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Steve Winwood in der Alten Oper : Wie im Wettstreit mit dem Teufel

Am Klavier der Mann mit der hellen Stimme: Steve Winwood Bild: Michael Kretzer

Allein der Tantiemen für Hits wie „Gimme some lovin'“, „I'm a man“, „Valerie“ oder „Higher love“ wegen ist Steve Winwood ein reicher Mann. Mit 62 könnte er sich in den Schaukelstuhl zurücklehnen. Dennoch steht weiter auf der Bühne und rockt zwei Stunden lang - so wie nun in Frankfurt.

          Im amerikanischen Musikmagazin „Rolling Stone“ war einmal die Einschätzung zu lesen, Steve Winwood spiele deshalb so viele Instrumente, weil er fürchte, zu virtuos auf einem zu werden. Diese These, die sich in einer fast 35 Jahre alten Textsammlung findet, zielt zwar auf das scheinbar Amateurhafte bei einigen Aufnahmen von Winwoods damaliger Band Traffic, doch es schwingt auch die bis heute nicht endgültig geklärte Frage mit, ob hier einer sein Können wirklich ausgeschöpft hat. Es gibt durchaus Stimmen, die Winwood als eines der größten musikalischen Talente des 20.  Jahrhunderts preisen, das in jedem Genre, ob nun Rock, Jazz oder Klassik, hätte Bemerkenswertes leisten können.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Eine Stufe kleiner wird der Sänger, Organist und Gitarrist immerhin noch als begabtester (Rock-)Musiker seiner Generation bezeichnet, was angesichts von Virtuosen wie Jimi Hendrix oder auch Eric Clapton ebenfalls Ausdruck höchster Wertschätzung ist. Bleibt nur die Frage, warum etliche Weggefährten Winwoods bis heute Arenen und Riesenhallen füllen, während er in Konzertsäle mittlerer Größe wie jetzt in die Alte Oper Frankfurt gebucht wird?

          Konzertsaal statt Schaukelstuhl

          Vielleicht liegt es daran, dass Winwood sich schon früh der Superstar-Maschinerie entzogen hat und lieber aufs Land zog, um Vieh zu züchten. Außerdem ist er schon allein der Tantiemen für Hits wie „Gimme some lovin'“, „I'm a man“, „Valerie“ oder „Higher love“ wegen ein reicher Mann, der sich behaglich im Schaukelstuhl zurücklehnen könnte und allenfalls noch in der Kirche seiner Heimatgemeinde regelmäßig die Orgel schlägt (was er übrigens tut) und sonst alle Jubeljahre mal die Kumpels aus alten Tagen mit einem Gastauftritt beehrt.

          Dieses vergleichsweise ruhige Leben eines Rockstar-Privatiers hat Winwood derzeit für eine kleine Tour zur Präsentation der in diesem Jahr erschienenen vorbildlichen Best-of-Sammlung „Revolutions“ aufgegeben und nach etlichen Jahren wieder einmal den Weg ins Rhein-Main-Gebiet gefunden, wo er zuletzt in Offenbach zu hören war.

          Eine kleine Auswahl des Besten aus einer nun schon unglaubliche 47 Jahre andauernden professionellen Musiklaufbahn, die das einstige Wunderkind über die Stationen Spencer Davis Group, Traffic, Blind Faith hin zu zahllosen Gastauftritten bei ebenso zahllosen Plattenaufnahmen und schließlich zur erfolgreichen Solo-Karriere führte, bildete auch im Wesentlichen das Programm bei Winwoods zweistündigem Konzert in der vollbesetzten Alten Oper. Zwischen Klassikern wie „Can't find my way home“ oder „Empty Pages“ war noch Platz für Songs von Winwoods vorigem Album „Nine Lives“, darunter auch eine siedende Version von „Dirty City“, die über zehn Minuten sowohl die Klasse wie auch das Manko des Winwoodschen Schaffens vorführte. Eine starke Komposition, für die etwa „Modfather“ Paul Weller wenigstens einen Arm geben würde, so gespielt, als wäre man im Wettstreit mit dem Teufel, dazu eine vorzügliche Band unter höchster Spannung, und schon ist der perfekte Rocksong nicht mehr nur eine Ahnung.

          Brillante Versionen gerade von Traffic-Songs

          Hält die Band aber diese Spannung nicht, können die oft auf lange Versionen mit geradezu jamartigen Instrumentalpassagen angelegten Stücke auch einmal ausfransen, was vor allem beim ersten Song des Sets, dem zwölf Minuten langen „Different Light“, auffiel. Vielleicht brauchten Winwood und seine Band um den fulminanten Holzbläser und Organisten Paul Booth auch diese Anlaufzeit, um warmgespielt zu sein für teils brillante Versionen gerade von Traffic-Songs wie „Dear Mr. Fantasy“ oder dem mit vielen Soli angereicherten „Light up or leave me alone“.

          Winwoods fauchende Hammondorgel wie auch seine gitarristischen Einlagen waren über jeden Zweifel erhaben, doch begeisterte vor allem der Gesang des mittlerweile Zweiundsechzigjährigen, dessen Stimme immer noch voller Soul ist, auch wenn die ekstatischen Schreie etwa in „Gimme some lovin'“ einem ruhigeren Ton gewichen sind. Warum das Publikum erst bei dieser Zugabe von den Sitzen aufsprang, blieb ein Rätsel.

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