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Theater : Beim Häuten der Zwiebel

Henrik Ibsens großes Drama „Peer Gynt“ hatte in der Inszenierung von Axel Richter am Staatstheater Darmstadt Premiere: ein Abend, der durch alberne Regie-Einfälle Langeweile verbreitete.

          Was soll aus dem Jungen bloß werden. Nichts als Flausen hat Peer Gynt im Kopf. „Ein Kerl“, wie Mutter Aase weiß, „der zu nichts taugt, sich nur Geschichten aus den Fingern saugt.“ Und sich das Leben so zusammenreimt, wie es ihm in seinen Träumen erscheint. Ein Phantast ist er, ein Schlawiner, mal Kaiser, König und am Ende Bettelmann, der ein Vermögen macht und es verliert, bei den Trollen haust, durch die Wüste eilt, in Kairo in der Anstalt landet und auf seinen abenteuerlichen Reisen nur vor sich selber flieht. Um am Ende, beim Häuten der Zwiebel, festzustellen, dass ihm womöglich etwas fehlt. Finden sich doch statt des Kerns nur immer neue Schichten, Schalen, Häutchen. Und sonst nichts.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was also, mag sich der Held dieses „Peer Gynt“ am Ende seines Lebens fragen, ist dessen tieferer Sinn? Und wo war mein eigentliches Ich die ganze wild bewegte Zeit? Fragen über Fragen. Axel Richter, der Henrik Ibsens großes Drama am Staatstheater Darmstadt inszeniert hat, weiß es offensichtlich auch nicht. Er macht aus dem „Faust des Nordens“, als der „Peer Gynt“ mitunter gelesen wird, ein „Kaltes Herz“ und ein modernes Märchen: von einem Knaben, Lausebengel und Münchhausen, der in kurzen Lederhosen und Pullunder kleinbürgerliche Wohlstandsträume der sechziger Jahre träumt, in Amerika rücksichtslos sein Glück macht, abstürzt und zurück nach Hause und in die Arme von Fürsorge und Pflegeheim und endlich auch der treuen Solvejg (Diana Wolf) findet. Warum nicht? So kann man es sehen. Doch wie man ein solches, auf drei Stunden komprimiertes Stück als Aufsteigergeschichte inszenieren kann, ohne dass sie das Publikum berührte, bleibt ein Rätsel

          Herumhopsende „Playboy-Bunnys“

          Denn Peer, in den drei Lebensphasen von Stefan Schuster, Matthias Kleinert und Gustl Meyer-Fürst verkörpert, geht uns kaum einmal etwas an. Dabei kommt er doch aus unserer Mitte, musste mit uns zusammen die Schulbank drücken (Bühne und Kostüme: Klaus Noack), war der Lümmel von der letzten Bank, hat sich im dunklen Anzug und mit Handy, Laptop, schickem Penthouse im kühlen Kapitalismus unserer Tage eingerichtet, vermutlich Pech gehabt oder sich verspekuliert. Und vertreibt sich, zynisch geworden, vor Langeweile mit ein paar Mädels die Zeit.

          Der Zuschauer muss Regie-Einfälle ertragen wie herumhopsende „Playboy-Bunnys“, einen Peer Gynt aus dem Osten, der es im Westen geschafft hat, und dort, wo „man nur man selbst“ ist, in der Klapse also, einen Irren, der „Deutschland am Hindukusch“ verteidigt und die „gezielte Tötung Terrorverdächtiger“ verlangt. Heilige Einfalt, fast hätten wir gelacht. Doch Richters Aktualisierung ist nicht komisch, sondern schlechtes Kabarett. Und je länger sich der Abend und die Albernheiten hinziehen, umso mehr wünschte man, „Peer Gynt“ wäre wie der Titelheld ein „leeres Blatt“ geblieben, das zu beschreiben nicht gelingt. Hier steht schlicht zu wenig drauf, was zu lesen sich lohnte. Das „Gyntsche Ich“, dieser „Ozean aus Phantasie und Anspruch“, hier ist es nur der nicht sehr tiefe Pool im Garten einer Vorstadtvilla: Nicht die Welt, der Himmel oder das eigene Ich spiegeln sich darin, sondern nur das Reihenhaus von gegenüber. Dort wie auf der Bühne herrscht leider überwiegend Langeweile.

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