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Tanztheater : Irgend etwas stimmt da nicht: Jennifer Lacey im Bockenheimer Depot

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Jennifer Lacey nimmt es mit Humor. Den ganzen Nachmittag hatte sie im Bockenheimer Depot an ihrem Solo geprobt, das sie als Artist in Residence am TAT dem Frankfurter Publikum vorstellen wollte. Da funktionierte die Technik noch einwandfrei.

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          Jennifer Lacey nimmt es mit Humor. Den ganzen Nachmittag hatte sie im Bockenheimer Depot an ihrem Solo geprobt, das sie als Artist in Residence am TAT dem Frankfurter Publikum vorstellen wollte. Da funktionierte die Technik noch einwandfrei. Doch abends mitten in der Vorstellung bricht der Computer zusammen. Der Film eines ihrer früheren Stücke, der den Hintergrund für ihre Aktionen bilden sollte, gerät ins Stocken und wird zur Diashow. Da hilft alles nichts: Die Vorstellung wird abgerochen und vertagt.

          Jennifer Lacey hat das gewisse Etwas. Wenn sie auf der Bühne steht, und sei es auch nur in den Bruchstücken ihres neuen Solos oder etwa in der Rekonstruktion von Waclaw Nijinskys "Nachmittag eines Fauns", den sie im Jahr 2000 mit der französischen Gruppe Le Quatuor Albrecht Knust einstudiert hat, muß man ihr einfach zuschauen. Ihr entwaffnender Charme und ihre starke Ausstrahlung ziehen sofort alle Blicke auf sich. Kaum tritt sie auf, hat man das Gefühl, jeden Moment könne sich etwas Außergewöhnliches und Unvorhergesehenes ereignen.

          Ihre Karriere hat sie als Tänzerin in New York begonnen. Sie war Mitglied in der Kompanie von Randy Warshaw, einem Tänzer, der in der Folge von Trisha Brown prägend war für die New Yorker Tanzszene der achtziger Jahre. Dann begann sie, ihre eigenen Stücke zu choreographieren. Verschiedene Projekte und Improvisationsworkshops führten sie seit den neunziger Jahren immer wieder nach Europa. Seit vier Jahren lebt Jennifer Lacey nun in Paris, weil sie für ihre ungewöhnlichen, ebenso sperrigen wie suggestiven Arbeiten einen neuen Kontext suchte.

          Wie schon für ihr Erfolgsstück "$Shot" zeichnet auch in "This is an Epic", das nun im Bockenheimer Depot gezeigt wird, Nadia Lauro für das visuelle Konzept verantwortlich. Die bildende Künstlerin hat die Bühne ganz mit gelbem Filz ausgeschlagen und die Decke mit dünnem Nylonstoff behängt, der sich sogar ein Stück weit in den Zuschauerraum hinauswagt. Eingebettet in diese Installation, bewegen sich fünf Tänzer und Tänzerinnen. Neben Lacey selbst tanzen Nuno Bizarro, Remy Heritier, Latifa Laabissi und Annabelle Pulcini, die alle an der Entwicklung der Choreographie maßgeblich beteiligt waren.

          "Wir haben bewußt versucht, die Bewegungen, die wir gefunden haben, nicht zu hierarchisieren", sagt Lacey. "Es gab kein Verbot, etwa nach dem Motto: Du darfst dich auf der Bühne aber nicht verkleiden und wie ein Elefant bewegen. Natürlich ,darf' man das, wenn man das will. Die Modalitäten der einzelnen Bewegungen sind an sich nicht bedeutungsvoll." So macht "This is an Epic" dem Zuschauer verschiedene Angebote, ohne ihn auf ein Zentrum hin einzuengen oder festzulegen.

          Die verschiedenen Systeme, die die Gruppe verwendet, folgen einem anderen Prinzip als dem der Erfindung von Bewegungen. "Nadia und ich haben zu Beginn des Entstehungsprozesses über das Phänomen der peripheren Wahrnehmung nachgedacht, über die Peripherie des Raumes, des Körpers, den Rand von Ideen, über das, was fast schon außerhalb von dir selbst liegt und einen Bereich des Übergangs markiert. Das führte uns zu der Frage, von welchem Zeitpunkt an man ein Phänomen wahrnimmt und als solches erkennt und wann es wieder verschwindet. Viele Szenen in ,This is an Epic' legen es darauf an, nicht identifiziert zu werden. Man kann die Dinge zwar sehen, aber man kann sie nicht einordnen oder festhalten. Man kann sie sehen, aber nicht konsumieren."

          Eine wichtige Inspirationsquelle für Lacey und Lauro waren in diesem Zusammenhang Horrorfilme und Psychothriller wie Stranley Kubricks "Shining". Oft sind es scheinbar unwichtige Details, die die Spannung aufbauen, weil sie das Vertraute plötzlich fremd machen und dem Zuschauer das Gefühl vermitteln, irgend etwas, das man nicht genau festmachen kann, stimme in dem Bild nicht. Als Verbeugung vor Kubricks Klassiker sind die Kostüme der Tänzer dem Film entliehen. Zur Atmosphäre des Unheimlichen, die, folgt man Sigmund Freuds Theorie, dann entsteht, wenn das Eigene in Gestalt des Fremden auf das Ich zurückkommt und dieses spaltet, trägt auch Jonathan Beplers Musik bei. Er verwendet fünf Theremine auf der Bühne, deren Klang, nur durch die Bewegung der Hände gesteuert, sich durch eine große Unschärfe auszeichnet. Gleitende, rutschende Töne erzeugen eine Dynamik des Abdriftens. ",This is an Epic'", faßt Jennifer Lacey ihr Stück zusammen, "ist eine vollkommen dezentrierte Erfahrung."

          GERALD SIEGMUND

          Am 25.Februar um 20 Uhr zeigt Jennifer Lacey noch einmal ihr als "Work in progress" erarbeitetes Solo im Bockenheimer Depot. Im Anschluß daran gibt Jonathan Bepler dort auch ein Solokonzert. "This is an Epic" ist am 26., 27. und 28. Februar ebenfalls um 20 Uhr im Depot zu sehen.

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