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„The Tempest“ in Frankfurt : Mit Siebenmeilenstiefeln an die Spitze

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Welt zwischen Traum und Realität: Szene mit Cyndia Sieden (stehend) und Michael McCown (rechts) Bild: Monika Rittershaus

An diesem Sonntag hat die Oper „The Tempest“ von Thomas Adès in Frankfurt Premiere. Sie wird zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt und ist das zweite Musikdrama des britischen Komponisten.

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          Vor mehr als zehn Jahren wurde Thomas Adès als Retter des Musiklebens in Großbritannien gefeiert: Nach Benjamin Britten endlich wieder ein Künstler, der zu größten Hoffnungen Anlass gibt und den man international konkurrenzfähig präsentieren kann. Die Parallele zu dem bedeutendsten Komponisten Englands im 20. Jahrhundert war dabei kein Zufall. Benjamin Britten hatte schon im Alter von zwölf Jahren sein Kompositionsstudium begonnen, präsentierte mit zwanzig der Öffentlichkeit sein erstes Werk, erwies sich zudem als herausragender Liedbegleiter auf dem Klavier und war darüber hinaus auch noch als Gründer von Opernkompanien erfolgreich. Mit 35 Jahren galt er bereits als der alle und alles überragende musikalische Künstler seines Landes.

          Ähnlich rasant und imposant verliefen auch die ersten Jahre in der Karriere von Thomas Adès. Geboren 1971 in London, gewann er schon im Alter von 15, respektive 18 Jahren als Student die angesehenen Klavierwettbewerbe von Guildhall und BBC. Mit 21 Jahren schloss er sein Musikstudium am King’s College von Cambridge mit Auszeichnung ab, ein Jahr später wurde er „Composer in residence“ des Hallé-Orchesters in Manchester. Außerdem setzte er seine Laufbahn als Pianist fort und begann sukzessive auch mit dem Dirigieren. Als er 26 Jahre alt war, trug man ihm – was man nicht anders als folgerichtig bezeichnen kann – die Benjamin-Britten-Professur an der Royal Academy of Music an. Nur zwei Jahre später war er endgültig in die Fußstapfen seines großen Vorbildes getreten: Adès wurde künstlerischer Leiter jenes charmanten Festivals im ostenglischen Aldeburgh, das Benjamin Britten unmittelbar nach dem Krieg gegründet hatte.

          Kompositionsaufträge im Halbjahresrhythmus

          Aus dem heutigen Musikleben Großbritanniens ist Thomas Adès, eine der ganz großen kompositorischen Begabungen seiner Generation und in seiner Vielseitigkeit mit dem deutschen Komponisten Matthias Pintscher vergleichbar, nicht mehr wegzudenken. Dabei könnte sich manch einer seiner Komponistenkollegen im Vereinigten Königreich wie ein Hase fühlen, dem der Igel Adès stets zuvor kommt. Kaum ein musikalisches Ereignis findet ohne den jungen Künstler mit dem französisch-arabischen Namen statt. Kompositionsaufträge gehen offenbar im Halbjahresrhythmus bei ihm ein, ebenso die Ämter und Auszeichnungen. Selbst etwas, was heutzutage eher Seltenheitswert im musikalischen Betrieb besitzt, der Langzeitvertrag eines Komponisten mit einer großen Schallplattenfirma, wurde vor vielen Jahren schon zwischen ihm und der EMI abgeschlossen.

          Auch in Deutschland ist Thomas Adès längst kein Unbekannter mehr, seitdem sein erstes Musiktheaterstück – die Kammeroper „Powder her Face“ von 1995 – bereits ein Jahr nach der Urauffführung beim Cheltenham Festival erfolgreich in Magdeburg und später auch an anderen Bühnen nachgespielt wurde. Hatte sich Thomas Adès damals noch mit einer frechen, freilich mit einer durch raffinierte Tonsprache voller schillernder Klangeffekte realisierten Farce auseinandergesetzt, so hat er sich für sein zweites Musikdrama „The Tempest“, das im Jahr 2004 am Royal Opera House Covent Garden in London uraufgeführt wurde, weit höhere Ziele gesetzt.

          Immerhin basiert das Libretto von Meredith Oakes auf dem gleichnamigen Schauspiel von William Shakespeare, auf jenem tiefsinnig-leichten Spiel voller Traumsequenzen um den Luftgeist Ariel und Prospero, den phantastischen Herzog von Mailand, der sich so in seine geliebte Literatur und seine Zauberei (man könnte es auch wissenschaftliche Studien nennen) eingesponnen hat, dass er sich mit seiner Tochter Miranda buchstäblich erst als Gestrandeter auf einer einsamen Insel wieder findet, nachdem sein Bruder Antonio mit einer kleinen Nachhilfe durch Alonso, den König von Neapel, ihn unrechtmäßig beerbt und in einem verrotteten Kahn auf dem tobenden Meer seinem Schicksal überlassen hatte.

          Inszenierung in den Händen von Keith Warner

          Mit Shakespeares meisterlichem Verwirrspiel hat sich Thoma Adès schon seit 1999 auseinandergesetzt. Die Arbeit an der Komposition bis zur dreiaktigen, fast drei Stunden dauernden Oper hielt dann immerhin fünf Jahre bis zur Premiere an, die ursprünglich von Simon Rattle geleitet werden sollte und schließlich in den Händen des Komponisten selbst lag. Schon beim Vorspiel der Oper, wenn Blitze durch das Orchester fahren und die Wellen des mächtigen Streicherapparates hochgehen, um den Sturm anzukündigen, der nun wiederum Prosperos Feinde auf der Insel stranden lässt und sie so seiner Rache aussetzt, kann man erahnen, worauf es Thomas Adès vor allem ankam: auf ein musikalisches Konzept von Irrealität, auf die Darstellung einer Welt zwischen Traum und Wirklichkeit. Er setzt dabei auf sein untrügliches Gespür für melodische Linien und seine Fähigkeit, trotz eines überaus dichten Orchestersatzes für „geläufige Gurgeln“ schreiben zu können.

          Jedenfalls können sich in dieser Sängeroper vor allem die Protagonisten auf der Bühne auszeichnen, allen voran Ariel, der sich vorwiegend in stratosphärischen Koloraturen ergeht und in Frankfurt wie bei der Londoner Uraufführung von Cyndia Sieden gesungen wird, dann der Mezzosopran von Miranda, der hohe Bariton von Prospero – von Adrian Eröd als Gast der Wiener Staatsoper gesungen – und die beiden Tenöre, Alonso, König von Neapel sowie Caliban, der unversehens in die Ränkespiele geratene Herrscher der Insel. Die Frankfurter Inszenierung liegt in den Händen von Keith Warner, der hier schon zwei andere Shakespeare-Vertonungen herausgebracht hat – Ernest Blochs „Macbeth“ und Aribert Reimanns „Lear“. Am Pult steht mit Johannes Debus ebenfalls ein in Frankfurt bestens bekannter Dirigent. Er war Kapellmeister an den Städtischen Bühnen und ist seit dieser Spielzeit Musikdirektor in Toronto.

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