https://www.faz.net/-gzg-9t2e3

English Theatre : Blut will fließen

Mein ist die Rache: Barbier Sweeney Todd (Stephen John Davis, Mitte) Bild: Kaufhold, Martin

Gründlich rasiert: Das English Theatre Frankfurt zeigt das Musical „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“ von Stephen Sondheim.

          3 Min.

          Rache ist Blutwurst. Oder die Füllung einer knusprigen Meat Pie, wie es das blutrünstige Musical „Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street“ nahelegt. Das vor 40 Jahren am Broadway in New York uraufgeführte und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Werk mit Musik und Liedtexten von Stephen Sondheim auf ein Buch von Hugh Wheeler ist nun in einer Inszenierung von Derek Anderson am English Theatre Frankfurt zu sehen.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Stück entführt in ein düsteres London Mitte des 19. Jahrhunderts, in das ein Mann nach 15 Jahren Strafarbeit in Australien zurückkehrt. Der Mann nennt sich Sweeney Todd, doch ist das nicht sein richtiger Name. Er heißt eigentlich Benjamin Barker (Stephen John Davis) und lebte einst als weithin geschätzter Barbier mit seiner jungen Frau Lucy und seiner kleinen Tochter Johanna an der Londoner Fleet Street. Als der skrupellose Richter Turpin (David Pendlebury) ein Auge auf die schöne Lucy warf, begann Barkers Verhängnis. Während der Barbier aufgrund falscher Anschuldigungen in die Verbannung geschickt wurde, bemächtigte sich Turpin mit Hilfe seines brutalen Dieners Beadle Bamford (Nathan Elwick) der armen Lucy und vergewaltigte sie. Sie soll sich daraufhin mit Gift das Leben genommen haben, derweil Johanna (Aliza Vakil) als Mündel unter Turpins Obhut gelangte. So wird es Barker/Todd jedenfalls von Mrs. Lovett (Samantha Ivey als Ersatz für Sarah Ingram) erzählt, die in seinem früheren Wohnhaus einen eher schlecht gehenden Laden betreibt, in dem sie Fleischpasteten von erbärmlicher Qualität („Worst Pies in London“) verkauft.

          Rachsucht auf die Londoner Gesellschaft

          Schnell durchschaut Mrs. Lovett, wer der geheimnisvolle Todd ist und händigt ihm daraufhin seine silbernen Rasiermesser aus, die sie viele Jahre in einem Versteck bewahrt hat. Tatsächlich nimmt der Barbier seine einstige Tätigkeit wieder auf, allerdings von maßloser Rachsucht auf die Londoner Gesellschaft getrieben. Er hat es nicht mehr auf die Barthaare seiner Kunden abgesehen, sondern auf ihre Kehlen. Sie werden fortan fast im Akkord geschlitzt, weshalb es sich als mehr als dienlich erweist, dass die ebenso gewitzte wie geschäftstüchtige Mrs. Lovett auf eine makabre Idee gekommen ist, was sich mit den Leibern der Toten anstellen lässt.

          Dem Absatz ihrer Meat Pies schadet die absonderliche Füllung jedenfalls überhaupt nicht, die Pasteten werden ihr aus den Händen gerissen. Zukunft hat die blutige Gemeinschaft allerdings keine. Etwas Besseres als den Tod finden zum Finale nur Johanna und der junge Seemann Anthony (Matthew Facchino), die dem Gemetzel entkommen können.

          Charismatischer Bariton

          Lehrt dieses sehr eindrucksvoll in einem gelungenen Bühnenbild von Rachel Stone in Szene gesetzte Blutbad zwar durchaus, dass Rache nicht süß ist, verzichtet Anderson in seiner Inszenierung sonst aber auf eine ausdrückliche Botschaft. Das in Großbritannien häufig gespielte, in Deutschland aber eher selten aufgeführte Stück ist schon als Anklage gegen Ungerechtigkeit oder als Allegorie auf eine entfesselte Industrialisierung gedeutet worden. Am English Theatre geht es vornehmlich um den angenehmen Grusel und den gar nicht subtilen Horror der Geschichte, die auf einem simplen Fortsetzungsroman basiert, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts in billigen Zeitungen populär waren.

          Der gruselige Effekt wird durch Sondheims Musik verstärkt, der sich nicht zuletzt von Filmkomponisten wie Bernard Herrmann („Psycho“) zu seiner „schwarzen Operette“ hat inspirieren lassen. Nahezu durchkomponiert, mit einem Leitmotiv und verhältnismäßig wenig Dialogen, ist „Sweeney Todd“ vom Gesang und damit von den Stimmen der Protagonisten bestimmt, die in Andersons Inszenierung ganz besonders zur Geltung kommen. Sondheims komplexe Komposition wird hier unter Leitung von Mal Hall auf lediglich zwei Klavieren und zwei Schlagzeugen interpretiert, was bei allem Minimalismus trotzdem sehr reizvoll klingt und vor allem dem ebenso charismatischen wie vorzüglichen Bariton Stephen John Davis in der Rolle des Todd enormen Raum gewährt. Davis ist aber nicht die einzige herausragende Stimme in einem guten Ensemble. David Pendlebury als Turpin glänzt etwa in seinem Duett mit Davis, und Samantha Ivey ist als Ersatz für die erkrankte Sarah Ingram in der Rolle der Mrs. Lovett geradezu eine Entdeckung.

          „Sweeney Todd“ ist bis 9. Februar nächsten Jahres im English Theatre Frankfurt zu sehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die draußen gegen die drinnen: Aktivisten demonstrieren am Mittwoch vor den Türen der Messehalle in Madrid.

          Klimagipfel in Madrid : Aufbruch im Mäuseschritt

          Beim Klimagipfel in Madrid trifft Protest auf Politik, ehrgeizig wollen alle sein. Doch im Inneren der Messehalle sind selbst kleine Kompromisse mühsam – vielversprechend klingt nur der „Green Deal.“
          Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt

          EZB-Präsidentin Lagarde : Zinsentscheid mit einem Lächeln

          Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, stellt sich erstmals nach einer Ratssitzung der Presse. Den Zinssatz lässt sie unverändert, doch ihr Stil unterscheidet sich deutlich von dem ihres Vorgängers Draghi.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.