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Theater : Von der Mitbestimmung ans Volkstheater

Derzeit im „Weißen Rössl”: der Sprachfreund Walter Flamme Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

In der Kleistschule wurde er mangels Dialekt noch ausgelacht - und doch spielt er seit 30 Jahren im Frankfurter Volkstheater Hessisches: Nun wird Walter Flamme 80 Jahre alt.

          Gibt es etwas Schöneres für einen Schauspieler als den Satz: „Mach, was du willst, wir folgen dir schon“? Walter Flamme ist dem „Liesel-Christ-Quartett“ unter der Leitung von Ulrich Jokiel dankbar für die choreographischen Freiheiten, die er sich auf der Bühne des Frankfurter Volkstheaters herausnehmen darf: ein bißchen Charleston, ein bißchen Breakdance, von allem etwas.

          Claudia Schülke

          Feste freie Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Von Abend zu Abend variiert der Schauspieler seinen „Frikadellen-Tanz“, wie er die karikierenden Schritte seines Trikotagenfabrikanten nennt, der sich vom „Weißen Rössl“ am Wolfgangsee immer wieder in den heimischen Taunus zurücksehnt. „Eine Traumrolle“, dieser Brettschneider: „mal cholerisch, mal phlegmatisch und immer überfordert.“

          „Bunt ist meine Lieblingsfarbe“

          Privat mag Flamme es „moderat“. Er liebt das Meer, wie man an den Bildern sehen kann, mit denen er die Wände seiner Wohnung im Nordend schmückt. Doch: „Bunt ist meine Lieblingsfarbe“, zitiert er Gropius und zeigt schmunzelnd auf seine rote Winterjacke. Im Urlaub hat er wieder angefangen zu malen: eine abstrakte Kombination aus Gelb-Orange-Blau-Tönen, denn das Figürliche hat er nie gelernt.

          Dafür das akkurate Sprechen, dem seine andere „moderate“ Leidenschaft gilt. Die bühnengemäße Sprechkultur hat er sich unter anderem mit dem „Kleinen Hay“ angeeignet, einem klassischen Handbuch für Schauspieler, in dem so nette Lehrsätze stehen wie „Mein Meister freit ein reizend Weib.“ Für das nächste Jahr plant Flamme sogar einen Solo-Abend in Bad Kissingen unter dem Titel „Ein A ist kein A“.

          Sein Publikum hört ihn am liebsten immerzu babbeln. Das lehnt er aber ab, denn: „Ich will privat keine Rolle spielen.“ Schon in der Frankfurter Kleistschule wurde der gebürtige Dortmunder ausgelacht, weil er Hochdeutsch sprach. Seinen ersten Dialektsatz gab er im „Datterich“ an der damaligen Hochschule für Theater von sich.

          Auftritte am Theater am Turm

          Aber bevor er seinen Abschluß als Schauspieler machen konnte, mußte er nach Sulzbach zur Flak, an die Ostfront nach Breslau und dann vier Jahre lang für die Russen Holz in Karelien schlagen. Als er 1949 aus der Gefangenschaft zurückkam, fand er zu Hause kein Engagement und verdingte sich in Keller- und Zimmertheatern. Noch heute sieht er sich alles an, was Frankfurts freie Gruppen zu bieten haben.

          Auf Wunsch seines Vaters ließ Flamme sich auch zum Kaufmann ausbilden und ging ein ungeliebtes Anstellungsverhältnis ein. Irgendwann Anfang der sechziger Jahre debütierte er als Graf Posa in Bad Kreuznach auf einer richtigen Bühne und ging dort unter Vertrag. Drei Jahre lang mußte er alle zwei Wochen in eine neue Rolle schlüpfen, bevor er an die Landesbühne Rhein-Main engagiert wurde, aus der Mitte der sechziger Jahre das Theater am Turm (TAT) hervorging.

          Dort spielte er Brecht und die berüchtigten Handke-Stücke unter Claus Peymanns Regie, besuchte mit dem „Kaspar“ das Berliner Theatertreffen und die Biennale in Venedig. So richtig wohl hat er sich nie bei Peymann gefühlt. „Mir sind Regisseure lieber, die selbst spielen“, sagt er. Und: „Wenn die Leute so auf Kunst machen, ist mir das ein Grauen.“

          Liebe zu komischen Rollen

          Auch die sogenannte Mitbestimmung war ihm nicht geheuer. Als sie scheiterte und auch die Strukturen im TAT sich veränderten, entschied ein Auftritt Flammes weiteres Berufsleben. Liesel Christ hatte ihn 1975 in Wolfgang Deichsels hessischer Moliere-Bearbeitung der „Schule der Frauen“ gesehen und holte ihn als radebrechenden Amerikaner ans Volkstheater.

          Bis 1990 gehörte Flamme zum festen Ensemble des Hauses und war in fast jedem Stück mit dabei: als Titelheld im „Rentier“, als Herr Dummbach im „Datterich“ und gleich zweimal als Onkel Willi in der hessischen Version von Fitzgerald Kusz' „Schweisch Bub“, das im April wieder auf dem Spielplan steht. Er liebt komische Rollen wie den Brettschneider, mit dem er sich jetzt als würdiger Nachfolger seines verstorbenen Kollegen Erich Walther empfiehlt. „A und O der Komik“, weiß er, „ist die Ernsthaftigkeit.“

          Nun wird er 80. Aber er muß seinen Ehrentag ohne seine Frau Gerda feiern. „Sie war das Glück meines Lebens“, sagt der Schauspieler. Ihr verdankt der Meeresliebhaber, daß er nicht nur Sylt, sondern auch das Lieblingsland seiner Frau, Italien, gut kennt. Vor vier Jahren ist sie gestorben. Doch die Show und das Leben müssen weitergehen, und: „Disziplin steht an erster Stelle.“ Hätte er sonst vor drei Jahren sein Publikum als lustiger Witwer begeistern können? Er lächelt: „Das war nur eine Rolle.“

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