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Stefan Hantel : Unterwegs mit dem Wanderzirkus

Brachte dem Balkan-Pop die Elektro-Beats bei: Stefan Hantel alias Shantel, hier bei einem Konzert in Wien, ist ein Weltmusiker der ganz besonderen Art Bild: REUTERS

Ob Prince zuhört oder ein kleiner Junge aus Hanau, ist völlig egal: Shantel spielt mit seinem Bucovina Club Orkestar auf der ganzen Welt – Musik made in Frankfurt.

          Erst kapieren die ganz vorne gar nicht, was er denn von ihnen will. Selten genug, dass einer, den man auf der Bühne als Star bejubelt, heutzutage noch so einfach mitten ins Publikum springt. Aber die guten alten Gesten des Rock ’n’ Roll liegen Shantel einfach, von den minutenlangen Zerrtönen auf der hochgereckten Gitarre bis zu den megalomanen Posen. Die er sofort wieder bricht, fröhlich grinsend und über die Bühne irrlichternd.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber wenn er dann über die Absperrung klettert und, ein Riese ist er nicht gerade, in der Masse fast untergeht, schauen auch erfahrene Bucovina-Partygänger etwas ratlos. Shantel legt den Finger auf den Mund, bedeutet, sich zu setzen, er selbst mittendrin, vom Lichtspot erfasst. Und dann fängt er an, leise, ins Mikro zu singen: „Bella Ciao“. Das italienische Partisanenlied aus dem Zweiten Weltkrieg. Die ersten summen mit, um Shantel gekauert, als spielten tausend Leute Häschen in der Grube. Bis zum Refrain von der Bühne das mächtig verhallte Bass- und Bläsergewitter anfängt, die Masse zu tanzen beginnt, was Shantel mittendrin auch tut – an der Hand einen kleinen Jungen, der begeistert mithüpft.

          Das Bahnhofsviertel ist immer noch sein Lieblingsviertel

          Schließlich sind wir in der „Disco Partizani“, wie das Transparent im Hintergrund des Hanauer Amphitheaters verheißt. Es stammt noch von der Erfolgssingle des vorigen Albums, Shantel und sein acht Musiker starkes Bucovina Club Orkestar sind auch über das aktuelle „Planet Paprika“ schon hinaus – Shantel laboriert an den nächsten Ideen.

          Mit Bucovina Club Orkestar und Bucovina Club hat er bis auf weiteres seine musikalischen Daseinsformen gefunden: Er habe nach etwas gesucht, „in dem ich mich als Performer glaubwürdig ausdrücken kann“. Die Zeit als DJ und Veranstalter war vorbei, die Shantel Anfang der neunziger Jahre so erfolgreich mit seinem Club Lissania im Frankfurter Bahnhofsviertel angefangen hatte – bis heute sein Lieblingsviertel der Stadt.

          „Für mich ist das ein Enthemmungsritual“

          Musikalisches Partisanentum, viel Spaß und eine Mischung aus Balkanklängen, Elektronik, Pop und allem, was zum Tanzen taugt, haben Shantel international berühmt gemacht, seit 2002 im Frankfurter Schauspiel der erste Bucovina Club stattfand. Mittlerweile komponiert er die Stücke, spielt Gitarre, singt und steht im Mittelpunkt der Show – auch wenn ihm das nicht nur positive Kritik einbrachte. Darauf dürfe man nicht hören, sagt Stefan Hantel, Jahrgang 1968 und sturmerprobt. Das Publikum hat Bucovina Club millionenfach gehört, ein bisschen stolz sei er schon auf den Erfolg. Wie in Hanau fangen beinahe überall auf der Welt mit dem ersten Takt wildfremde Leute an, geradezu heimatliche Gefühle zu entwickeln und einträchtig ausgelassen zu tanzen. „Für mich ist das ein Enthemmungsritual. Die Leute kommen gerne, weil in dieser Zeit bestimmte Parameter der Gesellschaft ausgehebelt sind“, sagt Shantel.

          Eine Art Rock-’n’-Roll-Ideal schwingt da mit. Was allerdings nicht bedeutet, dass es rüpelhaft zuginge bei den Konzerten – im Gegenteil. In Hanau hopsen unter dem Zeltdach friedliche Leute zwischen geschätzten neun und 69 Jahren herum, ein Wasserbad, das Shantel anzettelt, gehört zur Inszenierung der Party. Nur in Deutschland frage das Fachpublikum nach der „Authentizität“ dieser Musik – überall sonst gehe es nicht darum, sagt Shantel. Er nimmt es gelassen. Allenfalls macht er sich in ein paar schlichten Liedzeilen darüber lustig.

          „Ob da 20 Leute sind oder 20 000, ist schnurz“

          Eben erst war er beim serbischen Gua- Festival, dem Treffen der Balkan-Blechbläser, als erster Deutscher. Dabei ist Bucovina Club weder Folklore noch Weltmusik. Jazz ist es auch nicht – wiewohl Shantel und sein Orkestar auch beim Montreux Jazz Festival auftraten. Im Publikum: Prince und Quincy Jones. Das sei egal, sagt Shantel: „Dieser ehrfürchtige Ansatz – den hab’ ich nicht. Ob da 20 Leute sind oder 20 000, ist schnurz. Du machst dein Konzert. Das ist immer eine aufregende Angelegenheit.“

          Es macht ihm, der versonnen in seiner Teetasse rührt, offenbar wirklich noch Spaß: 250 Konzerte spielt er mit seinem Bucovina Orkestar im Jahr, einem „Wanderzirkus von 30 Leuten“, der um die Welt zieht mit „Musik, die aus Frankfurt kommt“. Shantel, Jahrgang 1968, in Frankfurt geboren und bis heute zu Hause, ist das ganz offensichtlich wichtig: „Ich liebe diese Stadt.“ Auch wenn er nicht mehr allzu viel Zeit hier verbringt, verfolgt er die Stadtpolitik – vor kurzem sorgte seine Kritik an den erstarrten Verhältnissen der hiesigen Musikszene für Aufsehen. Shantel ficht das nicht an – er kann sich sogar vorstellen, selbst einmal in die Politik zu gehen. Was er dann als Erstes machen würde? „Mit allen reden.“ Viel zu wenig Dialog gebe es in der Stadt, findet er, und zu viele Hindernisse, etwa für Konzerte im öffentlichen Raum. Als er selbst noch als Veranstalter wirkte, habe er oft die Erfahrung gemacht, dass ein erstes „Geht nicht“ sich in ein „Alles ist möglich“ verwandelte – „Man muss es nur selbst machen“. So ähnlich hat es dann ja auch mit dem Bucovina Club funktioniert.

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