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Theaterhaus Ensemble Frankfurt : Voll auf die Sahne hauen

Blick nach vorn: Silvia Andringa (vorne links) mit Michael Meyer, Günther Henne, Susanne Schyns, Susanne Freiling und Uta Nawrath (von links nach rechts) Bild: Wonge Bergmann

Das Theaterhaus Ensemble in Frankfurt will sich jünger, diverser und zukünftiger aufstellen. In der Jubiläumssaison hat es nun Silvia Andringa zur neuen künstlerischen Leiterin berufen.

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          Onein, die Sahne ist mitten in den Mathe-Arbeitsblättern gelandet! Jedenfalls ein Teil davon. Der Rest plangemäß im Gesicht von Uta Nawrath. Dem Testpublikum gefällt es: Die dritten Klassen der Frankfurter Liebfrauenschule haben noch vor der jetzigen Premiere von „Kind gesucht“ das surreale Clownsspiel samt Torte als Klassenzimmerstück erlebt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Um trotz Corona im Theater und anderswo spielen zu können, hat sich das Theaterhaus Ensemble ein maximal flexibles Stück gesucht und stieß auf „Kind gesucht“ von Susanne van Lohuizen, in den Niederlanden längst ein Klassiker. Regisseurin Silvia Andringa findet darin nicht nur Groteskes und Situationskomik, sondern auch entlarvende Eltern-Szenen, die an das denken lassen, was viele Familien in den vergangenen Monaten mit Corona-Homeschooling und angespannten Momenten erlebt haben.

          Das ist Andringa wichtig: Nah an der gesellschaftlichen Realität zu sein, aktuelle Fragen in die Theaterarbeit aufzunehmen, die an den Bedürfnissen des Publikums orientiert ist – ob es die Allerjüngsten sind oder, wie jetzt, ein Publikum von Erstklässlern bis Erwachsenen einschließt. Künftig soll das Theaterhaus Ensemble noch öfter an anderen Orten spielen, sich Verbündete suchen, neue Formate erproben.

          Nicht nur eine neue Hausregisseurin

          Andringa, Autorin, Dramaturgin, Regisseurin, Festivalleiterin aus Amsterdam, seit Jahren international und viel in Deutschland unterwegs im Kinder- und Jugendtheater, hatte sich ihren Einstand am Theaterhaus anders ausgemalt. Denn mit der 1965 geborenen Niederländerin hat das Ensemble, seit der Gründung bestehend aus Nawrath, Susanne Schyns, Günther Henne und Michael Meyer, sich in der Nachfolge von Rob Vriens nicht nur eine neue Hausregisseurin gewählt.

          Andringa, die mit dem Ensemble unter anderem 2011/12 die preisgekrönte Inszenierung „Stein auf Stein“ zur jüdischen Geschichte der Schützenstraße 12, heute Sitz des Theaterhauses, erarbeitet hat, soll das Ensemble auch konzeptionell in die Zukunft führen. Zum zwanzigjährigen Bestehen wollen sich die vier neu erfinden – ohne die in langen Jahren erarbeitete Qualität über Bord zu werfen. Die akribische Arbeit an jedem Detail, die Gruppenkritik nach jeder Vorstellung, das lebendig Erhalten zahlreicher Repertoire-Stücke zählt auch Andringa zu den großen Stärken der vielfach ausgezeichneten Gruppe. Dass sie selbst entscheiden, was sie spielen und wo, sich ihre künstlerische Leitung selbst wählen, ist nicht das einzige Ungewöhnliche am Theaterhaus Ensemble, das eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts ist, zugleich, mit anderen, Gesellschafterin des Theaterhauses, der festen Spielstätte des Ensembles. Henne und Nawrath sind ein Paar mit zwei Söhnen, Schyns und Meyer ebenfalls. Praktisch in Corona-Zeiten: Die beiden Paare können auch ohne Abstand spielen.

          Flexibler und diverser will das Ensemble werden. Auch, weil sie alle älter werden und die Theaterarbeit auch in fünf und zehn Jahren weiterentwickeln wollen. Noch könne sie sich nichts anderes als Spielen vorstellen, sagt Schyns, Nawrath hingegen sieht auch die Erschütterung, die Corona gebracht hat: „Auf einmal steht vieles in Frage“, sagt sie. Geplant war für diese Saison eine große Stückentwicklung zusammen mit jüngeren freischaffenden Künstlern verschiedener Herkünfte. Neue Formate und Herangehensweisen in die langjährige Arbeit zu bringen, ist ein Gedanke, den die Gruppe seit langem entwickelt. „Jetzt sollte es endlich konkret werden“, sagt Meyer, „dass wir nun ausgebremst worden sind, war ein Schlag.“

          Andererseits sei das Ensemble in einer glücklichen Lage: Spielbereit sind eine Vielzahl der rund 60 Stücke, die in 20 Jahren entstanden sind, und die Gastspiele, die es jetzt wieder geben kann, halten die vier nicht nur aktiv – sie bringen auch Einnahmen. Und wenn es unbefriedigend sei, in einem Theater vor nur 25 Leuten zu spielen, so Henne, müsse man eben Ideen finden, Orte, an denen es sich gut und richtig anfühle, vor einem kleinen Publikum zu spielen. Susanne Freiling, als Dramaturgin und Organisatorin auch für die Zahlen zuständig, will deshalb keinesfalls alles Erreichte über Bord werfen, sondern weiterentwickeln.

          Die Nachfrage ist auch jetzt groß: Frankfurt habe im Vergleich zu größeren Städten in den Niederlanden ein Angebot an Kinder- und Jugendtheater „wie auf dem Dorf“, sagt Andringa. Es gebe erstaunlich wenig. Dabei brauche es die Kunst so dringend, „damit Menschen sich als Menschen entwickeln“. Dafür künftig auch in Frankfurt zu kämpfen ist ihr ein Anliegen. Und das große Projekt, sagen sie alle sechs, sei allenfalls auf das nächste Jahr verschoben.

          „Kind gesucht“ wird von 23. bis 30. Oktober im Theaterhaus Frankfurt gezeigt.

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