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Tagung zu „politischer Romantik“ : Charismokraten und hochbegabte Katastrophen

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Märsche von Kagel, Thesen von Sloterdijk und Fragen zur Weltlage: Kongress „Politische Romantik“ in Frankfurt. Bild: Wonge Bergmann

Hoch fliegen, tief stürzen: Redner wie der Philosoph Peter Sloterdijk untersuchen die „Politische Romantik“ in einem Frankfurter Kongress.

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          Eine düstere Epoche, ein deutscher Sonderweg, Nährboden des Nationalsozialismus. „Wie Pech und Schwefel haftet der Makel einer verklärten, irregeführten Politik an der Romantik“, sagte Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes. Noch bis heute versucht der Kongress „Politische Romantik“ im Frankfurter Cantate-Saal einer grundsätzlichen Wesensverschiedenheit auf die Spur zu kommen: hier das Romantische mit seinem Hang zu Ironie und Eskapismus, dort das politische Tagesgeschäft, das konstruktive Vernunft und pragmatische Entscheidungen verlangt.

          Die Stiftung hat für ihre öffentliche Tagung internationale Redner verschiedener Disziplinen eingeladen. Die Politik vertritt unter anderen Sahra Wagenknecht (Die Linke). Realpolitiker dieser und vergangener Tage könnten der Unzufriedenheit des Romantikers mit den gesellschaftlichen Verhältnissen nichts Konstruktives abgewinnen, so Völckers in ihrer Eröffnungsrede. Zumal es zur Natur der Romantiker gehöre, bald utopisch, bald reaktionär zu sein.

          Alexanderroman - ein Motiv des Schwebens

          Das Ensemble Modern spielte darauf einen Tusch, genauer gesagt, „Zehn Märsche, um den Sieg zu verfehlen“ von Mauricio Kagel, präzise ineinandergeschobene Rhythmen, bevor Peter Sloterdijk, der Hauptredner des Eröffnungsabends, auftrat. Ist politische Romantik die von Carl Schmitt gegeißelte Realitätsflucht? Ja und nein. Sloterdijk leitet die politische Romantik aus einer Geisteshaltung her, die Europa spätestens im 12. Jahrhundert ergriffen habe. Damals habe der Alexanderroman ein „Motiv des Schwebens“ hervorgebracht, das der Philosoph „politischen Ikarismus“ nennt. In der mittelalterlichen Dichtung sei Alexander der Große zu einem „verfrühten Double des Erlösers“ verklärt worden.

          Christus und Alexander, angesichts göttlicher Väter und sterblicher Mütter beide mit dem „glanzvollen Stigma einer Herkunftsanomalie gekennzeichnet“ und im gleichen Alter gestorben, prägen für Sloterdijk das Bild eines charismatischen Führertyps geistiger und weltlicher Größe, der sich in Europa seit dem Mittelalter in zahllosen Persönlichkeiten reinkarniert habe: Papst AlexanderVI., Machiavellis „Fürst“ und Cola di Rienzo. Rienzi, Sohn eines Schankwirts, habe die romantische „Faszination für illegale Ursprünge“ auf die Spitze getrieben.

          Die Improvisateure der Macht sind gescheitert

          Mit seiner Behauptung, der Nachfolger Kaiser Heinrichs VII. zu sein, und einem brutalen Cäsarismus alter Schule sei er an die Spitze Roms gelangt. Sein „Ritt auf der Welle der Gelegenheit“ habe dem Populisten einen grandiosen Aufstieg beschert, bis er den Bogen überspannt habe und von seinem erzürnten Volk getötet worden sei. In seiner Gestalt, so Sloterdijk, habe die politische Moderne des 19. und 20.Jahrhunderts ihren Schatten vorausgeworfen.

          Wagner habe dies erkannt, als er Rienzi zum Helden seiner gleichnamigen Oper gemacht habe. Tatsächlich seien die scheiternden „Charismokraten“ zahlreich gewesen, die sich in den folgenden Jahrzehnten in die Reihe „hochbegabter Katastrophen“ eingefügt hätten: von Stalin, Mussolini und Hitler bis hin zu Mao und Gaddafi. Wie Rienzi, dessen Künstlerambitionen im brennenden Kapitol von der „rachsüchtigen Dumpfheit“ des Volkes niedergerissen und verschmort wurden, seien all diese „Improvisateure der Macht“ gescheitert. Denn so werde sie vollendet, die politische Romantik: Die selbsterklärten Genies beträten den Boden der Realität.

          Mit „Nachrichten vom Großen Krieg“ wurde am ersten Kongressabend ein neuer Film von Alexander Kluge erstmals gezeigt, in dem Kluge zwar nie zu sehen, aber ständig zu hören ist. Das Werk über den Ersten Weltkrieg ist Dokumentation und Satire zugleich. Mehr schlecht als recht vor Kluges Bildcollagen montiert, erklären die Historiker Gerd Krumeich und Christopher Clark, warum der Krieg keinesfalls wie eine Naturkatastrophe über Europa hereingebrochen sei und welche Lektion heute aus den naiven Kriegsprognosen von 1914 zu ziehen sei. Zwischendurch lässt ein stahlbehelmter Helge Schneider als Rittmeister Graf Wronski verlauten, er kehre soeben aus dem Krieg heim und finde seine ehemaligen Kameraden in der Heimat als Rebellen vor, was ihn „in gewisser Hinsicht ein wenig einsam“ mache.

          Führt politische Romantik zu Absturz und Verderben? Auf der Folie des romantischen Pathos, so zeigt es das Tagungsprogramm, lässt sich auch über aktuelle Krisen wie jene der Ukraine diskutieren.

          Der Kongress „Politische Romantik“ endet heute, Samstag, den 12. April 2014. Alexander Kluges Film wird von 10 Uhr an im Cantate-Saal wiederholt. Um 12 Uhr folgt eine Lesung mit der Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, zur selben Zeit findet eine Diskussion über „Politik als Passion“ im Arkaden-Saal des Goethe-Hauses statt. Zwei Veranstaltungen mit dem Autor und Filmemacher Tariq Ali um 14 und 16.30 Uhr im Cantate-Saal beschließen den Kongress. Der Eintritt ist kostenfrei.

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