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Theater : Kampf der Puschel-Schneeflocke

Stephan Thoss' Ballettsatire „Merry Christmas?“ am Staatstheater Wiesbaden hat Timing und Schwung. Die ganze Inszenierung, mit Musik aus dem „Nussknacker“, amüsiert mit Slapstick, Virtuosität, szenischen Einfällen und Spielfreude.

          Ein renitentes Gör, das seine Eltern an Heiligabend schier in den Wahnsinn treibt: In Stephan Thoss’ flirrend komischem Weihnachtsballett „Merry Christmas?“ zeigt nicht nur Clara ihr wahres Gesicht – das ganze Gegenteil jenes herzigen Kindes, das bei E.T.A. Hoffmann einen Nussknacker liebt. Da ist sie noch Marie. Seit der Kreation des Balletts „Der Nussknacker“ durch Tschaikowsky und Petipa ist Klara, wie sie dort heißt, Inbegriff kindlicher Weihnachtsfreude.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch mit dem etwas heuchlerischen Anspruch, Weihnachten müsse unter allen Umständen märchenhaft sein, räumt Thoss auf: Wenn zwei auf der Straße leben, können sie sich nur die Nasen an den erleuchteten Fenstern plattdrücken. Und auch drinnen hängt der Haussegen mitunter schief. Was nach moralischer Lehrstunde klingt, ist im Wiesbadener Staatstheater ein vielschichtiger einstündiger Ballettspaß geworden, der herzhaftes Lachen provoziert – von der ganzen Familie, auch wenn es ein paar handfest erotische Szenen darin gibt.

          Verliebte Ratten und sehr viele Weihnachtsmänner

          Die aber sind so klug choreographiert, dass nur derjenige sie verstehen kann, der in dem Alter ist, sie zu verstehen – und damit ist Thoss nicht nur deutlich näher an Hoffmann als das „Nussknacker“-Ballett, er beweist auch bravourös, wie genau er seine Mittel beherrscht. Die ganze Inszenierung, mit Musik aus dem „Nussknacker“, mit Weihnachts-Jazz und Walzer, hat Timing und Schwung, gewinnt den Figuren mit präzise gearbeiteten Details Charakteristika ab und amüsiert mit Slapstick, Virtuosität, szenischen Einfällen (Bühne: Arne Walther, Kostüme Carmen Maria Salomon) und Spielfreude.

          Thoss’ Clara (Ina Brütting) vertilgt heimlich alle Süßigkeiten – der volle Bauch beschert ihr eine Traumwelt, in der Raffael (Yuki Mori) das böse Mädchen gehörig zaust. Es tauchen, ironisch gebrochen, bekannte Motive auf: Zwei verliebte Ratten, sehr viele Weihnachtsmänner, drei fette quietschrosa Ballett-Elevinnen, eine ebenso fette oder vielmehr puschelige Schneeflocke, die mit einer allerliebsten Kinderschar von Mini-Schneeflocken gegen die tödliche Sonne im gelben Tutu ankämpft.

          Überhaupt, Kinder und Tutu: Thoss, der schon vor seinem Amtsantritt als Wiesbadener Ballettdirektor massiver Kritik als „Modernisierer“ ausgesetzt war, erlaubt sich den Scherz eines spitzenbeschuhten Dornröschens in vollem Ornat, das seinen tumben Prinzen verbannt, um ein herrisches Solo hinzulegen. Kitschferner kann man sich eine „Nussknacker“-Variation wohl nicht vorstellen – fröhliche Weihnachten, in der Tat.

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