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Festival „Textland“ : Wenn nur die Umlaute nicht wären

Tritt mit Mark Twain in Konkurrenz: Autor Abbas Khider. Bild: Frank Röth

Das Frankfurter Festival „Textland“ präsentiert deutsche Literatur vor dem Hintergrund der Migration. Neben sehr gelungenen Werken gibt es auch Tiefpunkte.

          Abbas Khider ist nach Haft und Folter 1996 aus dem Irak geflohen, seit 2000 lebt er in Deutschland, aber „ö“, „ä“ und „ü“ kann er noch immer nicht aussprechen. Dabei hat er in München und Potsdam Philosophie und deutsche Literaturwissenschaft studiert, einen Phonetikkursus absolviert und schreibt Romane auf Deutsch, wenn er aber ein Manuskript vorstellen soll, braucht er zumindest augenzwinkernd Hilfestellung.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Literaturkritikerin Insa Wilke übernahm in der Evangelischen Akademie Frankfurt gern diesen inszenierten Liebesdienst, zumal der Wechselgesang den Witz dieses Textes über die Schrecken der deutschen Sprache aus arabischer Perspektive noch unterstrich. Das Buch wird erst im kommenden Frühjahr bei Hanser erscheinen, aber schon jetzt kann man dem Autor bescheinigen: Sein Text reicht an Mark Twains einschlägigen Essay heran.

          Es gab auch Tiefpunkte

          Dieser Auftritt war ein Höhepunkt bei dem zweitägigen Literaturfest „Textland – Made in Germany“, das Insa Wilke im Auftrag der Faust Kultur Stiftung als Hauptveranstalter moderierte. Es gab auch Tiefpunkte bei dieser Suche nach der deutschen Literatur vor dem Hintergrund der Migration. Einer dieser Tiefpunkte war die Kampfansage der deutschafrikanischen Frankfurter Journalistin Hadija Haruna-Oelker. „Schrieben wir ein Manifest, lautete die Präambel: Es gibt keine deutsche Literatur, keine deutsche Gesellschaft. Ohne uns.“

          Damit bezog sie sich auf ein Thesenpapier von Necati Öziri, Dramaturg am Berliner Maxim Gorki Theater, und Max Czollek, Berliner Antisemitismusforscher und Autor des Buchs „Desintegriert euch!“, die deutsche WM-Fähnchen mit Nationalsozialismus verwechselten. Die Farben Schwarz-Rot-Gold stammen aber aus dem Krieg gegen Napoleon.

          Kulturpessimistischer Mainstream

          Dass der deutsche Nationalismus im Kampf gegen den französischen Diktator entstanden ist, schien auch der sonst so gebildete Czollek nicht zu wissen. Er schrieb ihn Goethe und Schiller zu und dem deutschen Idealismus. Letzteres stimmt. Noch weniger von Geschichte wusste der Frankfurter Autor Jamal Tuschick, der Insa Wilke als Moderator ablöste, als jüngere Autoren in der „Zukunftswerkstatt Main Labor“ den Verschränkungen von Politik, Literatur und Migration nachspüren sollten.

          Für Tuschick beginnt der deutsche Nationalismus erst mit Hitler. Im Übrigen fokussierte er seinen ideologischen Tunnelblick auf Chemnitz, als wäre die sächsische Stadt ganz Deutschland. Das wurde sogar den Teilnehmern des Podiums zu viel, wo sich einzig die ZDF-Redakteurin Arta Ramadani aus dem Kosovo hervortat, als sie sagte: „Solange man unsere Werte teilt, kann man sich auch desintegrieren.“

          „Als Kollektiv denken sie nur noch Verfall“

          Die Jungen übten sich in anmaßender Provokation, die Älteren reagierten mit der Autorität ihrer Allgemeinbildung, „dinosaurierhaft“, wie Claudia Schmölders es ausdrückte. Die 74 Jahre alte Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Kulturdozentin an der Berliner Humboldt-Universität, antwortete auf ein kulturpessimistisches Thesenpapier der Frankfurter Schriftstellerin Olga Martynova, welche die visuellen Obsessionen des aktuellen Mainstreams sowie die Deutung von Poesie anhand gesellschaftlicher Faktoren beklagt hatte und das Lesen als individuelle Kulturleistung einforderte.

          Martynova fühlte sich missverstanden, als Schmölders elitäres Dichterbewusstsein verwarf: „Fragestellungen nach dem Migrationshintergrund von Autoren wehren Sie ab, denn dieser Hintergrund legt den Einzelnen auf ein Kollektiv fest, aus dem er stammt, und im kollektiven Denken sehen sie doch nur noch Verfall.“

          Wie wichtig der Migrationshintergrund ist, demonstrierte der syrische Autor Nather Henafe Alali, der 2014 aus Syrien fliehen musste, weil er zu den Studenten gehörte, die vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs friedlich für die Freiheit demonstriert hatten. Im Gespräch mit dem Übersetzer Rafael Sanchez und der Lektorin Juliane Schindler vom S. Fischer Verlag stellte Alali, assistiert von Insa Wilke, seinen gerade erschienenen Flüchtlingsroman „Raum ohne Fenster“ vor: die Flüchtlingsgeschichte dreier Freunde auf dem Weg von Damaskus nach Berlin. Der größte Teil des Romans ist einem belagerten damaszener Stadtteil gewidmet, wo die Granaten wahllos einschlagen und die Glieder zerfetzter Menschen an die Verbündeten des Regimes zur wissenschaftlichen Nutzung verkauft werden. Dieser Roman ist nicht nur nahe dran am Leiden der Flüchtlinge, sondern mitten drin.

          Was also können wir tun, fragten sich Publikum und Podiumsteilnehmer mit Blick auf die fremdenfeindlichen Tendenzen in Deutschland. „Ich habe kein Interesse daran, mich weiter gegen rechts abzuarbeiten“, sagte Max Czollek. „Wir sollten einfach nach vorn sehen und an einer offenen Gesellschaft weiterarbeiten.“

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