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Städel zeigt „Ziegelneger“ : Malerei als Provokation

Georg Herold, „Ziegelneger“ (1981), ist im Städel in der neu gehängten Dauerausstellung mit Gegenwartskunst zu sehen. Bild: Georg Herold/Ziegelneger/VG Bild Kunst, Bonn 2020

Georg Herolds „Ziegelneger“ sorgt im Städel-Museum für Aufregung. Auf die Kritik antwortet das Städel, dass das Werk durch und durch antirassistisch sei. Doch ist dem wirklich so?

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          Moralische Fragen überlagern derzeit ästhetische. Und bevor es zu einer Auseinandersetzung kommt, werden Verdikte ausgesprochen. Was nicht mehr geht, glauben viele genau zu wissen. Und fordern Verbote, die Stigmatisierung von Dichtern und Denkern, das Ausmisten der kulturellen Tradition. Oder konkret das Abhängen bestimmter Bilder. Jüngstes Ziel: Das 1981 entstandene Gemälde „Ziegelneger“ von Georg Herold, das seit kurzem in dem der Gegenwartskunst vorbehaltenen Untergeschoss des Städel-Museums, den sogenannten Gartenhallen, ausgestellt ist.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf den ursprünglichen Instagram-Post einer darüber entsetzten Besucherin antwortete das Städel, es wolle niemandes Gefühle verletzten. Zumal das Werk ein durch und durch antirassistisches sei. Und „erschreckend aktuell“. Nun zieht das Thema seine Kreise. Darf das Städel das? Ein Bild zeigen, das einen schwarzen Mann zeigt, dem aus einer wütenden Meute ein Ziegelstein an den Kopf geworfen wird? Und eine Ampel, die auf Grün steht, wobei das grüne Licht allerdings dort leuchtet, wo für gewöhnlich das rote seinen Platz hat? Ein schwarzer Kopf oben, ein gelber in der Mitte und der eines Polizisten unten sind auf dieser Lichtsignalanlage zu erkennen. Gibt sie das Zeichen, welcher Personengruppe sich der Hass gerade zuwenden kann?

          Nun müssen wir bedauerlicherweise etwas ausholen. Georg Herold gehörte seinerzeit zu den Jungen Wilden, die um 1980 etwas wagten, was zuvor dazu geführt hätte, im Hauptstrom der Avantgarde nicht ernst genommen zu werden. Sie malten. Noch dazu mit expressionistischem Gestus. Nicht nur Joseph Beuys war entsetzt. Die nach 1968 tonangebende Weltverbesserungs-Elite sah darin einen Rückschritt. Einen Mangel an Reflexion. Eine unpolitische Feier des Künstlerdaseins. Aber der Markt war beglückt. Und alle, denen die Moderne nach 1945 immer schon zu kompliziert war. Willkommen in der Postmoderne!

          Die Maler behaupteten, es bedeute nichts

          Hakenkreuze, dreckige Unterhosen, Ziegelsteine wurden auf die Leinwand geschleudert, das war Anti-Hippie, Anti-Avantgarde, Anti-Moralismus. Die Maler arbeiteten plötzlich wieder gegenständlich und figurativ. Aber sie behaupteten, es bedeute nichts. Keine Erzählung. Keine politischen Statements. Aber auch keine Kritik. Es gehe nur um Malerei. Ohne Bezug zu irgendeiner Wirklichkeit. Das war natürlich provokativ. Wandte sich gegen Denkverbote, die Achtundsechziger und Nachachtundsechziger errichtet hatten. Gegen einen Wust von Theorien, die sich vor der Kunst aufgebaut hatten.

          Wieder einmal ging es um Befreiung. Um radikale Subjektivität. Aber auch um Wirkung. Einen Schlag ins Gesicht der Bürger, des Kunstbetriebs, aber auch eines ritualisierten Gedenkens, wenn es etwa um die Verbrechen der Nationalsozialisten ging. Hart, heftig, schrill ging es zur Sache, dazu lief Punk, es floss das Bier in Strömen, und manche, die endlich wieder sagen wollten, was sie in den Siebziger-Jahre-Wohngemeinschaften der politisch aktiven Utopisten nicht zu sagen wagten, ließen ihrem Zynismus freien Lauf. Auch Frauen herabzuwürdigen war durchaus Usus in der Szene.

          Dies alles macht es eher unwahrscheinlich, dass das Gemälde „Ziegelneger“ eine antirassistische Botschaft enthält, wie das Städel unter anderem mit seinem Text in der digitalen Sammlung des Hauses suggeriert. Eine ungeschönte Darstellung, die den rassistischen Alltag zum Thema hat: das mag man in dieser Arbeit sehen. Eine, die ihn anprangert: wohl kaum. Dafür spricht schon die ubiquitäre Verwendung des Ziegelstein-Motivs im Werk Herolds, der sich bald von den Jungen Heftigen absetzte und als Bildhauer mit allerlei Alltagsgegenständen, unter anderem Dachlatten, experimentierte. Gewiss ist auch der Titel des Bildes heute eine Zumutung. Das war er 1981 noch nicht. Aber wir haben es hier mit einem Kapitel Kunstgeschichte zu tun. Das zu ignorieren jeder und jedem freisteht.

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