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„Tartuffe“ in Mainz : Kamasutra im goldenen Penthouse

  • -Aktualisiert am

Szene aus „Tartuffe“ im Staatstheater Mainz Bild: Martina Pipprich

Eine Klasse für sich: Molières Verführer aus der Gosse bringt am Staatstheater Mainz in „Tartuffe“ die Bürger zum Tanzen.

          2 Min.

          Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Bisweilen erfüllt auch Pappmaché mit Goldlack denselben Zweck. Wenn dann, wie nun im Kleinen Haus des Mainzer Staatstheaters, sämtliche Scheinwerfer die Bühne beleuchten, wird man vom Glanz des Goldes schier geblendet. Was man erst auf den zweiten Blick sieht: Rechts und links des protzigen Glitzerkastens liegt Müll verstreut, Schrott deutet auf eine heruntergekommene Gegend hin. Der Reichtum steht auf hohlem Grund. Obwohl Alexander Wolfs Augenschmausbühne wie eine überdimensionale Metapher daherkommt, belässt es Christoph Fricks Inszenierung bei ein paar Andeutungen und verwandelt Molières „Tartuffe“ keineswegs in ein Klassenkampfdrama. Immerhin lässt er den Titelhelden (Murat Yeginer) zu Beginn als verdreckten Obdachlosen aus der Kulisse schleichen und das Penthouse wie ein Einbrecher betreten. Dieser Verführer und Hochstapler kommt aus der Gosse und wird von der in dieser Hinsicht ungemein solidarischen Oberschicht auch wieder dorthin zurückgejagt.

          Dabei wird das von einem Himmelbett dominierte Haus von Neureichen bewohnt, die bestenfalls kurz zuvor zu Geld gekommen sind. Der Bürger Orgon (Johannes Schmidt) trägt anfangs genau wie Tartuffe warme Unterwäsche mit sichtbar langer Tragedauer, sein Sohn Damis (Daniel Friedl) kommt im Trainingsanzug aus der Muckibude, seine Tochter Mariane (Antonia Labs) trägt schwarze Hotpants vom Wühltisch, und seine Frau Elmire (Anika Baumann) zeigt mehr Haut und Netzstrumpf als nötig. Der dicke Schwager Cléante (Klaus Köhler) und die rotzfreche Zofe Dorine (Andrea Quirbach) komplettieren die Emporkömmlingssippe, die sich einen Eindringling wie Tartuffe redlich verdient hat.

          Schuldgefühl und der tiefe Sehnsucht

          Dass er mit seinen hohlen und bigotten Phrasen Erfolg bei Orgon und dessen Mama (Monika Dortschy) hat, gehörte schon immer zu den nicht eben leicht zu schluckenden Unglaubwürdigkeiten des Dramas von 1664, denn Tartuffes Verlogenheit ist so platt offensichtlich, dass man Orgons Verblendung kaum aushält. Möglicherweise beruht sie auf einem Schuldgefühl und der tiefen Sehnsucht, das unrechtmäßig erworbene Gut nun wieder in die Hände eines Bedürftigen zu geben und damit Buße zu tun. Christoph Fricks Inszenierung legt zumindest eine Spur in diese Richtung.

          Jenseits aller tieferen Bedeutung veranstaltet der Regisseur mit seinem Personal vor allem ein geradezu akrobatisches Körpertheater. Da verknoten sich Arme und Beine, und Figuren stolzieren über die Bühne, als handele es sich um Beamte aus Monty Pythons legendärem Ministerium für seltsame Gangarten. Als Tartuffe kurz vor seiner Enttarnung mit der ihn verdächtig professionell umgarnenden Elmire in den Nahkampf geht, betatscht und knutscht er dabei auch Körperteile von Orgon, der mit seiner Frau zu einem veritablen Kamasutraknoten verbunden ist. Den Höhepunkt der Zirkusspäße liefert Nicolas Fethi Türksever als dauerstolpernder Tolpatsch Valère. Er ist mit Sicherheit der Blaue-Flecken-König dieser Inszenierung.

          Bedeuten muss solche Tollerei nichts. Doch macht es Spaß, der andauernd in ekstatischer Bewegung gehaltenen und zudem passend clownesk geschminkten Truppe bei ihrem Treppauf-Treppab zuzusehen. Es verdient Hochachtung, dass dieses Tempo über neunzig Minuten lang durchgehalten wird. Am Ende hätte es einen nicht verwundert, wenn die durchgeknallte Bagage aus dem Prunk-Penthouse vertrieben worden wäre. Aber natürlich wirft sich auch in Mainz der Büttel des Königs als Deus ex machina für die Standesgenossen in die Bresche und stellt die fragile Gerechtigkeit der Besitzbürger wieder her. Das letzte Bild zeigt den am Boden zerstörten Tartuffe, verblüffenderweise hat man nun fast Mitleid mit ihm.

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