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Themenwoche in Frankfurt : Stimmen, Gespenster und Zwangsarbeiterinnen

Außen hell, innen dunkel: Die Themenwoche begann mit dem Parcours „Geister der Arbeit“. Bild: Maria Irl

Mit drei Performances beginnt in der Naxoshalle in Frankfurt die „Themenwoche gegen das Vergessen“. Doch in einer Produktion hallen die Stimmen aus der Vergangenheit der Nazi-Verbrechenso so wider, dass man sie kaum verstehen kann.

          3 Min.

          Sackgasse. Eben war da noch ein verlassenes Arbeitszimmer, jetzt führen alle Türen in ein schwarzes, meeresumrauschtes Nichts. Nachtblind darf man hier nicht sein. Habe ich die Abzweigung vor den wackeligen Trittsteinen über den überfluteten Boden verpasst? Eine Stimme spricht: „Als einen Steinblock schuf uns die Natur. Theseus lässt Menschen aus Stein entstehen.“ Aha, eine Anspielung auf den „Schmirgel“ im Gründungsmythos der Naxoshalle. Warten: auf die nächste Besucherin, die fünf Minuten später gestartet ist. Da kommt sie schon und hinter ihr eine Frau mit einem winzigen Licht in der Hand. Tatsächlich, da war ein Weg die Treppe hinauf, aber unsichtbar. Die Lichtträgerin, Lucifera, lüftet einen weißen Vorhang. Nichts wie hinauf aus dem Keller nach oben auf die Galerie. Ein Blick hinab durch das wilde Gestänge der Beleuchtungstechnik. Schon wieder ist man orientierungslos – jetzt aber unter dem Dach der alten Industriebasilika.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Mit diesem Parcours unter dem Titel „Gespenster der Arbeit“ endete der Eröffnungstag einer „Themenwoche gegen das Vergessen“ vom Studio Naxos mit Symposion, Konzert, Film, Ausstellung und eben Theater. Drei Performances füllten den Abend über Stunden. Da etwa 45 Besucher alle fünf Minuten auf den Parcours geschickt wurden, dauerte das szenische Gedenken bis in die Nacht. Gespenstische Pantomimen und Ballerinen begegneten den Besuchern in allen, vor allem dunklen Ecken: Sie tanzten zwischen Elektroplunder, Kunstgewerbe und expressiven Gemälden über die Galerie, rezitierten Benjamins „Engel der Geschichte“, versuchten, die Besucherin kreisend in Bann zu schlagen, und geleiteten sie von Station zu Station. Dazwischen: Finsternis, Einsamkeit, Verlorenheit in der düsteren Arbeitsgeschichte dieses nur von klagenden Leuchtschriftbändern erhellten Ortes.

          Was die Gruppe Profikollektion mit ihrer eindrücklichen Performance und Installation abschloss, hatte das Theater Willy Praml begonnen: mit „P“, einem „Szenischen Denkmal für die polnischen Zwangsarbeiterinnen auf Naxos“. Michael Weber hatte es konzipiert und mit drei Schauspielerinnen in gelben Arbeitsschürzen inszeniert. Hannah Bröder, Birgit Heuser und Anna Staab ziehen schwere, am Bühnenboden befestigte Taue durch die weite Halle. Über Kopfhörer klingen Stimmen mit polnischem Akzent: Asia Andrzejak und ihre Mitstreiterinnen tragen die behördlichen Bestimmungen der Nazis für polnische Zwangsarbeiter vor. Hier, in der Naxoshalle, haben sie geschuftet, hier wurden sie daran erinnert, dass sie „freiwillig“ gekommen waren, hier mussten sie sich das „P“ wie Polen gut sichtbar auf die Kleidung nähen, so wie die Juden den Davidsstern.

          „Slawische Fruchtbarkeit ist unerwünscht“

          Die Zuschauer stehen maskiert vor ihnen – 75 Jahre danach. Sie hören, dass auf sexuellen Kontakt zwischen Polen und Deutschen die Todesstrafe stand. Dass, wer lässig arbeitete, ins KZ kam. Dass Kinobesuche und Tramfahren für Polen verboten waren. Dass Kinder von Ostarbeiterinnen abgetrieben wurden, denn: „Slawische Fruchtbarkeit ist unerwünscht.“ Dass es einen „Polenkessel“ gab, aus dem Kartoffeln in den „Franzosenkessel“ abgezweigt wurden. Dass es keine Gesundheitsfürsorge gab, denn: „Soweit wir sie nicht brauchen, sollen sie sterben.“ Die gelb gewandeten Frauen ziehen die Seile eng um sich. Dann liegen sie auf den Knien. Aber sie geben nicht auf: „Noch ist Polen nicht verloren.“ Die leise Nationalhymne wird zum Choral. Die Frauen springen auf, rebellieren, flüchten durchs Fenster. Zwei Schüsse fallen. Eine kommt durch.

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          Nach einer halbstündige Pause dann eine Produktion vom Kollektiv Bornstein/Casagrande/Haagen/Schwesinger GbR, lauter Künstler und Künstlerinnen vom Frankfurter Schauspiel. Doch ausgerechnet sie versagten. Nicht die Performerin Marlene-Sophie Haagen, die eine fulminante Textarbeit auf und neben einem schwarzen Laufsteg, eher einem Schwebebalken als leuchtende Zeitachse (Loriana Casagrande), darbot. Aber Regisseurin Marie Schwesinger hatte die Stimmencollage unter dem Titel „Widerhall“ nicht im Griff. Ihre Performerin wird Zeugin des Frankfurter Auschwitzprozesses 1963 bis 1965. Über den Lautsprecher sind die authentischen Tonbandaufnahmen aus dem Gerichtssaal im Haus Gallus zu hören. Einer der einstigen Staatsanwälte, Gerhard Weise, der gegen Wilhelm Boger plädiert hatte, saß unter den Zuschauern. Was ging ihm wohl durch den Kopf bei diesem auditiven Tohuwabohu, an dem er als „Interviewpartner“ mitgewirkt hatte?

          Denn so überzeugend die Nachgeborene als Fragende spricht – die Stimmen aus der Vergangenheit hallen so wider, dass man sie kaum verstehen kann. Wortfetzen überlappen sich, Namen rauschen vorüber: Emil Bednarek, Stefan Baretzki, Hans Stark, Robert Karl Ludwig Mulka, 22 Angeklagte, die Juden und Sinti in Auschwitz-Birkenau gequält und ermordet haben. Die Zeugen haben auch Namen, aber wer kann sie sich merken? Nur wer den „Bericht über die Strafsache Mulka“ von Bernd Naumann gelesen hat, kann sich in diesem Chaos zurechtfinden. Das ist aber nicht der Sinn von Theater. Es muss sich aus sich selbst heraus erschließen. Die Stimmen und die „Gespenster“ der Toten werden den Opfern des Nationalsozialismus nur gerecht, wenn man sie auch versteht. Oder: wenn man nach Auschwitz reist, um ihnen vor Ort zu begegnen. Gerhard Weise war dort.

          Die Themenwoche gegen das Vergessen dauert bis zum 1. Oktober. Die Theatervorstellungen beginnen jeweils um 18 Uhr. Kontakt: info@studionaxos.de

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