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Sisters of Mercy in Wiesbaden : Das große Raunen

Völlig vernebelt und eher raunend als singend: The Sisters of Mercy zeigen sich in Wiesbaden außer Form. (Hier in München) Bild: Picture-Alliance

Bei ihrem Auftritt im Wiesbadener Schlachthof spielen The Sisters of Mercy zum ersten Mal sei fast dreißig Jahren neue Songs. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Band völlig außer Form ist.

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          Keine Ahnung, wer Andrew Eldritch geraten hat, noch einmal auf die Bühne zu gehen. Ein Freund kann es nicht gewesen sein, denn der 60 Jahre alte Sänger von The Sisters of Mercy kann eines nicht mehr besonders gut: singen. Nun war der Kopf und Gründer der britischen Gothic-Rock-Band nie ein Gesangswunder, aber seine tiefe Stimme wuchtete doch verlässlich eine düstere Atmosphäre in das psychedelische Kleinklein der Gruppe. Und Eldritch konnte die Songs auf eine Weise tragen, die in den Achtzigern und frühen Neunzigern nicht nur Anhänger jeglicher Düsternis faszinierte, sondern auch frühe Computer-Nerds, die sich zu den Klängen von „More“, „Vision Thing“, Temple of Love“, „This Corrosion“ und des unfassbar guten „When you don’t see me“ epische Gefechte vor dem Bildschirm lieferten.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Entsprechend setzte sich kürzlich das Publikum im Wiesbadener Schlachthof zusammen: gealterte Punks und Goths standen neben Herren im Polohemd. Und mit „standen“ ist auch gleich die ganze Dynamik dieses Abends umrissen: kaum Bewegung vor der Bühne, wenig Bewegung auf der Bühne, auf der im Nebel und im wechselnden Farbenlichtermeer außer dem zeitweise wie abwesend in sein Mikrofon raunenden Eldritch zwei Gitarristen zu erkennen waren. Sie gaben 80 Minuten lang ihr Bestes, um den Abend nicht zum Desaster werden zu lassen. Einen echten Schlagzeuger gibt es nicht: Er heißt bei den Sisters schon ewig Dr. Avalanche und ist ein Computer.

          Eldritch – Glatze,Sonnenbrille, Gleichgültigkeit – stand weite Teile des Konzerts ganz rechts oder ganz links auf der Bühne. Der einzig erwähnenswerte Versuch, Kontakt zum Publikum aufzunehmen, war kurz und klang ungefähr so: „Oaaahhh, Wiesbaden“. Immerhin boten die Sisters zwei neue Songs, die sie mit keinem Wort ankündigten: „Show me“ und „Better Reptile“. Das ist an sich schon eine kleine Sensation, denn nach drei Alben, von denen das letzte 1990 erschienen ist, tritt die Band seit knapp 30 Jahren ohne neues Material auf.

          Trotzdem sind die Konzerte nach wie vor meist ausverkauft. So auch im Schlachthof, in dem gut 2000 Besucher rasch den Grund für die zwei neuen Lieder erkannten: mehr Gesangsparts für die Gitarristen, weniger Arbeit für Eldritchs Stimme. In Erinnerung bleiben werden „Show me“ und „Better Reptile“ aber eher nicht. Hätte die Band nach einer Stunde die Bühne ohne Zugabe verlassen: Der Abend wäre eine Frechheit gewesen. Vielleicht ist das in der kurzen Pause auch Eldritch klargeworden. Denn in den letzten 20 Minuten des Konzerts war er immer noch nicht spitze und präsent, aber doch wesentlich besser bei Stimme als zuvor. Dass die letzten vier Songs „Lucretia My Reflection“, „Vision Thing“, „Tempel of Love“ und „This Corrosion“ hießen, versöhnte nicht wenig.

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