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Staatstheater Wiesbaden : Oper, als wäre sonst nichts

  • -Aktualisiert am

Nahes Duo: Slávka Zámečníková und Benjamin Russell Bild: Karl und Monika Forster

Selten lustig, aber berückend schön gesungen, zeigt das Staatstheater Wiesbaden Rossinis und Mozarts Varianten des „Figaro“. Beide Premieren werden vor 200 Zuschauern und unter Einhaltung der gängigen Abstands-und Hygieneregeln gespielt.

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          In Gioacchino Rossinis 1816 uraufgeführtem „Barbier von Sevilla“ leistet Figaro, gesellschaftlich bestens vernetztes Faktotum der andalusischen Stadt, ganze Arbeit, um dem Grafen Almaviva die Hochzeit mit der jungen Rosina zu ermöglichen. Was dann geschieht, behandelte schon Wolfgang Amadeus Mozart in seiner drei Jahrzehnte älteren „Hochzeit des Figaro“.

          Aus Rosina ist die Gräfin geworden; nun möchte Figaro selbst deren Zofe Susanna heiraten, als der Graf sein feudales „Recht der ersten Nacht“ geltend macht. Die beiden Opern, denen Stücke aus der „Figaro“-Trilogie von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais zugrunde liegen, eröffneten nun die Spielzeit im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden. Intendant Uwe Eric Laufenberg hatte trotz der Corona-Restriktionen an der aufwendigen Doppel-Premiere an zwei aufeinanderfolgenden Abenden festgehalten.

          Rossinis „Il barbiere di Siviglia“ wie auch Mozarts „Le nozze di Figaro“ werden vor 200 Zuschauern und unter Einhaltung der gängigen Abstands-und Hygieneregeln gespielt, die auch für das Hessische Staatsorchester gelten. Knapp zwei Dutzend Musiker haben so im Orchestergraben Platz, wenngleich Tilo Nest seine Rossini-Regie auf offener Bühne so beginnen lässt, als ob eine konzertante Aufführung zu erwarten stünde, also mit weit auseinandergerückten Stühlen und Notenpulten.

          Heimliche Liebschaften im Orchester

          Gezielt durcheinander gehen musikalische Funktionen und Rollenzuweisungen im Spiel: Einerseits tragen die Darsteller immer wieder Instrumente bei sich, Rosina eine Geige und Figaro einen Kontrabass, andererseits gibt es heimliche Liebschaften offenbar auch im Orchester, von Dirigent Konrad Junghänel sogleich stramm sanktioniert. Das macht, auch als er und das Orchester ihren Platz im Graben gefunden haben, das Geschehen nicht eben übersichtlich, zumal sich huschende Maskenträger und stumm bleibende Instrumentalisten in die Szene verlieren.

          Dass ausgerechnet in der Regie des ausgebildeten Schauspielers Nest so wenig Spielfreude aufkommt, irritiert allerdings. Müde Musikerzoten, erzählt von einem Figaro im Hausmeisterkittel, folgen auf berechenbare Gags wie den beiden schrecklich dissonanten Eröffnungsakkorden der Ouvertüre, Resultat scherzhaft auf den Kopf gestellter Notenblätter. Das ist nicht lustig, und das zündet auch aus einem anderen Grund nicht: Der schleppende, einheitlich langsame, in der kompakten Besetzung eigentlich bläserbetonte Rossini-Klang, den Dirigent Junghänel ausbreitet, legt sich wie Blei über diese Neuproduktion, die seitens des Solisten doch eigentlich viel Potential zum Funkeln und Strahlen hat.

          Denn Ioan Hotea ist am Premierenabend ein tenoral kraftstrotzender Graf Almaviva, Christopher Bolduc ein elegant singender Figaro und Silvia Hauer eine Rosina, die treffend ihr Mezzo-Fundament mit lockeren Koloraturen verbindet. Der Einzige, der die szenische Idee vollends mit Leben füllen kann, ist der erfahrene Sängerdarsteller Thomas de Vries, der in der Rolle des Bartolo die Kontrolle über sein Mündel Rosina abgeben muss. Als hinreißend komisches Double des Komponisten Rossini gelingt es de Vries sogar, die Musik mit quirligen Koloraturen zu beschleunigen.

          Keine Verbindung zwischen den beiden Opern

          Großartige vokale Leistungen prägen auch den zweiten Teil der Doppel-Produktion. Doch eine szenische oder auch nur gedankliche Verbindung der beiden Opern unterbleibt. Eine verpasste Chance, die sich mit einer Regie aus einer Hand besser hätte nutzen lassen. So bleibt als szenische Klammer das historisierende Portal, das Bühnenbildner Gisbert Jäkel für beide Produktionen errichtet hat. Tom und Jerrys wirklich witzige Zeichentrick-Version von Rossinis Auftritts-Arie des Figaro hat Laufenberg seiner Regie der „Hochzeit des Figaro“ vorangestellt, danach geht Mozarts Oper szenisch weitgehend unauffällig über die historisch gehaltene Bühne, die mitsamt den Kostümen (von Jessica Karge) klar auf die vorrevolutionäre Entstehungszeit der Oper Bezug nimmt.

          Dass Laufenberg alle Abstandsregeln zwischen den – corona-getesteten – Darstellern aufhebt, erlaubt immerhin, die Handlung mit einer lebendigen Personenregie nachzuzeichnen, in der auf dichtem Raum geküsst und geschlagen wird, auch wenn bis zum Verzicht des Grafen auf sein Recht manche szenische Durststrecke zu überwinden ist. Der Gesang des gesamten, enorm geschlossen wirkenden Ensembles hilft dabei freilich bestens, allen voran Benjamin Russell als baritonal geschmackvoller Graf Almaviva, Slávka Zámečniková als sinnliche Gräfin, Anna El-Khashem als reflektierte Susanna sowie Konstantin Krimmel als gleichermaßen elegant wie beweglich singender Figaro.

          Nächste Vorstellungen des „Barbiers“ am 11., 13., 17. September von 19.30 Uhr an, „Figaro“ am 12., 16., 18. und 25. September von 19.30 Uhr an sowie am 20. September von 18 Uhr an.

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