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Staatstheater : Viel Kunst für wenig Geld

Die hessischen Staatstheater wirtschaften gut. Bild: Martin Kaufhold

Die drei Hessischen Staatstheater in Wiesbaden, Darmstadt und Kassel bekommen weniger Geld als vergleichbare Häuser in Deutschland, ziehen aber mehr Besucher an und sind überdurchschnittlich effizient.

          Die drei Hessischen Staatstheater in Wiesbaden, Darmstadt und Kassel bekommen weniger Geld als vergleichbare Häuser in Deutschland, ziehen aber mehr Besucher an und sind überdurchschnittlich effizient. Das ist das Ergebnis einer Studie, die am Dienstag von der hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva Kühne-Hörmann (CDU), in Wiesbaden vorgestellt wurde. Erstmals, so die Ministerin, sei so ein Datensatz erarbeitet worden, auf dessen Basis nun eine "verlässliche Finanzierung" der Theater ermöglicht werden solle.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Niemand denke an Einsparungen, so Kühne-Hörmann. Die Zuschussgeber und die Theater sollten nun diskutieren, wie "Planungssicherheit" erreicht werden könne. Wie eine Finanzierung aussehen könnte und ob an einen "Theaterpakt" analog zum hessischen Hochschulpakt gedacht ist, wollte die Ministerin gestern nicht ausführen. In der Studie wird unter anderem auch die Umwandlung in Stiftungen als Szenario vorgeschlagen.

          Strukturelle Veränderungen seien unvermeidlich, wenn keine höheren Betriebszuschüsse

          Laut Studie erhielten die Staatstheater im vergangenen Jahr insgesamt 81 Millionen Euro Zuschüsse, wovon das Land 52 Prozent und die sogenannten Sitzstädte 48 Prozent tragen. Von den Haushaltserhöhungen des Ministeriums, die von 2002 bis 2010 bei fast 36 Prozent lagen, haben die Theater nicht profitiert. Da 85 Prozent des Budgets der Theater aus Personalkosten bestehen, müssen sie hingegen jedes Jahr Tarifsteigerungen von einer bis anderthalb Millionen Euro verkraften. Tariferhöhungen werden durch die Beibehaltung der Etats, die sogenannte Haushaltsüberrollung, nicht aufgerechnet. Bislang wurden sie durch Nachträge oder Haushaltsänderungen genehmigt - allerdings mussten die Theater ein Drittel der Kosten selbst tragen. Der Wiesbadener Intendant Manfred Beilharz bezifferte die jüngste Beteiligung auf 400.000 Euro - die ihm fehlten, um das künstlerische Personal besser zu bezahlen.

          Zwar gibt es an den Staatstheatern der Studie zufolge noch die Möglichkeit, durch eine Erhöhung der Eintrittspreise, mehr Marketing, Sponsoren und Verbesserung des Personaleinsatzes zwischen 285.000 (Kassel) und 420.000 Euro (Darmstadt) mehr zu erwirtschaften. Auch dies aber würde nicht reichen, um von 2012 an die Tariferhöhungen selbst zu tragen. Sollten die Betriebszuschüsse auf dem gegenwärtigen Niveau festgeschrieben werden, seien strukturelle Veränderungen unvermeidlich, hieß es am Dienstag.

          Gegen den Trend in Deutschland

          In sogenannten "Szenarien", die laut Kühne-Hörmann als reine "Rechenbeispiele" gemeint sind, hat die Studie für jedes der Staatstheater "dramatische" Einschnitte durchgerechnet, die jene knapp anderthalb Millionen Euro einbringen könnten, die benötigt würden, müssten die Theater die Tariferhöhungen von 2012 an allein tragen: Alle Theater müssten ihre Tanzabteilungen komplett schließen, in Kassel schlösse auch die Spielstätte im Fridericianum, in Darmstadt träfe es die Kammerspiele. Die Einsparungen würden nur einmalig und aufgrund arbeitsrechtlicher und weiterer Vorbehalte erst in fünf bis zehn Jahren wirksam - sofort spürbar aber wären der künstlerische Verlust und der Verlust von Hunderten von Vorstellungen und so von Besuchern und Einnahmen. Kühne-Hörmann versicherte gestern, die drastischen Szenarien dienten nur zur Verdeutlichung der Lage. Die Intendanten äußerten dennoch deutliche Kritik. Der Kasseler Intendant Thomas Bockelmann sagte, seit den achtziger Jahren sei das künstlerische Ensemble halbiert worden, die Gehälter seien gering. Ein Tänzer seiner Companie verdiene etwa 2000 Euro brutto. Die Optimierungsvorschläge des Beratungsunternehmens Actori, das seit Juni die Studie erarbeitet hat, sind den Intendanten zufolge schon auf den Weg gebracht. Der Darmstädter Intendant John Dew bezweifelt allerdings, dass an Theatern derzeit viele Sponsorengelder eingeworben werden könnten.

          Die Studie, die auf den Ergebnissen der Spielzeit 2007/8 beruht, hat ergeben, dass das Staatstheater Wiesbaden bei 27,5 Millionen Euro öffentlicher Mittel 5,3 Millionen Euro eingenommen und damit 16,2 Prozent seines Etats selbst finanziert hat; Darmstadt erhielt 26,4 Millionen Euro und erwirtschaftete 3,9 Millionen, Kassel erhielt 26,6 Millionen Euro und konnte 3,1 Millionen Euro einnehmen. Gegen den Trend in Deutschland nehmen an den hessischen Theatern die Besucherzahlen kontinuierlich zu. Der Zuschuss je Besucher liegt der Studie zufolge deutlich unter jenen der vergleichbaren Häuser: In der Spielzeit 2007/8 etwa wurde für Wiesbaden jede Karte mit etwa 92 Euro bezuschusst, im Vergleichstheater Karlsruhe lag dieser Wert bei 133 Euro.

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