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Theater : Gier eines Handlungsreisenden

  • -Aktualisiert am

Unzweifelhaft sein Auftritt: Franz Nagler als Leopold Bild: Martin Kaufhold

Wie die Liebe verlorengeht, hat der junge Fassbinder in „Tropfen auf heiße Steine“ gezeigt. In Wiesbaden hat Regisseurin Caroline Stolz daraus eine Komödie gemacht.

          3 Min.

          Nichts ist eigentlich trauriger, als dabei zuzusehen, wie die anfängliche Liebe eines Paares vom Alltag verschluckt wird, wie sich Leidenschaft in Gezänk verwandelt und Lust zu Langeweile wird. Und zugleich gibt es kaum etwas Komischeres, als befriedigt festzustellen, dass auch andere Lieben den Alltagstest nicht bestehen, dass man das eigene Beziehungsunglück mit Millionen Menschen teilt.

          Ob man eine solche verkorkste Liebesgeschichte als Komödie oder Tragödie wahrnimmt, ist letztlich eine Frage des Blickwinkels. So viel aber ist gewiss: Von außen betrachtet hat selbst der schlimmste Rosenkrieg seine absurd-komischen Momente, über die man als Zuschauer lachen muss, und sei es nur, weil man es anders nicht aushält.

          Komödiantische Lesart

          Die junge Regisseurin Caroline Stolz hat sich in ihrer Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders frühem Stück „Tropfen auf heiße Steine“ am Staatstheater Wiesbaden sehr dezidiert für eine komödiantische Lesart entschieden. Sie treibt durch allerlei Slapstickeinlagen der traurigen Liebesgeschichte vollends die Tragik aus. Dabei kommt Fassbinder in diesem 1965 geschriebenen, doch erst nach seinem Tod 1982 aufgefundenen und uraufgeführten Beziehungsdrama zu einer durch und durch pessimistischen Einschätzung der Möglichkeiten von Liebe auf Dauer. Und dies ganz unabhängig davon, ob die Liebenden sich auf homo- oder heterosexuelle Beziehungen einlassen.

          Die Geschichte von Franz (Florian Thunemann), der von dem alternden Handelsreisenden Leopold (Franz Nagler) auf der Straße angesprochen wird und ohne allzu viele Umstände in dessen Bett landet, hat an sich sämtliche Ingredienzien eines üblichen Beziehungsverlaufs zwischen Männern und Frauen.

          Die erste Szene zeigt das Kennenlernen und die rasch aufflackernde Leidenschaft. Wie im Zeitraffer springen wir dann ein halbes Jahr weiter und erleben, wie aus dem weichen, sensiblen Franz das Heimchen am Herd geworden ist, während Leopold alle Allüren des ekelhaften Macho-Mannes herauskehrt. Als Franz einige Versöhnungen später gerade aus Leopolds Wohnung ausziehen will, kommt unverhofft seine von ihm verlassene Verlobte Anna (Alexandra Finder) ins Spiel. Sie versucht ihn mit unzweideutigen Mitteln für sich zurückzugewinnen, und das junge Paar wird vom heimkehrenden Leopold in flagranti erwischt. Und als wäre dies nicht der Wirrnis genug, taucht nun auch noch Leopolds Ex-Geliebte Vera (Julia Grimpe) auf, die allerdings von sich behauptet, früher einmal ein Mann gewesen zu sein.

          Durchschnittsmonstrum

          Hier verwandelt sich die Tragikomödie endgültig in eine boulevardeske Farce. Denn es kommt keineswegs, wie erwartbar gewesen wäre, zu Eifersuchtsexplosionen, nein, der sexuell für nahezu alles offene Leopold bezirzt sowohl die junge Anna wie auch die nicht mehr ganz so frische Vera und verschwindet mit beiden im Schlafzimmer. Franz nimmt unterdessen Gift und verabschiedet sich telefonisch von seiner Mama und vom Leben.

          Man weiß nicht recht, ob man diese krude Mischung goutieren würde, wenn nicht ein Charakterdarsteller wie Franz Nagler den Abend zusammenhielte. Vom ersten Moment an ist es faszinierend, ihm zuzusehen. Denn ungeheuerlicherweise nimmt man ihm die erotische Ausstrahlung ab, obwohl er nichts weiter zu sein scheint als ein deutlich in die Jahre gekommener Spießer, der seinen schwammigen Körper montags in schlecht sitzende Anzüge zwängt und am Freitagabend übellaunig seine männliche Lebensgefährtin herumschikaniert. Nagler stattet dieses unerträgliche, körpergierige Durchschnittsmonstrum mit einer behäbigen Gefährlichkeit aus, die immerhin verständlich werden lässt, weshalb alle ihm spätestens im Schlafzimmer verfallen. Nagler spielt eine Karikatur, doch er lässt die Figur nicht darin aufgehen. Ihm ist zu verdanken, dass die Komödie nicht zur Boulevardklamotte verflacht.

          Leider aber hat Caroline Stolz, anstatt sich auf die Kraft Naglers und seiner drei nicht minder engagierten Mitstreiter zu verlassen, diesen bittersüßen Kuchen noch mit einem klebrigen Zuckerguss versehen, indem sie die Darsteller mit Handmikrophonen mehr oder minder passende Schlager singen lässt. Einmal ganz davon abgesehen, dass das nicht anders klingt als ein mittelmäßiger Karaoke-Abend bei der Betriebsfeier, hat es das auch als grellbunte Komödie immer noch subtile Beziehungsschauspiel Fassbinders nicht nötig, durch Song- und Tanzeinlagen („Tanze Samba mit mir!“) aufgepeppt zu werden. Dem Publikum in der Wartburg indes hat es gefallen, wie mehrfacher Szenenapplaus und der frenetische Jubel nach der Premiere zeigte.

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