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Theater : Der Krieg war in Ordnung!

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Einen Kriegshelden, der unter seiner Bedeutungslosigkeit in der Heimat leidet, schildert Simon Stephens in dem Stück „Motortown“, das in Mainz seine deutsche Premiere hatte.

          Lange Zeit hegte man im pazifistischen Deutschland die Hoffnung, man müsse Krieg nur aus tiefstem Herzen verabscheuen, dann werde er wie von selbst verschwinden. Einig war man sich hierzulande, daß Krieg das Schlimmste aller Übel ist, und nicht wenige waren lauthals oder stillschweigend der Meinung, daß jene, die das Kriegführen zu ihrem Beruf gemacht haben, per se Mörder sind. Und tatsächlich ist es nur schwer auszuhalten, daß jene Soldaten, die als Bewahrer des Friedens in fernen Weltwinkeln stationiert sind, eben auch Menschen sind, an denen die tägliche Konfrontation mit Terror und Gewalt nicht spurlos vorübergeht.

          Die jüngst entdeckten Fotos, auf denen deutsche Soldaten mit Totenköpfen posieren, legen davon beredt Zeugnis ab. Früheren Zeiten waren die Verrohungsfolgen des Krieges geläufiger, die lange Friedensepoche in Europa hat viele vergessen lassen, daß der Mensch nicht ohne weiteres gut ist. Diese Erkenntnis ist für manche ein Schock.

          Folter und Terror

          Der 1971 geborene englische Dramatiker Simon Stephens reagiert auf diesen Schock mit seinem Stück „Motortown“, das nun am Mainzer Staatstheater in Anwesenheit des Autors seine deutsche Erstaufführung erlebte. Sein Protagonist Danny (Tim Breyvogel) ist ein britischer Kriegsheld. Er diente als Obergefreiter beim Irak-Feldzug in Basra und hat dort Dinge erlebt, die ihn für das Leben als Zivilist untauglich machen. Doch Danny leidet nicht etwa unter den schrecklichen Bildern von Folter und willkürlichem Terror, er leidet vielmehr unter der eigenen Bedeutungslosigkeit in der Heimat: „Der Krieg war in Ordnung, er fehlt mir!“

          War er in Basra Teil einer Mission, als der er sich wichtig und geachtet fühlen konnte, so sieht er sich nun bei seiner Rückkehr einem Land gegenüber, das von all dem nichts wissen will und das zudem, aufgeschreckt durch die Berichte von Übergriffen britischer Soldaten, alle Militärs unter Generalverdacht stellt. Dannys Freundin Marley (Julia Kreusch), durch die offenen Schilderungen in seinen Briefen ohnehin verängstigt, trennt sich von ihm. Danny wird zum Fremden im eigenen Land.

          Nahezu folgerichtig reagiert er mit Gewalt. Er besorgt sich eine Waffe, er findet in der jungen osteuropäischen Prostituierten Jade (Katharina Knap) ein eher zufälliges Opfer, quält die junge Frau und erschießt sie. Er verpackt die Leiche in einem Plastiksack und fährt mit ihr im Kofferraum an die See. Dort lernt er ein gelangweiltes Mittelstandspärchen kennen, das ihm Sex zu dritt anbietet. Danny lehnt ab, fährt zurück zu seinem Bruder Lee (Thomas Prazak), in dessen Wohnung er haust. Mehr passiert äußerlich nicht. Und doch erleben wir in den wenigen disparaten Szenen einen außer sich geratenen Menschen in einer aus den Fugen geratenen Welt.

          Lakonisches Ende

          „Ich wollte ein Stück schreiben, das finster, voller Widersprüche und schmerzhaft ist, da unsere Kultur finster, voller Widersprüche und schmerzhaft ist“, hat Simon Stephens über sein im Sommer 2005 in nur wenigen Tagen geschriebenes anderthalbstündiges Drama gesagt. Und obwohl „Motortown“ zunächst ein Stück über Großbritannien ist, muß man kein Prophet sein, um vorherzusagen, daß das Thema in allen Nato-Staaten bedrückende Aktualität besitzt. Der Krieg läßt sich nicht in der Ferne verstecken.

          Matthias Fontheim, der bereits in Graz und Essen Dramen von Simon Stephens inszenierte, läßt das Stück in einer lediglich mit einigen Stühlen möblierten kahlen Bühne auf den Zuschauer niedergehen. Was die Figuren auf der Bühne, allen voran der erschreckend glaubwürdig spielende Tim Breyvogel, von sich geben, was sie tun, wie sie sich verbal und körperlich verletzen, all dies verfolgt man mit wachsendem Unbehagen. Stephens und sein deutscher Regisseur Fontheim gewähren uns keine Pause, alles wird dem Zuschauer ohne weitere Analyse, ohne irgendeine Form der Einordnung oder Überhöhung vorgesetzt.

          Hier gibt es keine Nemesis, keine Katharsis, keine Sühne, keine Strafverfolgung, nichts, was am Ende die vollkommen zerstörten Verhältnisse wieder geraderückt. Lakonisch endet das Stück, indem Lee seinem Bruder die Haare schneidet und die Dinge wieder ihren gewohnten Gang gehen, als sei nichts geschehen. Das ist gräßlich, das ist zutiefst unbefriedigend, das ist zum Verzweifeln - und genau so ist es auch gemeint.

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