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„Die Pest“ in Wiesbaden : In einer Welt ohne Boden

  • -Aktualisiert am

Bodenlos: Die Pest verwirbelt das bisherige Leben der Bewohner (alle dargestellt von Matze Vogel) der algerischen Hafenstadt Oran. Bild: Karl und Monika Forster

Das Stück der Stunde: In einer eindrucksvollen Bühneninstallation inszeniert Sebastian Sommer Albert Camus’ Roman „Die Pest“ im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden – mit einem einzigen Darsteller.

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          Welch großartiges Bühnenbild! Man tut Sebastian Sommers eindringlicher Inszenierung von Albert Camus’ Roman „Die Pest“ kein Unrecht, wenn man einen bedeutenden, wenn nicht den größten Teil ihrer Wirkung auf Fabian Wendlings Bühneninstallation zurückführt. Das gilt auch für den einzigen Darsteller Matze Vogel, dessen Stimme die verschiedenen Figuren des Romans spricht, dessen Körper aber, im Einklang mit und im Kampf gegen die Bühne, zu einer einzigen großen Metapher mutiert.

          Denn der sich ununterbrochen drehende Raum in Form eines Hauses, mit Fenstern oben und einem Waschbecken an der Seitenwand, lässt dem sich darin befindenden Körper keinen Moment der Ruhe. Schon Worte wie „unten“ und „oben“ haben ihre Bedeutung verloren in einer Welt ohne Boden, die mal Kopf steht, bestenfalls für Momente Halt bietet und wo das Wasser sich aus dem Becken ergießt, wenn der Kipppunkt überschritten ist. Vielleicht ist dieses Drehzimmer, das Wendling ganz vorne an die Bühnenrampe im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden gerückt hat, eine nicht ganz originelle, weil naheliegende Metapher.

          Aber ihre Wirkung ist immens. Dies wiederum ist dem zweiten Grundeinfall der Inszenierung und dem Spiel von Matze Vogel zu verdanken. Denn der rutscht in diesem Zimmerchen haltsuchend umher, hängt an der Decke, die eben noch der Boden war, versucht vergeblich durch die Fenster zu entkommen, taumelt, fällt, steht wieder auf und wird immer wieder vom Wasserschwall durchnässt.

          Eine tödliche Krankheit als Metapher

          Was er dabei erzählt, ist die bekannte Geschichte vom Ausbruch der Pest in der Stadt Oran an der algerischen Mittelmeerküste, die, neben Camus’ zweitem großen Roman „Der Fremde“, als Hauptwerk des Existentialismus gilt. Das schleichende Umsichgreifen der Seuche, das Leugnen, das Nicht-Wahrhaben-Wollen, das gegenseitige Misstrauen, das kollektive Sterben werden über ein Jahr lang hauptsächlich vom Chronisten Dr. Rieux geschildert, dessen Stimme auch hier in Sommers Bearbeitung den größten Raum einnimmt. Dazu kommen der Rathausbedienstete Grand, der immer wieder denselben Satz eines Romananfangs schreibt, ein Pater, ein Journalist sowie der Freund des Arztes, Tarrou. Sie alle haben unterschiedlichste Haltungen zur Pest, sehen sie mal als Strafe, mal als Bewährungsprobe. Der eine wird durch sie zum Kämpfer, der andere resigniert frühzeitig.

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          Eine tödliche Krankheit als Metapher für das absurde, sinnlose Leben der Menschen, in dem jedweder metaphysischer Trost fehlt. Aber auch, und so wurde der Roman bei seiner Veröffentlichung nach dem Zweiten Weltkrieg gern vor allem in Frankreich verstanden, als Bild für eine Gesellschaft, die schuldlos heimgesucht wird, die ein Schicksal zu erdulden hat, wie die Okkupation durch die Deutschen und die Kollaboration des Vichy-Regimes.

          Beide Sichtweisen sind nun historisch geworden, und so stellt sich die Frage, was diese Metapher mit der gegenwärtigen Pandemie-Situation zu tun hat, ob das Stück in Sommers Sichtweise auch als Kommentar zu Corona lesbar ist? Glücklicherweise nicht. Natürlich ist unübersehbar, dass diese Inszenierung vor einem Jahr anders wahrgenommen worden wäre, wenn man denn überhaupt die gut abgehangene Schullektüre „Die Pest“ auf die Bühne hätte bringen wollen. Aber Sommer verzichtet auch in den Videoeinspielungen, die wie Gedankenassoziationen blitzlichtartig auf die weiße Bühnenfläche projiziert werden,  auf simple Parallelisierungen.

          Die Welt der abgeriegelten und am Ende wieder geöffneten Stadt Oran hat wenig mit uns zu tun. Heute versteht kaum einer die Krankheit als Metapher, wird sie nicht existentialistisch überhöht. Doch wie wir als Mensch, als Einzelner in einer Gemeinschaft, damit umgehen, scheint dann doch zeitlos zu sein. Deshalb und gerade wegen des Verzichts auf oberflächliche Aktualitätshinweise ist „Die Pest“ in Sommers Inszenierung das Stück der Stunde.

          Nächste Vorstellungen im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden am 28., 29. und 30. Oktober.

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