https://www.faz.net/-gzg-nx54

„Stomp“ : Rhythmus mit Besenstielen und Bananenschalen

  • Aktualisiert am

Luke Cresswell, einer der beiden Erfinder von "Stomp", sagt über sein Werk, es sei eine außerordentlich beflügelnde und positive Show. "So eine Art positive Injektion von ,Los, mach' was. Raff' dich auf, ...

          2 Min.

          Luke Cresswell, einer der beiden Erfinder von "Stomp", sagt über sein Werk, es sei eine außerordentlich beflügelnde und positive Show. "So eine Art positive Injektion von ,Los, mach' was. Raff' dich auf, tue etwas selbst'." Im "Spiegel" war schon vor sechs Jahren zu lesen: "Magie und Müll - graziös wie Fred Astaire, komisch wie Buster Keaton und poetisch wie der Circus Roncalli." Es spricht also einiges dafür, sich diese Show anzusehen. Auch wenn Experten behaupten, früher sei alles authentischer gewesen, ursprünglicher und improvisierter. Aber was ist mit "früher" gemeint? Die Zeit, in der Luke Cresswell vor 20 Jahren als Straßenmusiker durch das englische Brighton zog? Oder als er mit Steve McNicholas bei den Pookiesnackenburgern spielte? Oder später, als die beiden Schrott und Alltagsmüll sammelten, um daraus Rhythmusinstrumente zu bauen? Wahrscheinlich ist das Jahr 1991 gemeint, als das Projekt "Stomp"dann tatsächlich aus der Taufe gehoben wurde.

          Bereits seit einigen Jahren gibt es mehrere "Stomp"-Companies, die in der ganzen Welt gastieren. Eine Company tritt seit 1994 am Off-Broadway Orpheum Theater in New York ständig auf. Nun also ist "Stomp" wieder einmal in Frankfurt. Bei der Premiere im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt zeigte sich das Ensemble voll eruptiver Energie, atavistischer Ausdrucksstärke, kindlichem Charme und klangvollem Humor. Streichholzschachtel, Feuerzeuge, Dosen, Tüten, Radkappen, Plastiktonnen, Blecheimer, Mülltonnen, Besenstiele, Spülbecken, Tageszeitungen und eine Bananenschale sind die Hauptinstrumente, die auch diesmal wieder bearbeitet werden. Es ist die helle Freude, die zwei Damen und sechs Herren in ihren abgerissenen Arbeitsklamotten kehren, rascheln, trommeln, plantschen und klatschen zu sehen und zu hören. Es gibt keine Melodien, keine Texte und schon gar keinen Dirigenten. Nur Geräusche, Rhythmen, Bewegung, Gestik und Mimik. Und das bedingt den Zauber dieses Abends, denn gerade die Reduktion und die Umsetzung der Kommunikation mit Müll, Schrott und Tonnen rückt die in sich stimmige Polyrhythmik und die arbeitenden Körper in das Zentrum der Wahrnehmung. Um das Bild der sozialen Harmonie ein bißchen aufzubrechen, erscheint Mozzie, der Clown der Gruppe, mit einem dreimal so großen Besen, fünfmal so großen Wischmob und einem etwas zu kurz geratenen Gummischlauch auf der Bühne.

          "Stomp" ist in seinen Ursprüngen beeinflußt durch die Kodo Trommler aus Japan und die Barundu Trommler aus Afrika - doch auf deren kostspielige Instrumente wurde verzichtet. Auf die Feststellung eines Spaniers, der Einfluß des Flamencos sei wirklich unüberhörbar, erwiderte Herr Cresswell einmal: "Well, wir mögen Flamenco durchaus auch, aber er hat uns nicht inspiriert!" Vielleicht finden sich auch Zuhörer, die behaupten, im Zentrum von "Stomp" stehe der bayerische Schuhplattler. Auf sächsisch hingegen könnte man fragen: Wer sind die Guten, wer sind die Besen? Wer was auch immer an diesem Abend gehört haben mag, das Frankfurter Publikum zeigte sich vom ersten Besenstreich bis zum grandiosen Finale durchweg begeistert.

          Ob man sich, um der Aufforderung von Herrn Cresswell Folge zu leisten, das Original Zippo-Feuerzeug mit dem Aufdruck "Stomp" im Foyer für fast 50 Euro kaufen soll, sei einmal offen gelassen. Auf jeden Fall ist davon abzuraten, nach dem Konzert mit einem Baseballschläger auf dem BMW des Nachbarn einzelne rhythmische Passagen nachzuahmen. Besser, man übt auf der alten Adler-Schreibmaschine: Tacktacktack ticktacketickting katsching - rrrrrratsch.

          ALBERT SCHMALTZ

          Bis zum 31.August gastiert "Stomp" in der Alten Oper Frankfurt; Vorstellungen täglich um 20 Uhr, samstags und sonntags gibt es zusätzliche Vorstellungen um 15 Uhr.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Moral und Demokratie : Wenn politische Lager zu Feindesland werden

          Die Krise würfelt beim Verhältnis von Wissenschaft, Moral und Demokratie einiges durcheinander. Die moralische Neucodierung politischer Konflikte macht es den Bürgern nicht leichter, sich als Retter der Demokratie ins Zeug zu legen. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.