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Theater : Alles Karaoke

  • -Aktualisiert am

Fernsehbilder: Das Superamas-Theater gibt sich affirmativ Bild: Künstlerhaus Mousonturm

Das ätzend Süßlichbunte der Fernsehgeschichten, total auf Effekt kalkuliert, spiegelt die Gruppe auf der Bühne wieder: Die Superamas im Frankfurter Mousonturm.

          Applaus. Am Ende reihen sich die Akteure vorn an der Bühne auf. Verbeugung. Man wundert sich, denn das ist ja so theaterkonventionell. Aber nein, da kommt noch ein Ende: ein Abspann als Film, ein Epilog auf einer Parkbank und die Namen der Mitwirkenden und Bedankten und Zitierten. Nur ist selbst ein filmkonventioneller Abschluß auch nicht wirklich überraschend, zumal hier, wo sich die gesamte Aufführung mit kino- und fernsehgewöhnlichen Spielarten beschäftigt.

          Dafür ist sie auch berühmt und wird bejubelt, die österreichisch-französische Gruppe Superamas, die im Mousonturm gastierte; und sie erfüllt so mit ihrer neuesten Produktion „BIG, 3rd episode (happy/end)“, die Ende Juni in Salzburg Premiere hatte, ebenso die Erwartungen ihres Publikums wie ein Produzent von Seifenopern.

          „James, what's wrong?“ Die Figuren sind alle nicht echt. Wenn die vier Männer auf der Bühne miteinander sprechen oder als Band mit ihren E-Gitarren musizieren, kommt die Rede aus Lautsprechern, und aus den Instrumenten hängen keine Kabel. Alles Karaoke, nur Lippen- und Körperbewegungen und alles auf englisch mit amerikanischem Tonfall. Manchmal frieren die Akteure in einer Pose ein, die Bierflaschen erhoben oder bei einer Begrüßung, und dann wird die Szene wiederholt. Diesen Irritationsmoment hat man allerdings im Theater schon so oft gesehen, daß er zur Massenware verkommen ist. Die Superamas stehen dazu und entwickeln diese Klamotte zur höchsten Perfektion.

          Zur Schau getragene Körper

          Jene Figur James bringt seine Combokameraden bei der Probe aus dem Takt, weil er sich sorgt um seine Grace, nein: um sich selbst, weil sie schwanger ist und er schon zwei Kinder mit zwei anderen Frauen hat und außerdem eine Ehefrau, die nicht Grace ist. Seinen Kumpels fallen nur blöde Sprüche ein, man hebt die Bierflaschen mit „Trumer Pils“, zum Mitlesen, und im folgenden bekommt man, diesmal rechts auf der Bühne, drei Frauen vorgeführt (auch alle unecht ohne eigene Sprache) in einer Garderobe. Im teuren Ambiente mit beleuchtetem Springbrünnlein ziehen sie sich aus und um, plaudern halbnackt über Männer, Sexübungen und darüber, wie toll es ist, Tänzerin zu sein - will heißen: an Tanzworkshops teilzunehmen. Diese Dämchen sehen so gelackt aus wie die verwechselbaren Frauen in Fernsehserien und tragen Körper zur Schau, die jener Plastikästhetik genau entsprechen. Und weil bei aller Flachheit auch ein Drämchen sein muß, spricht eine sorgenvoll über Abtreibung.

          Das ätzend Süßlichbunte der Fernsehgeschichten, total auf Effekt kalkuliert, spiegeln die Superamas auf der Bühne, alles Effekt. Sie verlassen per Filmeinspielung den ohnehin unechten Bühnenraum: ein gefühlsechter Biodanza-Workshop mit Kaminfeuer, Gruppensex, eine Doku über eine USA-Tournee der famous Superamas. Und Jacques Derrida hält, aus dem stummen Mund einer Figur und zum Mitlesen auf die Leinwand projiziert, einen Vortrag über die gar nicht erstaunliche Tatsache, daß man sich nach Präsenz sehnt und das absolut Gute, Perfekte der Tod wäre. Das alles ist weder traurig noch richtig lustig, aber perfekt gebaut. Die Superamas sind derart auf der Höhe des Kunstdiskurses unserer Zeit („post art“ nannte der niederländische Soziologe Rudi Laermans das bewundernd in einem Kommentar), daß eine kritische Haltung nicht offen zutage tritt. Sie knabbern nicht an der Fernsehästhetik, sondern schlucken sie hinunter.

          Gespür für den Zeitgeist

          So wurde die sechste Sommerakademie des Mousonturms mit der Jonglage der Genres eröffnet. Zuvor hielt der neue Frankfurter Kulturdezernent Felix Semmelroth eine kurze Rede, in der er dem Akademieprogramm und dem Mousonturm eine gute Nase für den Zeitgeist attestierte - nicht daß man Trends hinterherrenne, sondern sie wach bemerke. Kurze Schlenker auf den Körperdiskurs der letzten Jahre, das Virtuelle, Nicht-Virtuelle, mit Bezug auf die Bomben in Haifa und Beirut, so machte er den Eindruck, als könnte er locker das Programm der zwei Akademiewochen selbst bestreiten.

          Neben den abendlichen Aufführungen kann man im Mousonturm außerdem die Klanginstallation „turmlaut“ des Berliner Komponisten Georg Klein besuchen: Im Treppenhaus tönt Gesang von weit oben, wenn man höher steigt, mischt sich dazu eine mal erzählende, mal zischelnde Stimme. Daß allerdings Kafkas „Hungerkünstler“ als Text dafür herhalten muß, ist etwas dick aufgetragen. Das andere Installationsprojekt, „Tandem“ von Antje Schur und ihrer Compagnie degadezo aus Straßburg, ist auf sympathische Weise offen, einfach und doch ausgeklügelt. Sie lädt alle Neu- und Alt-Frankfurter zum Mitmachen ein, was heißt: ein Porträt von sich und irgendeiner anderen Person fotografieren zu lassen, egal wo, indem man auf einer Art Tandem sitzt. Wer mitmacht, bekommt einen Abzug geschenkt, die fertigen Doppelporträts werden im Mousonturm ausgestellt. Kurze Interviews ergänzen als Toncollage die Präsentation. Das Tandem glaubt noch an eine menschliche Wirklichkeit.

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