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Theaterfestival : Verhaach die Kist!

Schorsch Dandin hat schon rein optisch Hörner auf – allerdings in rot: Prinzipal Michael Quast als Schorsch (Mitte) mit Matthias Scheuring und Hildburg Schmidt Bild: Maik Reuß

Das Theaterfestival „Barock am Main“ im Höchster Bolongaro-Garten zeigt diesmal „Schorsch Dandin“ in einer Fassung von Rainer Dachselt.

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          Die Liebe ist nur für Junge und Schöne – den anderen bleibt der Suff. Ein Schuft, wer sich da fragt, warum in Frankfurt und Umgegend der Zwölferbembel sich so großer Beliebtheit erfreut. Alle die Gemäße wird er nicht allein austrinken, der Schorsch Dandin, obwohl er sich redlich Mühe gibt. Michael Quast in dieser tragenden Rolle obliegt es, im Finale des Stücks heldenhaft und stetig ein Geripptes nach dem anderen zu kippen: Auf Bacchus, den Retter der um die Liebe Betrogenen. „Dreimal hoch die Liebe!“, säuseln die Schäferinnen auf dem Balkon das Bolongaro-Palasts. „Dreimal hoch die Tassen!“, hält Schorsch dagegen.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch im siebten Jahr hat das Festival „Barock am Main“ im Höchster Bolongaro-Garten nichts von seinem Charme eingebüßt. Geändert hat sich gleichwohl vieles. Hausautor Wolfgang Deichsel, der „hessische Molière“, ist im Februar gestorben. Rainer Dachselt, Autor neben anderem von Quasts Jacques-Offenbach-Zyklus, hat die hessische Fassung von Molières „George Dandin ou Le mari confondu“ geschrieben, nunmehr „Schorsch Dandin – Der beduppte Ehemann“. Der muss sich am Ende tüchtig begießen, um seine Hörner zu vergessen.

          Absurd bunte Perücken und glanzvolle Kostüme

          Obwohl, um Liebe geht es ja nicht wirklich. Emporheiraten wollte sich der Unstandesgemäße, verschachert wurde die adelige Angelika, weil die Löcher im Säckel der noblen Eltern Dallaff (Hildburg Schmidt, Matthias Scheuring) noch größer waren als ihr Dünkel. „Hoch gefreit, tief gereut“, lautet der Spruch der Stunde, da Schorsch Dandin schwant, dass seine Gattin es mit der ehelichen Treue nicht genau nimmt: Dem Bauersmann geht es eher darum, daheim ein Weib zu haben, das ihm gehorcht. Und Angelika (Judith Niederkofler) sucht mit Hyazinth (Friedemann Eckert) allenfalls ein galantes Vergnügen mit einem ebenbürtigen Herrn.

          Wo das Problem liegt, zeigt in einem schönen Kunstgriff das live musizierende Barockensemble um Rhodri Britton mit dem Quartett der Schäferinnen und Schäfer. Ihnen hat Dachselt deutsche Fassungen der Bühnenmusik von Jean Baptiste Lully geschrieben: Da wird geliebt, was das Zeug hält, und geziert getan, dass die Komik nicht zu kurz kommt. „George Dandin“, diese Farce, die Molière 1668 dem Hochadel in Versailles vorspielte, braucht allerdings mehr als adelige Fallhöhe, um zu funktionieren, scheint doch am Ende, wenn George bei Molière ins Wasser gehen will, Tragik auf – doch echte Charaktere hat die Vorlage nicht zu bieten, der Funke muss anderswo geschlagen werden.

          „Dreimal hoch die Liebe!“

          In Höchst hat sich das Regieduo Sarah und Fritz Groß ganz auf das Volkstheater mit Körperkomik und überdeutlicher Mimik verlassen – das Publikum gibt ihnen insofern recht, als es nach beinahe jeder Szene Applaus hagelt. Zeit dafür bleibt reichlich, denn die hessische Fassung nivelliert gerade, was einen Witz der Molièreschen ausmacht: Das sprachliche Gefälle zwischen dem ungebildeten Schorsch und seiner angeheirateten Verwandtschaft.

          Sie hesseln alle, mal mehr, wie das komische Dienerpaar Philipp Hunscha und Pirkko Cremer, mal weniger, wie Schmidt und Scheuring, die nicht genug Gelegenheit haben, wie Quast selbst ihr schauspielerisches Können hervorzukehren. So gewinnen die Gewaltphantasien Schorschs, die bei Molière als wildes Umsichschlagen des Unterlegenen erscheinen, ein ungutes Gewicht. Das liegt nicht daran, dass es uns heute nicht mehr politisch korrekt erscheint, das „Haache“, die Haue, als probates Mittel zur Sicherung des ehelichen Friedens anzusehen. Es passiert nur sonst zu wenig, es wird chargiert, bis den Schauspielern die Grimasse auf den wie stets beeindruckend geschminkten (Katja Reich) Gesichtern einfriert.

          Die absurd bunten Perücken und glanzvollen Kostüme (Petra Straßburger) deuten an, dass die Inszenierung auch weiter hätte gehen können, bis hin zur völlig überdrehten Parodie. Das aber hat dann offenbar bei einem konzilianten Freiluftfestival niemand riskieren wollen. Und das Hessische, das Volkstheaterliche, vertragen die großen Komödien Molières deutlich besser als die schlichte Farce. Nächstes Jahr wieder? Zu übersetzen hätte Dachselt, jetzt schon in guter Übung, ja noch einige. Wolfgang Deichsel und seinem Werk widmen Quast und sein Ensemble den letzten Abend des Festivals am 4. September.

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