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Theater : Pubertierende Puritanerinnen

Auf einer fast leeren Bühne im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels bläst Martin Nimz zu Arthur Millers „Hexenjagd“. Das Regie-Konzept bleibt im Ungefähren.

          3 Min.

          Volle Saalbeleuchtung. Den Blick in die Tiefe des Großen Hauses verstellen zwei Sperrholzwände. Dazwischen klafft ein Spalt, durch den ein Mensch bequem hindurchgehen kann. Ein Laufsteg stellt die Verbindung zwischen dem Zuschauerraum und dem ureigentlichen Territorium der Schauspieler her. Es ist allemal irritierend, wenn das Licht nicht gelöscht wird, obwohl die Vorstellung begonnen hat. Aber Salem, will uns das wohl bedeuten, ist überall, und die Fiktion ist so fiktiv nicht: Die Welt als Wahn und Vorstellung endet nicht am Bühnenrand. Vor Verdächtigungen ist niemand gefeit, vor Anschuldigungen, vor falschen Behauptungen. An keinem Ort, zu keiner Zeit.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Die üble Nachrede lauert immer und überall. Es geht auch gleich los mit hysterischer Schreierei. Dann ein paar gewisperte Gebete. Das Unheimliche ist mitten unter uns in den Zuschauerreihen. Als Arthur Miller 1953 sein Stück „Hexenjagd“ veröffentlichte, war die McCarthy-Ära auf ihrem Höhepunkt. Aus dem Federgewicht eines Gerüchts konnte das Halseisen eines Berufsverbots werden. Viele Künstler waren davon betroffen.

          Salem als historische Folie

          Es herrschte ein Klima der Denunziation, schwarze Listen wurden erstellt, auch und gerade im Showbusiness machten die meisten mit, wenn es darum ging, Material gegen angebliche oder auch einmal bekennende Kommunisten zu sammeln. Aber das Drama wäre nicht zu Zeiten des Existentialismus geschrieben, böte es nicht auch einen Einblick ins allgemein Zwischenmenschliche: Auf Erden sind alle Verdächtige. Und aus jedem kann ein Verurteilter, ein Gerichteter, ein Geächteter werden. Weil die anderen es so wollen. Der Mensch erschafft jeden Tag den Menschen neu. Als Popanz. Gerne auch als Monster.

          Im Fall von Millers Stück wollen ein paar über die Stränge schlagende pubertierende Puritanerinnen vor allem von sich selber ablenken. Der Ortsgeistliche hat die Gruppe junger Mädchen beim Tanz im Wald gesehen, womöglich nackend. Im Anschluß an diese Begegnung werden die Jugendlichen komisch und bezichtigen ehrenwerte Bürgerinnen, sie verhext zu haben. Reverend John Hale (Martin Butzke), ein Spezialist fürs Dämonische, wird ins Städtchen bestellt, ein weltliches Tribunal unter dem ehrenwerten Richter Danforth (Wilhelm Eilers) bringt eine unschuldig Angeklagte nach der anderen an den Galgen. Miller hat diese historisch verbürgten Vorgänge in eine Parabel umgebogen.

          In Frankfurt entfaltet sie sich gänzlich zusammenhanglos. Martin Nimz, dessen Inszenierung jetzt im Schauspiel Premiere hatte, entkleidet das Bühnenwerk jeder geschichtlichen Ummantelung. Weder ist es in jenem Jahr 1692 angesiedelt, als in der Stadt Salem im Staat Massachusetts Hexenprozesse stattfanden, die für Millers Stück die historische Folie bildeten, noch in den frühen fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die Kommunistenhatz Hollywood-Karrieren zerstörte und manch einer unamerikanischer Umtriebe bezichtigt wurde, der in der Bibliothek ein halbwegs anspruchsvolles Buch bestellte. So wird die Aktualität eines Stoffs suggeriert, eine zeitlose Wahrheit, eine Kulturen und historische Phasen transzendierende Gültigkeit.

          Hysterie und Gewalt

          Die Regie erläutert dem Publikum kaum etwas, versagt sich jede Einbettung ins Historische und ist von überraschender Ironieresistenz. Was in dieser Inszenierung vorgeführt wird, ist auch überhaupt nicht lustig. Allerdings nicht deswegen, weil vom Teufel und seinen vermeintlichen Helfern die Rede ist, sondern weil man den Pubertätsirrsinn dieser Mädchen durchaus ernst nehmen sollte. Wir wünschen ihnen gute Therapeuten. Nicht wirklich für voll nehmen können wir freilich einen Richter, der wie ein westlicher Mensch der Gegenwart gewandet ist und wegen der Aussagen dieser offensichtlich verhaltensgestörten Jugendlichen rechtschaffene Leute zum Tod verurteilt. Auf der leeren Bühne wird nicht plausibel, was die Mädchen antreibt, und noch weniger, was den Richter dazu bringt, dem Spuk kein Ende zu setzen.

          Nach den Eingangsszenen, in denen sich die Schauspieler unter das Publikum gemischt haben, und einer ersten exorzistischen Gewaltaktion an einem jungen Mädchen ist das Licht dann doch ausgegangen, und den Zuschauer umfing nach dem Weggleiten der Sperrholzwände plötzlich die Leere eines auf die Technik reduzierten Bühnenraums. Da sind nur noch ein schlicht-funktionaler Tisch und zwei ebensolche Stühle, wie sie etwa in Klassenzimmern verwendet werden. Und von oben baumelt eine Lampe, die wenig anheimelndes Licht spendet. Darunter sitzen Herr und Frau Proctor. Der Mann (Oliver Kraushaar) wird zum Helden, weil er seine Frau (Sabine Waibel) retten will, die unter Verdacht gerät: Er gibt zu, mit Abigail Williams die Ehe gebrochen zu haben, der einstigen Magd, die jetzt gegen seine Frau aussagt, um ihn für sich zu gewinnen. Anne Müller bietet als Abigail eine herausragende schauspielerische Leistung: Sie gibt das böse Mädchen mit einer beunruhigenden Intensität und ohne in das Klischee der „jungen Verführerin“ zu verfallen, das Miller in seinem Text durchaus bedient.

          Die Gewaltausbrüche von John Proctor dagegen konterkarieren das Bild vom einzig Aufrechten, der er ist. Überhaupt geht es in dieser Inszenierung körperlich oft heftig zur Sache, so daß Hysterie und Gewalt eine Art Grundmuster bilden in einer Welt, wo „Gottes eisiger Wind weht“, wie es einmal heißt. Der Rest ist Hörspiel. Was mangels erhellender Regieeinfälle bleibt, ist allerdings ein hinreißendes Schauspieler-Theater. Die Akteure sprechen durchgehend präzise so, daß es unter die Haut geht.

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