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Theater Landungsbrücken Frankfurt : Geflimmer der Bildschirmwelten

Lümmelt sich im rosaroten Morgenanzug auf der Couch und liest was über Hitler: Michael Haase als Adi in „1000 Jahre Widerstand. Irgendwas mit Nazis” Bild: Theater Landungsbrücken

Adi lümmelt auf der Couch. War spät gestern, so scheint er seinem Publikum zu sagen, schlappt im rosaroten Morgenanzug wie aus dem Hartz-IV-Kaufhaus in seinem Bunker hin und her und klebt sich sein Diktatorbärtchen an. - „1000 Jahre Widerstand. Irgendwas mit Nazis“ im Theater Landungsbrücken.

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          Adi lümmelt auf der Couch. War spät gestern, so scheint er seinem Publikum zu sagen, schlappt im rosaroten Morgenanzug wie aus dem Hartz-IV-Kaufhaus in seinem Bunker hin und her, klebt sich sein Diktatorbärtchen an und wartet als Faktotum dieses düsteren Ortes auf die aktuellen Kandidaten.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Georg (Felix Bieske) zum Beispiel, der den Schreinergesellen Georg Elser geben soll, Claus (Mario Krichbaum) selbstredend, mit seiner Augenklappe ganz Tom Cruise, äh, Graf von Stauffenberg natürlich, und keineswegs zuletzt die bezaubernde Sophie (Nele Hornburg) als Sophie Scholl. Zwar sind der Führer, Nazis, Widerstand eigentlich „nicht so ihr Thema“. Bringt sie Brandauer und Ochsenknecht, Chaplin und Tom Cruise (“Hat der nicht neulich auch irgendwas mit Nazis gemacht?“), den 9. November 1938 und den 11. September ständig durcheinander.

          Eine „politisch korrekte Groteske“

          Doch immerhin: Dafür hat sie als Einzige in dieser etwas anderen Casting-Show zwecks gewissenhafter Vorbereitung Hitlers legendäre Tagebücher im Original gelesen. Kurzum, es geht so manches drunter und drüber im Theater Landungsbrücken, wo Linus König anlässlich des fünften Geburtstags dieses innovativen Frankfurter „Sehnsuchtstheaters“ eine selbstverfasste „politisch korrekte Groteske“ inszeniert hat. Und in der Tat: Dieses Theater ist ein Witz. Ein ziemlich guter sogar stellenweise, mit der einen oder anderen dreist geklauten Pointe zwar, sarkastisch auch bisweilen und politisch, anders als versprochen, was hier so viel heißen muss wie angedroht, ganz offensichtlich alles andere als korrekt.

          „1000 Jahre Widerstand. Irgendwas mit Nazis“ ist formal zunächst einmal so etwas wie eine an Sartres „Huis clos“ geschulte Versuchsanordnung. Nur dass die Hölle des Empirezimmers hier einen trostlosen Bunker vorstellt, die toten Seelen von Schauspielern gegeben werden, die mit ihrer jeweiligen Paraderolle wiederum den deutschen Widerstand verkörpern, und dass der Grund für die Verdammnis nicht so recht ersichtlich ist. Nur Adolf „Adi“ Hitler (Michael Haase) weiß ganz offensichtlich mehr. Meist aber hält sich der Gastgeber im Hintergrund, verlässt bei einem Wutanfall diskret den Raum und liest ansonsten in einem ziemlich dicken Buch: „Adolf Hitler“.

          Die Angst vor der eigenen Courage

          So weit, so abgedreht. Doch König geht es in seinem Stück weniger um den Widerstand als solchen, nicht um Klamauk oder „irgendwas mit Nazis“, sondern um nicht weniger als um die Parameter des Diskurses und die daraus folgenden Konsequenzen für die Möglichkeiten des Theaters. Im Kern also um den Versuch einer empathischen Annäherung unter den Bedingungen der Gegenwart. Und sein hier komisches, dort wahrhaft groteskes Scheitern. Ist doch die Perspektive des Betrachters immer schon medial gebrochen, verhunzt und fernsehkompatibel und mithin fiktionalisiert.

          Aus dieser Perspektive der „Geschlossenen Gesellschaft“ aber, aus der Bruno Ganz und Charlie Chaplin, Alec Guinness, Faktotum „Adi“ und selbst Helge Schneider im Geflimmer der Bildschirmwelten ununterscheidbar werden, erhält selbst ein Kalauer wie jener, dass Guido „History“ Knopp „Hitler erst möglich gemacht“ habe, beinahe so etwas wie einen tieferen Sinn. Dass man am Ende dennoch nicht ganz glücklich wird mit diesen „1000 Jahren Widerstand“ ist denn auch weniger dem „Titanic“-geschulten Humor des Stücks geschuldet, im Gegenteil. Aber König packt am Ende doch noch die Angst vor der eigenen Courage. Und schlägt sich mit Sophies Resümee auf die Seite der Redundanz. Das aber hat das Publikum nicht verdient. Und auch nicht nötig. Nichtsdestotrotz aber spendete es dem Jubiläumsanlass durchaus angemessenen Applaus.

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