen. Ich hasste es aber, im Mittelpunkt zu stehen. Meine Rolle als Frontmann und Entertainer war mir sehr unbehaglich und ich musste erst an den Punkt gelangen, an dem ich erkannte, dass ich mich nicht entscheiden muss, sondern eine Balance finden. Widersprüche sind in meinem Leben nun keine Anomalie mehr. Nichts mehr, das korrigiert werden muss. Seit dieser Erkenntnis fühle ich mich auch in meiner Rolle als Frontmann wohl. Ich bin aber mit Sicherheit kein Naturtalent in Bezug auf die Bühne. Ganz gewiss nicht.

          Das aktuelle New-Roses-Album heißt „Nothing But Wild“ – nur ein Titel oder auch eine Selbstbeschreibung?

          Ein bisschen was von beidem. Es beschreibt aber wohl eher den Verlauf der letzten Jahre. Wir haben an Orten gespielt, über die wir nur im Flüsterton zu sprechen wagten. Man sammelt so viele Eindrücke und wird mit den verschiedensten Emotionen in kürzester Zeit konfrontiert, dass es einen regelmäßig aus der Bahn wirft. Aber der Titel trägt auch den jugendlichen Leichtsinn weiter in der Band, der uns seit Beginn dieser Reise antreibt und begeistert.

          Sänger und Gitarrist Timmy Rough mit Gitarrist Norman Bites (l.): „Eine Band lebt von Emotionen“
          Sänger und Gitarrist Timmy Rough mit Gitarrist Norman Bites (l.): „Eine Band lebt von Emotionen“ : Bild: Picture-Alliance

          Als Sie angefangen haben, eigene Songs zu schreiben – hatten Sie Angst, zu scheitern?

          Selbstverständlich. Es ist etwas sehr persönliches. Etwas, das deinen Charakter offenbart und deinen Intellekt. Sich zu blamieren, Spott zu ernten und abgelehnt zu werden ängstigte mich am Anfang sehr. Ich bemerkte aber bald, dass diese Angst meine Songs und den Rest meiner Ambitionen vergiftete. Es lähmt die Kreativität und ich begann mich zu fragen, was ein „Scheitern“ eigentlich definiert. Ich kam zu der Erkenntnis, dass nur ich allein einzuschätzen vermag, ob ich gescheitert bin. Ob ich alles gegeben, mein Potential voll ausgeschöpft habe. Ich muss nur vor mir selbst bestehen. Das klingt sehr simpel, erfordert aber eine Menge Selbstreflexion und Ehrlichkeit. Viele der Songs, die wir veröffentlicht haben, würde ich heute nicht mehr so schreiben. Aber schämen tue ich mich auch nicht dafür. Es war das Beste, was mir im damaligen Moment eben möglich war. That‘s alright with me.

          Verfolgen Sie eine Botschaft oder wollen Sie einfach nur gute Songs schreiben?

          Meine persönliche Botschaft verbirgt sich meist eher zwischen den Zeilen. Wir haben als Band eine gemeinsame Schnittmenge gefunden, hinter der wir alle stehen können. Ich grüble gern und stelle mir die „großen Fragen“, während einige der Jungs die Band eher als Ventil sehen, eine Vergnügungsinsel im Meer des Wahnsinns. Und das ist auch völlig okay für mich. Eines der wichtigsten Merkmale dieser Band ist aber für mich das, wofür wir nicht stehen: Wir sagen niemandem, was er tun soll, wen er wählen soll, wen er hassen soll. Wir beanspruchen nicht die Weisheit für uns, zwischen richtig und falsch unterscheiden zu können. Wir stacheln nicht an oder glauben komplizierte politische Zusammenhänge in dreieinhalb Minuten erläutern zu können. Wir wollen den Leuten positive Energie einflößen. So wie ein Spaziergang im Wald, nur ein bisschen lauter. Wir wollen viele Menschen zusammen bringen und verbinden. Wie wenn man um ein geistiges Lagerfeuer sitzt, die Flasche wandern lässt und zusammen singt.

          Welches Lebensgefühl treibt Sie an, wer oder was inspiriert Sie?

          Vieles von dem, was mich antreibt sind die oben genannten Widersprüche. Dem übergeordnet steht aber das Bewusstsein. Zu versuchen, sich Augenblicken ganz bewusst zu sein. Sie wahrzunehmen und wirklich zu erleben. Träume treiben uns an, aber sie tauchen den Weg zu deren Erfüllung in neblige Bedeutungslosigkeit. Doch die eigentliche Inspiration liegt ja nicht im Moment des Erfolges oder der Erfüllung. Sie liegt in den vielen kleinen Moment auf dem Weg dorthin. Die Geschichten der Menschen, die man auf seinem Weg trifft, sind schon immer ein wichtiger Bestandteil meiner Songs. Ich wollte nie das Universum in meinen Songs enträtseln. Im Gegenteil, auf dem letzten Album faszinierte mich der Versuch, die Songs zu destillieren, so simpel wie möglich zu gestalten und auf den Punkt zu bringen. 

          Mussten Sie Ihre Kollegen eigentlich am Anfang überzeugen, nicht mehr als Coverband aufzutreten? Oder war allen klar: Wir gehen gemeinsam unseren eigenen Weg?

          Das war eigentlich immer irgendwie klar. Der Applaus in einer Coverband kommt einem immer irgendwie nur geborgt vor. Keiner von uns fühlte sich schon am Ziel angekommen. Und um Geld ging es uns sowieso nie.

          Funktioniert eine gute Band wie eine Fußball-Mannschaft? Oder wie eine Familie? Oder eher wie Arbeitskollegen?

          Ich war nie Teil einer Fußballmannschaft und Arbeitskollegen hatte ich auch nie. Ich kenne nichts anderes. Mit den Jahren lernt man eine Menge über Freiräume, Toleranz und Disziplin. Aber eine Band lebt von Emotionen, sie geht auf die Bühne, um Emotionen spürbar zu machen. Von daher ist das Arbeitsklima immer emotional aufgeladen und temperamentvoll. Das liegt in der Natur der Sache. Wir sind sehr unterschiedliche Charaktere in der Band. Das ist ein Segen und ein Fluch. Aber nach so vielen Jahren und gemeinsamer Geschichte ist der Begriff Familie wohl der naheliegendste. 

          Der Stil von „The New Roses“ erinnert an „Southern Rock“, was verbindet Sie mit den Südstaaten?

          Es sind die Bands, die Songs, die Geschichten aus dem Leben. Die ländliche Weite spielt bestimmt auch eine Rolle. Die Wurzeln unseres Musikverständnisses liegen dort. Es wird immer das Fundament unsere Songs sein.

          Schlagzeuger Urban Berz: Aus dem Rheingau in die Welt und zurück.
          Schlagzeuger Urban Berz: Aus dem Rheingau in die Welt und zurück. : Bild: Picture-Alliance

          Hatten Sie Vorbilder?

          Aretha Franklin, Solomon Burke, Sam Cooke sind die Helden meiner Vocal-World. Das kombiniert mit den gemeinsamen Vorbildern der Band wie Aerosmith, Black Crowes, AC/DC, Springsteen und den Rolling Stones ergibt eine Mischung, die mir schon immer gut gefiel.

          Wie begegnen Ihnen Leute wie ZZ Top, die Toten Hosen oder Joe Bonamassa, wenn Sie als Vorgruppe spielen? Und wie gehen Sie mit den Stars um?

          Bisher haben wir nur sehr selten schlechte Erfahrungen gemacht. Wir waren zum Beispiel gerade diesen Sommer erst mit Kiss und dann mit den Scorpions unterwegs. Beide Bands und vor allem deren Crews waren unfassbar freundlich und kollegial. Im Idealfall weichte die Nervosität der Kollegialität und alles läuft entspannt. Wir begegnen diesen Bands immer mit Respekt. Demselben, mit dem wir allen Bands begegnen, die für die gleiche Sache kämpfen. Wir sind alle Teil, des gleichen Weges. Nur eben an unterschiedlichen Punkten.

          Wo sehen Sie sich auf diesem Weg? Wie weit soll es gehen?

          So weit die Füße tragen. Wir werden alles entfesseln, was in uns steckt und sehen, wohin es uns führt. Wenn ich eins gelernt habe, in diesem Geschäft, dann, dass du den größten Teil deiner Karriere sowieso nicht beeinflussen kannst. Glück und Zufall nehmen den Löwenanteil deiner Zukunft ein. Also kann und muss man sich auch ein Stück weit lockermachen können.

          Was geben Sie selbst jungen Musikern als Tipp, wenn die Sie fragen?

          Keep on keeping on. And always serve the song! Was so viel heißt wie „niemals aufgeben und immer den Song ins Zentrum seiner Motivation stellen", denn das ist es, worum sich letztlich alles dreht!

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