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Staatstheater Mainz : Ode an ein kurzatmiges Europa

„Beethoven – Ein Geisterspiel“: Eine biografische Collage mit Musik von Ludwig van Beethoven Bild: De-Da Productions

Zwischen „Big Brother für Klassik-Fans“ und Biopic für Coronauten: Jan-Christoph Gockel hat am Staatstheater Mainz aus „Beethoven“ ein wildes, sehenswertes Fernsehspiel gemacht.

          3 Min.

          Europa liegt am Boden. Schwer atmend, was an Corona liegen könnte. Oder an ihrer Korpulenz. Die Dame passt kaum noch rein ins europablaue Sternenkostüm. Beethoven reicht ihr hilfsbereit Sauerstoff. Doch für die darbende Kunst wiederum hat Europa, kaum zu Atem gekommen, nichts in ihrer goldenen Handtasche: Sorry, kein Kleingeld dabei! Die Künstler wiederum tun, was sie tun müssen: Sie machen Kunst. „Ich hoffe mal, irgendwann kommt mal jemand und schaut sich das an. Lohnt sich. Oder?“, sagt Beethovens Statue, zunehmend verunsichert.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es lohnt sich wirklich, das anzusehen. Auch wenn tatsächlich kein Publikum im Saal ist. Im Großen Haus des Staatstheaters Mainz kleben die vergrößerten Porträts von potentiellen Zuschauern auf den Sitzen, wie die „Pappkameraden“ bei den Geisterspielen der Fußball-Bundesliga. Eins davon, gleich neben dem Sitz der kurzatmigen Europa, ziert das Bild des Regisseurs Jan-Christoph Gockel.

          Der hat das schließlich alles angerichtet: das Geisterspiel um Beethoven, einen frühen Nerd, der alles Technische liebt, der unter der Isolation leidet, die durch seine Taubheit entsteht. Und der schließlich genervt eine kurze E-Mail an die Europäische Union schickt: „Liebe EU, hiermit entziehe ich Ihnen die Rechte an der ,Ode an die Freude‘.“ Aus dem Theater ist ein noch müde vor sich hinblinkendes Beethoven-Varieté geworden, dort sind Beethoven-Jubiläum, die Isolation des Komponisten und die Corona-Isolation, die Theater ohne Publikum, Schauspieler in der Krise und ein Europa, das die Grenzen dichtmacht, zusammengeflochten, wild wie die Künstlermähne Beethovens.

          Vor allem weniger Bekanntes von Beethoven

          Dass diese wilde, assoziationsfreudige, oft sehr witzige Mischung dennoch prima zusammenhält, hat auch mit der wundervollen Musik zu tun, die „Für Elise“ von der „automatischen Pianistin“ (Fiona Macleod) auseinandernehmen lässt und die „Europahymne“ als Feigenblatt entlarvt. Vor allem aber ist weniger Bekanntes von Beethoven zu hören, ein Intermezzo auf Wassergläsern etwa oder das Lied „Urians Reise“. Aus einem coronabedingten Handicap ist nicht nur da ein starkes Bild geworden: Generalmusikdirektor Hermann Bäumer hat mit jedem Musiker einzeln dessen Stimme eingespielt. Man sieht Bäumer, allein im Orchestergraben, die Bildschirme mit den Musiker-Videos dirigieren, und die Leidenschaft, die er dabei an den Tag legt, hat etwas buchstäblich Ergreifendes.

          Gockel, der fünf Jahre lang Hausregisseur am Staatstheater Mainz war, sollte mit „Beethoven“, einem spartenübergreifenden Abend zu Beethovens 250. Geburtstag, seinen Abschied von Mainz geben. Im Herbst beginnt er, mit Falk Richter, Barbara Mundel und natürlich seinem langjährigen künstlerischen Komplizen, dem Schauspieler und Puppenbauer Michael Pietsch, an den Münchner Kammerspielen. „Beethoven“ wäre wohl ein überbordendes Riesending geworden, mit Chor und Orchester, Schauspielern, Drehbühne, Film, Maschinen und Puppen – aber dann kam Corona. Und nun ist „Beethoven – Ein Geisterspiel“ zwar immer noch ein überbordendes Ding, aber als Theater-Fernsehspiel, dank der Mainzer Nachbarn ZDF und 3sat, die es ins Programm genommen haben.

          Auswege aus der coronabedingten Produktionskrise haben viele Bühnen gesucht, das „Geisterspiel“ ist kein abgefilmtes Theater, sondern ein Film, der Theater macht. Gockel denkt das Making-of mit, die Darsteller treten aus den Rollen, man sieht unterschiedliche Theaterräume, Technik: Szenen, wie eine Liebeserklärung ans Theater. Das mittlerweile gängige Bühnenmedium Live-Kamera bekommt so eine zusätzliche Ebene. Sie hebt das zentrale Thema der Isolation hervor und macht zugleich bewusst, dass dieses Spiel Theater ist. Ein „Geisterspiel“, weil es um Geist und Geister geht. Niemand habe Beethoven gefragt, ob er Statue werden wolle, sagt der Bariton Michael Dahmen, der mit Taubenkot auf der Stirn und angemessen verwittert die singende Beethoven-Statue gibt.

          Egal, hier schwärmt und liebt sie

          Vincent Doddema spielt Beethoven, abgeschnitten von der Welt, der seine Depressionen mit reichlich Rotwein begießt und am Ende mit dem „Heiligenstädter Testament“ zu monologischer Höhe aufläuft. Im Zimmer nebenan, die Drehbühne wird bisweilen effektvoll von oben gezeigt, wohnt Anika Baumann als Bettina Brentano, eine Influencerin, die ihren Briefwechsel mit Promis mittlerweile ausschließlich in den sozialen Medien preisgibt. Dass sie nicht Beethovens „unsterbliche Geliebte“ gewesen ist – egal, hier schwärmt und liebt sie, nicht ohne Eigennutz, und kommt nicht durch die Wand, die sie von ihrem Idol trennt.

          Der Strippenzieher in diesem „Big Brother für Klassik-Fans“, wie es einmal selbstironisch heißt, ist Anton Schindler, Beethovens Adlatus und Biograph, der so freizügig mit der Wahrheit umgegangen war. Rüdiger Hauffe als Schindler dirigiert die Schauspieler und das ganze Spiel, was auch Räume in die politische Gegenwart öffnet. Johann Nepomuk Mälzel, Beethovens Hörrohr-Bauer, Erfinder des Metronoms und vieler mechanischer Spiele, wiederum geht auf in Michael Pietsch, der nicht nur den von ihm geführten Puppen-Beethoven mit seinen melancholischen Augen und einen Apparat namens „Beet-o-magic“ erfunden hat.

          In einigen Szenen sieht man Pietsch in seiner Mainzer Werkstatt unterschiedliche Beethoven-Puppen bauen. Sie sind an Künstler in aller Welt verschickt worden. Wie sie in Ciudad Victoria, Mexiko, in Goma, Kongo, in New York, London, Tokio und in Brüssel vor dem Europäischen Parlament ausgepackt und spazieren geführt werden, verlorengehen und ein Kind erfreuen, macht am Ende dieses 80 Minuten dichten Rundumschlags aus „Alle Menschen werden Brüder“ einen Appell.

          „BEETHOVEN – EIN GEISTERSPIEL“

          Anzusehen bis 12. September in der Online-Mediathek von 3sat.

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