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Tanztheater : Standbein, Spielbein: "Queen" am Staatstheater Wiesbaden

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Wer sich noch an die heile öffentlich-rechtliche Fernsehwelt der sechziger und siebziger Jahre erinnert, hat sie garantiert noch vor Augen: die Tänzerinnen und Tänzer der Fernsehballette, die aus den großen Unterhaltungsshows der Sendeanstalten nicht wegzudenken waren.

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          Wer sich noch an die heile öffentlich-rechtliche Fernsehwelt der sechziger und siebziger Jahre erinnert, hat sie garantiert noch vor Augen: die Tänzerinnen und Tänzer der Fernsehballette, die aus den großen Unterhaltungsshows der Sendeanstalten nicht wegzudenken waren. Kein Künstler, dessen Auftritt sie nicht mit eleganten Drehungen, akrobatischen Hebungen und raumgreifenden Posen die nötige Unterstützung und den richtigen Nachdruck verliehen. Oder all die schönen Orchesterstücke, zu denen sie in glitzernden Kostümen kleine Choreographien vorführten. Ein Hauch von Broadway und großer weiter Welt wehte dann durch unsere Wohnzimmer, ein bißchen frivol war das schon, aber nicht zu sehr, um die Familienruhe draußen vor den Bildschirmen nicht zu stören. Irgendwann in den achtziger Jahren hat man sie dann aus Kostengründen einfach weggespart, ohne Rücksicht auf die tänzerische Erziehung der Zuschauer.

          Um so schöner ist es, daß sich die Stadt Wiesbaden und das Land Hessen ihrer Verantwortung für ganze dem Tanz so schnöde entwöhnte Generationen bewußt sind. Sie haben ihr eigenes Fernsehballett aufgemacht und lassen es schon seit geraumer Zeit auf der Bühne des Großen Hauses des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden auftreten. Kein Zweifel: das Umfeld, in dem sich der Choreograph Ben van Cauwenbergh mit seinem Wiesbadener Ballett bewegt, ist schon lange nicht mehr das des Tanzes - weder irgendeiner Spielart des zeitgenössischen Tanzes noch des modernen Balletts. Man muß ihn und sein Schaffen vielmehr die Tradition der großen Samstagabend-Unterhaltungsshow stellen, deren tänzerisches Destillat er mit jeder seiner Produktionen, die nicht das klassische Repertoire bedient, aufs neue darstellt.

          Seine jüngste Produktion "Queen" macht da keine Ausnahme. Rund zwei Dutzend Songs der britischen Rock-Legende um den Sänger Freddie Mercury hat van Cauwenbergh diesmal zur musikalischen Grundlage des Abends auserkoren, zu denen er sein Ensemble posieren läßt. Das zum Teil selbstironische Pathos der Queen-Songs kommt dabei der Sensibilität des Choreographen sehr entgegen, der noch jede subtile Bewegung, freilich ohne Ironie, der großen Geste opfert. Nur vor dem Hintergrund der Fernseh-Tanztradition ist der überwältigende Erfolg eines solchen Balletts beim Wiesbadener Publikum, das erwartungsgemäß auch bei "Queen" schier aus dem Häuschen geriet, zu erklären. Beim schenkelkrachenden Mitklatschen werden Erinnerungen wach an das, was man dank des Fernsehballetts über Tanz und darüber, wie er auszusehen hat, weiß.

          Der Abend beginnt naturgemäß mit großem Showgetöse. Trockeneisnebel wabert über die Bühne, während von hinten ein überdimensionierter Königsmantel mit einer Krone auf dem Kopf polternd zur Rampe rollt. Das Ensemble befreit sich aus dem Rock, die Fäuste zu "We Will Rock You" geballt, wobei der Tänzer Elvis Val mit angeklebtem Schnauzbart und gelber Jacke auf dem Orchestergraben herumspringt und Freddy Mercury imitiert. Die mißlungene Karaoke-Show wird von Marek Tuma und Daniela Severian gnädig beendet, die auf einem Motorrad zum Rockabilly-Rhythmus von "Crazy Little Thing Called Love" hereinrollen. Vier drehbare quadratische Porträttafeln mit den Gesichtern der vier Queen-Musiker dienen als Paravents für kleinere Umbauten, während sich vor dem farbig wechselnden Hintergrund die Bühne hebt und senkt. Für Bühne und Konzept des Abends zeichnet Dmitrij Simkin verantwortlich, der auch die Videoeinspielungen besorgt hat, die mit flotten Schnitten und witzigen Effekten für optisches Futter sorgen.

          Zieht man die visuellen Effekte einmal ab, bleibt an tänzerischer Substanz wenig übrig. Die Gruppenchoreographien sind von überwältigender Einfallslosigkeit: Standbein, Spielbein, ein paar Tippelschritte vor und zurück und zackig herumgerissene Schultern suggerieren Dynamik, wo Statuarik herrscht. Zu "Bicycle Race" radeln Schüler von van Cauwenberghs Ballettschule mit Fahrrädern über die Bühne. Zu "I Want to Break Free" choreographiert er mit Rosa Romero und Loris Freeman das Ende einer Ehe. Dmitrij Simkin tollt als Frau in "Lazing On a Sunday Afternoon" durch ein verstaubtes Wohnzimmer, bevor sich das Bühnenbild dreht und zur Strandszene mutiert, für die "Seaside Rendez-Vous" den passenden Soundtrack abgibt. Der überaus biegsame und flinke Gaetano Posterino legt sich zu "Killer Queen" mit Carolina Vivet an, die ihre langen Beine als Waffen einzusetzen weiß, und Kazbek Akhmedyarov springt als "Invisible Man" ganz in Schwarz gekleidet über die schwarze Bühne, bevor er erschossen wird.

          Am Ende wird es dann doch noch biografisch. Auf Freddy Mercurys Homosexualität und seinen Aids-Tod anspielend, tanzen Lars van Cauwenbergh und Ariel Rodrigues einen keimfreien Männer-Pas de deux: zwei ausdruckslose Stöckchen auf den Weg in den Himmel. Stand bei den Auftritten des Fernsehballetts ein Star in der Mitte, wird dessen Fehlen bei "Queen" in Wiesbaden um so schmerzlicher bewußt, wenn Konzertmitschnitte von Freddy Mercury und Queen auf Video eingespielt werden. Das Wiesbadener Ballett tänzelt um ihn und seine Musik lediglich herum.

          GERALD DSIEGMUND

          Nächste Vorstellungen am 6. und 10. April jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus.

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