https://www.faz.net/-gzg-a5n1i

Theaterperipherie Frankfurt : Auf Netflix gibt es keine Flucht

Nicht aufgeben: die Jugendlichen des Theaterprojekts „Beshir im Blätterland“ mit dem Regieteam Ute Bansemir und Hadi El-Harake (vorne Mitte) Bild: Mohammad Salamat

„Beshir im Blätterland“ erzählt die Geschichten von Beshir und von vielen Jugendlichen, die trotz Corona monatelang daran gearbeitet haben. Darin arbeiten sie ihre Migrationsgeschichten auf. Nun ist das Stück als Livestream zu sehen.

          6 Min.

          Irgendwann wird Beshir auf Netflix zu sehen sein. Er wird einen Anzug tragen, und niemand wird ihn mehr schräg ansehen. Und dann werden alle wissen, wie das war. Seine Geschichte. Die jetzt schneller im Internet landet als gedacht. Erst einmal hätte „Beshir im Blätterland“ ein Theaterstück vor Publikum sein sollen, bei Theaterperipherie Frankfurt. Viel Publikum, im besten Fall. Nun gibt es, nach einer Premiere im kleinen Kreis, eine große als Livestream über theaterperipherie.de.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Corona ist lästig. Noch lästiger aber, wenn man jung ist, so zwischen 14 und Anfang 20. Und umso lästiger, wenn man seit April in den Startlöchern steht für ein Theaterstück, ein Filmprojekt, ach was, vielleicht eine neue Serie. Einen Trailer haben Beshir und sein Team fertig. Um damit die Chefs von großen Medienunternehmen zu ködern. Wer, wenn nicht er, sollte daran fest glauben?

          Beshir ist 16. Ein paar der acht anderen, mit denen er nun bei Theaterperipherie spielt, haben schon mal Theater gemacht, unter anderem in den Workshops des Bundesprogramms „Theater und Tanz machen stark“, die Kinder und Jugendliche fördern sollen und von Theaterperipherie an Schulen und Bildungseinrichtungen veranstaltet werden.

          Gar keine richtigen Proben möglich

          Beshir hat vor zwei Jahren in „Rettung“ mitgespielt, einem der Projekte mit jungen Flüchtlingen, die die Regisseurin Ute Bansemir verantwortet hat. Nun ist sein eigenes Leben die Grundlage von „Beshir im Blätterland“, ebenfalls im Rahmen von „Theater und Tanz machen stark“. Bansemir und ihrem Co-Regisseur Hadi El-Harake ist es trotz aller Corona-Widrigkeiten gelungen, die Gruppe zusammenzuhalten, in einer Mischung aus künstlerischer und sozialpädagogischer Betreuung. Dass bei solchen Projekten immer eine starke Fluktuation herrscht, weiß Bansemir. Seit zehn Jahren verbindet sie bei Theaterperipherie die Produktionen mit jungen, oft migrantischen Darstellern und die theaterpädagogische Arbeit in verschiedenen Kontexten. Wenn Probenprozesse stocken, nimmt die Energie ab, erst recht bei jungen Laien, da braucht es gar keine Pandemie. Doch die Gruppe von „Beshir im Blätterland“ hat sich erst in ihrer jetzigen Form gebildet, als gar keine richtigen Proben möglich waren.

          Flucht, zu Fuß, im Boot, im Bus, an Polizeiketten vorbei, das Ankommen in einem „Blätterland“, in dem es für alles ein Formular zu geben scheint, all das findet sich in der Szenencollage wieder. Und auch wenn nicht alle der Mitspieler eine Fluchterfahrung haben, ein größeres Päckchen als das, was man landläufig als unbeschwerte Jugend bezeichnet, tragen sie alle. Die Gespräche in der Gruppe über das, was sie jeweils erlebt haben, erst recht in der Corona-Zeit, sind in die Performance samt Videos eingeflossen.

          Sein eigenes Leben als Grundlage: Beshir kam aus Syrien über die Türkei nach Deutschland.
          Sein eigenes Leben als Grundlage: Beshir kam aus Syrien über die Türkei nach Deutschland. : Bild: Mohammad Salamat

          Es war die Erfahrung mit „Rettung“, die dazu geführt hat, dass Beshir Texte, Erinnerungen, auch seine Wut in unzählige Whatsapp-Nachrichten an Bansemir geschrieben hat. Eine regelrechte Welle. Weil ihm im „Blätterland“ kein Erwachsener glaubt und die Jugendlichen nichts hören wollen, so sein Gefühl. Noch viel mehr Texte sind entstanden, als er sich, regelrecht beflügelt, daranmachte, seine Idee in die Tat umzusetzen. Dreieinhalb Jahre lang war Beshir, der Jüngste der Familie, nach der Flucht aus Syrien mit den Eltern in der Türkei. Dort hätte das Kind die Grundschule besuchen müssen. Stattdessen hat es gejobbt. Eine Härte, die prägt. Schule, das begann erst wieder in Deutschland, mit knapp elf Jahren, in einer Intensivklasse für Deutsch. „Ich habe so viel gelernt und erlebt, und die chillen durch ihr Leben“, sagt er über seine Altersgenossen. Nach der Hauptschule will Beshir nun den Realschulabschluss machen: „Mir haben so viele gesagt, dass ich das nie schaffen werde.“ Am 1. Januar wird er fünf Jahre in Deutschland sein. „Überhaupt nichts wissen die“, sagt er über seine Altersgenossen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kontrolle an der deutsch-französischen Grenze im März

          F.A.Z. exklusiv : Einigung über neues Bundespolizeigesetz

          Nach langer Blockade einigen sich die Fraktionen von Union und SPD auf Eckpunkte für ein neues Bundespolizeigesetz. Das könnte der Behörde mehr Kompetenzen verschaffen. Manche Wünsche der Union bleiben aber unerfüllt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.