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Till Brönner : Das Uhrwerk hinter dem Triumvirat

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Der Blick zu den anderen: Till Brönner und seine Musiker. Bild: Michael Kretzer

Till Brönner überrascht auf seinem Tour-Auftakt in der Frankfurter Alten Oper mit neuen Solisten.

          So muss es sich in Rio am Strand anfühlen – vielleicht noch mit einer Zigarette in der Hand oder mit einem Cocktail. Die Sonne verliert sich am Horizont und alles, was jetzt noch zählt, sind die Klänge, die die Nacht einläuten. Die Zuhörer fühlen sich an diesem Abend so, als wären sie in Brasilien, auch wenn sie in der Alten Oper in Frankfurt sitzen. Vor ihnen bläst der wohl bekannteste deutsche Jazz-Trompeter in sein Instrument, lässt die Maracas rasseln und singt auf portugiesisch Lieder, die ein Großteil des Publikums wohl nicht versteht, die sich aber anfühlen wie eine leichte Brise im Sommer. Till Brönner holt die Menschen schon nach der ersten Minute aus ihrem Alltag heraus, entführt sie in ein anderes Land und in eine andere Zeit.

          Mit seiner Band, die aus sechs hochkarätigen Musikern besteht, startet der Musiker seine Tour zum aktuellen Album „At The End Of The Day“. Sie wird ihn bis Juli in Städte wie München, Lübeck, Zürich, Riga und Wien bringen. Der Saal ist an diesem Abend voll mit Menschen, meist mittleren Alters. Immer wieder kramen sie ihre Handys aus den Taschen, halten sie nach oben und filmen, was sich vor ihnen abspielt. Till Brönner setzt weich mit dem Flügelhorn ein und liefert sich schon im ersten Lied einen musikalischen Schlagabtausch mit seinem neuen Saxophonisten Magnus Lindgren. Immer wieder schauen sich die beiden an, stimmen die Soli perfekt aufeinander ab und halten unisono die Melodie.

          Brönner lässt Raum auf der Bühne

          Der zweite Neuzugang heißt Bryan Baker. Der erst Fünfundzwanzigjährige trägt sein schwarzes Hemd offen und scheint eins mit seiner elektrischen Gitarre zu sein. Brönner hat sich seine Band gut zusammengestellt. Mit Lindgren und Baker überrascht er das Publikum an diesem Abend. Und irgendwie auch wieder nicht, denn mit den Saxophonisten Lindgren und dem Gitarristen Baker setzt Brönner eine Tradition fort. Die Musiker, die mit ihm auf der Bühne stehen, sind Perfektionisten ihrer Instrumente. Brönner führt mit Lindgren und Baker musikalische Gespräche. In Viertakt-Phrasen werfen sie sich die Soli zu, improvisieren und harmonisieren miteinander. Wie ein Triumvirat sind sie aufeinander eingespielt, so als musizierten sie schon Jahrzehnte miteinander.

          Brönner lässt ihnen Raum auf der Bühne. Der Neununddreißigjährige tritt zur Seite, schaut zu und wippt mit, wenn Baker in die Saiten schlägt und seine Gitarre zum Klingen bringt. Manchmal scheint es, als spiele sich der junge Künstler in Ekstase. Doch dann ist da noch Magnus Lindgren, der sich an Saxophon, Klarinette und Flöte austobt. Die Solisten stechen durch ihre Kreativität, Technik und Perfektion so sehr hervor, dass sie auch einzeln Konzertsäle füllen könnten.

          Überforderung des Publikums?

          Die Soli können sie allerdings nur so gelungen ausspielen, weil hinter ihnen ein tadelloses Uhrwerk tickt. Brönners Rhythmusgruppe, die sich aus Schlagzeug (Wolfgang Haffner), Bass (Dieter Ilg), Percussion (Roland Peil) und E-Piano (Jasper Soffers) zusammensetzt, spielt mit der Genauigkeit eines Metronoms und erlaubt den Musikern leger und leidenschaftlich darüber zu improvisieren. Die Musiker funktionieren als Gemeinschaft ebenso gut wie einzeln, weil sie es schaffen, sich der Band unterzuordnen. Unterstrichen wird der Abend von einem transparenten Sound, der die Klänge glasklar ins Publikum schwingen lässt und ihm erlaubt, die Instrumente einzeln herauszuhören. Nach einzelnen Liedern wünscht sich manch einer etwas mehr Stille zwischen den Stücken, um das Gehörte wirklich einzusaugen, festzuhalten – doch schon fängt wieder jemand an, zu applaudieren.

          Das Programm des Trompeters und vierfachen Echogewinners, des Fernsehstars und Professors für Jazztrompete in Dresden ist facettenreich. Till Brönner lässt sich längst nicht mehr nur auf Jazz reduzieren. Auf ruhige Lieder, die an Ella Fitzgeralds Blue Skies erinnern, lässt Brönner Latin aus seiner Rio-Zeit einfließen. Mutig stellt er ein Pop-Funk-Gemisch dazu, das vor allem von elektronischen Verzerrungen und Bryan Bakers Gitarre getragen wird, mit der er fast schon an den fingerfertigen und wildgelockten Gitarristen Slash der Band Guns’n’Roses erinnert.

          Vielleicht überfordert Brönner mit seinem vollgepackten Programm das Publikum etwas, das sich in Gedanken schon längst an der Copa Cabana sah. Leider lassen die Gitarrenkracher von Baker die Stimme von Till Brönner schwächer erscheinen, als sie ohnehin schon ist. Nur zum Beatles-Cover „And I love her“ passt das sanfte Gehauche des Musikers. An der Trompete ist er nach wie vor unschlagbar. Brönner bläst die Töne schnell und klar und entlässt sie ins Dunkel des Saales. Dort bleiben sie hängen, und auch in den Ohren der Zuschauer, solange bis sie sich verlieren in die laue Nacht Rios – äh nein, Frankfurts.

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