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Tanztheater von Jacopo Godani : Ich glaub’, mich knutscht ’ne Raupe

Es lebe die Natur: Szene aus dem Stück „Al di là“ Bild: Dominik Mentzos

Zurück in die grüne Lust: Jacopo Godani krempelt mit zwei neuen Stücken im Bockenheimer Depot den Tanzboden um.

          2 Min.

          Finstere Gestalten schleichen zu düsteren Beats heran, gehen fast im dunklen Hintergrund auf. Einzelne gleißende weiße Lichter gleiten wie Säulen aus dem Bühnenhimmel herab und hinan. Eine androgyne Gangsta-Rapper-Gang auf der Suche nach Ärger? Sieht ein bisschen so aus, mit angewinkelten Ellenbogen, Seitkicks, sehr ästhetisiert angedeutetem Gerempel im Halbdunkel. Wer männlich und wer weiblich ist, in dieser Masse, die zusammenwogt und wieder auseinander, lässt sich erst festmachen, als die dunklen Hoodies fallen. Vielleicht hätte es sich Jacopo Godani für „Unit in Reaction“ auch noch verkneifen können, seinen Tänzerinnen ärmellose Corsagen anzuziehen.

          Eva-Maria Magel
          (emm.), Rhein-Main-Zeitung

          Denn dass sie diesmal alle gleich sind, ohne den Spitzenschuh als erotische Verlängerung der technischen Tanzmöglichkeiten, das ist schon ein Statement. Wobei es darum, scheint es, nur am Rande geht: Es sind symbolische Objekte, die den jüngsten Frankfurter Tanzabend „New Creations“ der Dresden Frankfurt Dance Company maßgeblich prägen. Und Godani, der den Effekt ungeheuer liebt, lässt sich nicht lumpen: In „Unit in Reaction“ wird der Tanzboden selbst zum Sparringspartner oder Gegner der Tänzer, aus dem gruftigen Schwarz wird gleißendes Silber, wenn sie die Unterseite der schwarzen Tanzbodenbahnen nach oben schlagen, die, oh Wunder, wie Spiegel wirken. Es sind gottlob nicht nur die wabernden Streicher im elektronischen Meer, mit denen das Komponistenduo 48 Nord den Soundtrack bestückt hat, die den augenfälligen Bogen zum zweiten Teil des Abends, Schönbergs „Verklärte Nacht“, bilden. Es ist das Bühnenbild selbst. Und vielleicht auch die Idee eines kollektiven Rausches, die sich in den weiten Schwüngen der Körper manifestiert.

          Lüsterne Wesen zwischen Tier und Mensch

          Wieder reißt Godani den Bühnenboden auf, bis, am Ende von „Al di là“, dem zweiten Stück des Abends, ein riesig aufgeblasenes weißes Kissen den Bühnenraum füllt. Den raffinierten technischen Unterbau dieses Aha-Effekts, der aus dem Boden erst ein wogendes Meer, eine riskante Rutschbahn und schließlich das Kissen macht, hat Matthias Bringmann gestaltet, ansonsten ist Godani, wie stets, der Herr des Verfahrens. Dass er sich dafür wieder mit einem Klassiker der Moderne beschäftigt, macht allerdings nur bedingt Freude. Denn es ist nur ein Teil der Bewegung im Raum, die mit der sehr laut eingespielten Orchesterfassung schwingt – der Tanz entzieht sich deren Steigerungen und Pausen regelrecht. Das Gedicht Richard Dehmels, das Schönberg zugrunde liegt, hat Godani offenkundig studiert und der Bühnen-Bild-Entwurf, den er als Bewegungsraum bietet, nimmt die erotische Illusion, den Traum von der Weltflucht in die Natur beim Wort – wenn auch mit Ironie.

          Wenigstens hofft man das. Denn die orgiastische Klang-Verklärung tanzen bei ihm vor allem lüsterne Wesen zwischen Tier und Mensch, mit einem Graspanzer, der unweigerlich an Raupen denken lässt. Diese Raupen sind mal bedrohlich, mal attraktiv, einmal scheinen sie ihresgleichen sogar aufzufressen (vor Liebe?), so dass man vermeint ein Schmatzen zu hören. Manche von ihnen werden zu raffiniert beinahe entblößten Menschen, Paare finden einander, so kann man den Wunsch nach dem Einssein mit der Natur natürlich auch sehen. An Superlative wie „einzigartig“ oder „innovative Vision“ ist man in dieser vierten Spielzeit der Dresden Frankfurt Dance Company schon gewöhnt. Und optisch ist allerhand zu holen in „Al di là“. In alldem grasgrün-fleischigen Gewusel allerdings mag Godani auch diesmal wieder die Körper überstrecken und beugen, wirbeln und biegen: Der Tanz selbst hat doch überraschend wenig zu tun.

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