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Staatstheater Mainz : Ein knallbuntes Fest für das Ensemble

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Turbulent, gewitzt und durchaus mit Platz für Anspielungen: Prokofjew rockt das Mainzer Staatstheater. Bild: Andreas Etter

Musikalisch kraftvoll und voller Ideen zündet Prokofjews Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ in Mainz. Die Musik spielt daran vorbei – vielleicht sogar mit Absicht?

          So kräftig absurd, wie Sergej Prokofjews Oper „Die Liebe zu den drei Orangen“ im Staatstheater Mainz über die Bühne geht, passt sogar der lokale Zungenschlag dazu, mit dem die Köchin der Zauberin Creonta herzhaft drauflosbabbelt. Dass sie, die ihre verblühte Erotik unter Lockenwicklern zur Schau trägt, die Herzen des Mainzer Publikums im Sturm erobert, liegt natürlich auch am büttenreifen Auftritt von Rainer Zaun als Mannweib. Er prägt eine Schlüsselszene dieser 1921 in Chicago uraufgeführten Oper: Der Prinz raubt der Köchin jene drei Orangen, denen drei Prinzessinnen entsteigen werden, zuletzt Ninetta, die er nach weiteren Verwicklungen heiratet.

          In einer unsteten Lebenslage, die den jungen Prokofjew unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg aus dem nachrevolutionären St. Petersburg über Japan in die Vereinigten Staaten führte, hatte er schon die ersten Skizzen einer Oper nach Carlo Gozzis Märchenspiel „Die Liebe zu den drei Orangen“ im Gepäck. Gozzis Festhalten an der tradierten Typenkomödie, aber auch die in sein Drama eingewebten Diskussionen über die Theaterkunst hallen in der Oper deutlich nach. Schon in deren Prolog ringen die Anhänger von Komödie, Tragödie, Romanze und Posse darum, was eigentlich zu sehen sein wird.

          In seiner Mainzer Neuinszenierung hebt der andorranische Regisseur Joan Anton Rechi alle erdenklichen Grenzen auf: Traurige und fröhliche Clowns gehen schon vor der Aufführung auf Tuchfühlung mit dem Parkettpublikum, die Einheitsbühne von Moritz Junge selbst gibt auf wechselnden Ebenen der ganzen Welt Raum, ist Klinik und Schloss, Fantasieland und birgt ihrerseits ein kesselhaftes Amphitheater. Fokus und Ideen wechseln so schnell und häufig, dass sich sogar das Banale nicht selbst verzehrt, und der unstete Charakter der eigentlichen Handlung wird perfekt getroffen.

          Prächtig aufgestellte Mainzer Opernsparte

          Im Mittelpunkt steht die Entwicklung des Prinzen, der sich mit diagnostizierter „hypochondriotischer Verschleimung“ ganz offensichtlich gegen den Verlust der Kindheit stemmt. Sodann, als er auf Kosten der königsfeindlichen Fata Morgana endlich das lang vermisste Lachen gefunden hat und von dieser verflucht worden ist, tritt er mit der Harlekin-Figur des Truffaldino die Suche nach den drei Orangen an. In den Kapriolen, die Prokofjews absurde, antiromantische, turbulente und selten klar narrative Oper schlägt, folgt die Regie ihr immens farbig, ideenreich und so, dass es immer etwas zu sehen und zu bestaunen gibt, Herbes und Derbes, Knallbuntes und Märchenhaftes, Pubertäres und Ewigkindliches.

          Die Musik erzählt mit ihren vielen rhythmischen Härten und Dissonanzen häufig haarscharf daran vorbei. Aber das ist nicht falsch, womöglich sogar vom Komponisten intendiert; das Philharmonische Staatsorchester Mainz jedenfalls trifft diesen Ton bis hin zum gleißenden As-Dur-Marsch, dem Ohrwurm der Oper, unter der Leitung von Hermann Bäumer vorzüglich, auch wenn es manchmal eine Spur zu phonstark zugeht. Vokal sind eher Typenzeichnungen als kantable Spitzenleistungen gefragt. Nicht zuletzt deshalb gilt „Die Liebe zu den drei Orangen“ als typisches Ensemblestück, an dem sich wiederum ablesen lässt, wie prächtig die Mainzer Opernsparte derzeit aufgestellt ist.

          Immerhin dürfen in wenigen ruhigen Momenten der Prinz des französischen Tenors Philippe Do und der spieltenoral heitere Truffaldino von Johannes Mayer um die Wette strahlen, während Hans-Otto Weiß als König und Brett Carter als sein Premierminister Leander die Macht im Märchenreich mit beweglicher Tiefe vertreten. Ob Peter Felix Bauer als Zauberer Celio, Linda Sommerhage als dämonische Fata Morgana oder Alexandra Samouilidou als schließlich befreite Prinzessin Ninetta: Sie alle sind trefflich und treffend besetzt in diesem deutsch gesungenen, von Chor und Extrachor (Einstudierung: Sebastian Hernandez-Laverny) höchst agil grundierten und von einer wahrscheinlich heißgelaufenen Kostümabteilung immens detailfreudig ausgestatteten Opernabend. Vom Premierenpublikum wurde er begeistert aufgenommen. Zu sehen ist er nur bis Spielzeitende.

          „Die Liebe zu den drei Orangen“

          Weitere Vorstellungen am 27. Mai von 14 Uhr an, am 4., 14., 26. und 29. Mai von 19.30 Uhr an sowie am 9. und 20. Juni von 18 Uhr an.

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