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„Hostis“ im Bockenheimer Depot : Tanz im Kopf

Die Zähigkeit ist gewollt: Agnès Chekroun und Jone San Martin spielen verschiedene Varianten von Identität durch in ihrem Stück „Hostis“, das die Forsythe Company nun im Bockenheimer Depot zeigt.

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          Wer als ein Fremder einzieht, kann willkommener Gast oder Feind sein – in der ursprünglichen Bedeutung des lateinischen Wortes „hostis“ sind sie alle vereint. Derart ineins fallen können Freund und Feind sogar in der eigenen Person – oder beim Blick auf einen Zwilling. Agnès Chekroun und Jone San Martin spielen verschiedene Varianten von Identität eine Stunde lang durch in ihrem Stück „Hostis“, das die Forsythe Company nun im Bockenheimer Depot zeigt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Noch bevor die Zuschauer auf die Sitztribüne gelassen werden, können sie in der einen Hälfte der Halle die riesigen Sperrholzelemente sehen, hohe Wände, mit denen die beiden Performerinnen im Lauf des Stücks unterschiedliche Räume und Situationen kreieren: Bilder von Bedrohung und Schutz, Spiele vom Verschwinden und Wiederauftauchen, Hindernisse und wechselnde Blickachsen entstehen, wenn sie die Wände im Bühnenraum bewegen.

          Mit ausgestrecktem Zeigefinger

          Zu Beginn aber spielen sich Chekroun, die von Hause aus keine Tänzerin ist, und San Martin, seit 15 Jahren in Forsythes Ensemble, auf dem riesigen schwarzen Bühnenboden liegend, schwarze Bälle zu. Das Geräusch des kullernden Balls taucht immer wieder als eine Art Begleitmusik auf, wenn nicht gerade „Mother“ von „Blonde Readhead“ ertönt, knallig, rockig, aggressiv. San Martin und Chekroun haben gemeinsam eine Bewegungssprache gefunden, die sich mit Identität auseinandersetzt.

          Wie Ballgeräusch, Musikeinspielung und zwei französische Textpassagen wiederholen sich auch diese an sich recht einfachen Sequenzen: Das Auf-den-Boden-Legen, das Spannen der Arme zum Flitzebogen, die streng geometrische Anordnung von Schritten etwa. Dass eine dieser bedeutungsgeladenen Gesten den ausgestreckten Zeigefinger nutzt, um so dem eigenen Körper quasi einen neuen Platz anzuweisen, könnte als Metapher für das ganze Stück gelten: Der Demonstrationscharakter von „Hostis“, das Bedürfnis, das im Kopf entstandene Konzept in Raum und Bewegung zu verwandeln, auf dass der Zuschauer erkenne, legt sich recht schwer auch auf an sich reizvolle, zuweilen auf spröde Weise geradezu poetische Bilder.

          Diese Zähigkeit ist gewollt, ebenso wie der langsame Abschied des Stücks, der mit einem einzigen roten Ball beginnt. Etwas mehr solcher überraschender Dynamik stünde „Hostis“ nicht schlecht.

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