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Theatergründer über sein Leben : Peripherie und erste Liga

Schauspieler, Regisseur, Theatergründer: Alexander Brill, neuerdings auch Autor Bild: Helmut Fricke

Schauspieler, Regisseur und Theatergründer Alexander Brill hat sein Leben aufgeschrieben – und ein Stück Theatergeschichte dazu.

          3 Min.

          Das „ist die Geschichte des Schauspielers Ikarus Brill, der sich 1968 aufmachte, der Theatersonne entgegen zu fliegen, und 1982 heulend vor dem Spiegel in der Garderobe auf seinem Stuhl abstürzte“. Schonhaltung ist kein Markenzeichen von Alexander Brill. Und so erzählt er jetzt auch von sich, in „Vaterseelenallein“.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Brill ist kein Unbekannter in Frankfurt, seit er im Jahr 1980 mit Sack und Pack, Frau und zwei Kindern umzog, angeworben vom damaligen Ko-Intendanten des Schauspiels, Wilfried Minks. So lange wie in Frankfurt ist er nirgendwo geblieben, und auch wenn er viel Zeit in seinem Haus auf dem Land nahe Gelnhausen verbringt, ist er, wie so viele Zugereiste, ein Frankfurter geworden. „Unser Leben hat an Farbe und an Intensität gewonnen, seit wir hier sind“, sagt Brill. Umgekehrt darf das die Stadt durchaus auch von sich behaupten, denn Brill stand am Anfang zweier Theaterinstitutionen: Des heute Jugendclub genannten Laienensemble am Schauspiel Frankfurt und der Theaterperipherie, die er 2007 gegründet hat und 2014 abgab.

          Gelungenes Experiment

          Zwei Jahre nach jenem unglückseligen Moment, als Brill in der Garderobe des Schauspiels Frankfurt kurz vor der Premiere eine Einladung zum Kündigungsgespräch bekommen hatte, kam Günther Rühle, damals frischgebackener Intendant des Schauspiels, mit einem verlockenden Angebot: Brill sollte einen Schülerclub am Schauspiel Frankfurt leiten. Das Experiment gelang. So gut, dass Tankred Dorst Brill Stücke zur Uraufführung anvertraute, dass er auch in Köln einen Jugendclub gründete und an vielen Theatern inszenierte, eine Methode der Arbeit mit Laien für sich entwickelte, nachdem er sich selbst ein gnadenloses Zeugnis als Schauspieler ausstellte. Fehlende „Zugewandtheit und Empathie“ attestiert Brill sich im Rückblick.

          Er tingelte kreuz und quer durch die deutschen Stadttheater und die Frage danach, wie verschlingend dieser Beruf des Schauspielers ist, welche Opfer auch diejenigen bringen, die mit einem Theatermenschen leben wollen, wie sich alle ein Bild von sich selbst machen und sich an dem messen, was über sie gesagt wird, hebt Brills sehr persönlichen Text auch ins Allgemeine. „Das ist die Geschichte von uns allen“, hat eine frühere Kollegin gesagt, als sie den Text las – ein Urteil, das Brill nun schon öfter gehört hat. „Erste Liga“ ist so eine Passage, es geht um das Kreisen um die eigene Bewertung und Selbstentwertung: „Das Thema kennen doch alle. Weil man in der Öffentlichkeit steht und anerkannt sein will“, sagt er. Anerkennung, Verlust, Schmerz, die finden sich nicht nur in seiner Biographie, auch in dem, was er vom Theaterberuf an sich erzählt. „Es gibt sicher auch andere Wege, um Künstler zu sein. Aber ich glaube, dass viele Menschen, die einen künstlerischen Beruf ergreifen, eine Wunde haben. Denn sie suchen ja alle nach Anerkennung, nach dem, was fehlt.“

          Medizin und Germanistik studiert

          Wie kommen Lebensläufe und Lebenskurven zustande? Zufall, Schicksal, Wille? Brill, 1944 in Bayrischzell geboren, mit der alleinerziehenden, in den letzten Kriegstagen verwitweten Mutter aufgewachsen in München, wo er, nach Studiensemestern in Medizin und Germanistik, an der Falckenberg-Schule zum Schauspieler ausgebildet wurde, hat sich das spät in seinem Leben gefragt. Die seltsam „schizophrene“ Rolle, die er für seine Mutter spielte, nimmt viel Raum ein: „Ich war wichtig“, sagt er über das Kind Alexander, das dann plötzlich vom Thron gestoßen wurde. Und so, wie er sich an einstige Zöglinge seiner Theatergruppen erinnert, die sich an ihm gerieben, ihn als schwierigen Lehrer und doch prägenden Begleiter bezeichnet haben, geht er auch ernst und schonungslos mit dem eigenen Leben um. Und mit dem Theater. Dem ist er treu geblieben, seit er 24 war, sehr oft unglücklich: „Ich habe mich nie mit etwas identifiziert“, sagt er. Das auch zu Papier zu bringen, war ein Weg, den er gehen wollte.

          Nun ist das zu lesen in Brills „szenischem Memoire“. Es könnte mancher sich wiederfinden in diesen ungeschützten Szenen, etwa derjenigen, in der ein Mann, der glücklicher Vater geworden ist, ohne das so vorgehabt zu haben, all dem Glück plötzlich so hilflos gegenübersteht, dass er in den schönsten Momenten von einer überbordenden Trauer regelrecht gefällt wird. Es hat viele Jahrzehnte gebraucht, bis sich Brill seiner eigenen traumatischen Geschichte gestellt hat, in einer Therapie und durch das Aufschreiben. Schlaflosigkeit und Depression, die dazu führten, sich mit professioneller Hilfe der eigenen Seele zuzuwenden, schildert er kurz und hart, wie viele andere bisweilen krude Episoden der sechziger und siebziger Jahre. Dazwischen finden sich Schlaglichter auf politische Stücke, die Debatten auslösten, auf Mitbestimmung und linke Gruppen.

          Brill hat sich bewusst gegen einen Verlag entschieden. Zwar hatten etliche Gesprächspartner positiv auf sein Vorhaben reagiert, aber das Sprunghafte, auch die Widersprüche, das Atemlose seines Erzählens hätte er ändern und glätten sollen. „Das steht aber für mich für das Erinnern“, sagt Brill: „Ich will übersetzen, wie zeitsprunghaft und lückenhaft Erinnern ist.“ Und so ist das Manuskript, unbetreut und unverändert, als Book on Demand erschienen, das man im Internet bestellen kann. Für Brill ist das okay: „Ich will frei sein.“ Ein Satz, der für das Ganze stehen könnte. „Jetzt kommt kein Projekt mehr. Es ist das erste Mal, dass ich vor einer großen Leere stehe“, sagt er. Jetzt gehe es darum, sich selbst auszuhalten, auch die eigene Langeweile. „Ich freue mich darauf. Ich nehme mir Zeit für Menschen.“

          Alexander Brill liest am 21. Januar von 20 Uhr an im Schauspiel Frankfurt.

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