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Staatstheater Mainz : Die Herrscherin der Spiegelwelt

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Überraschender Zugriff auf Abgründe: Annette Seiltgen als Salome in Richard Strauss’ gleichnamiger Oper. Bild: Martina Pipprich

Verstehe einer die Salome: In Matthias Fontheims fulminanter Inszenierung gelingt das nun am Staatstheater Mainz.

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          Salome in der gleichnamigen Dichtung von Oscar Wilde ist auf verstörende Weise Produkt ihrer Umwelt und somit Objekt wie gleichzeitig radikal handelndes Subjekt. Das Kalkül, mit dem sie Gefühle und vorgefundene Machtstrukturen zur Durchsetzung ihres Interesses nutzt, ist klar und kalt; die zugrunde liegenden Motive hingegen glimmen unergründlich-geheimnisvoll in hitziger Tiefe. Selten gelingt es, diese Widersprüche gestaltend auszuhalten, die notorische Femme-fatale-Falle zu umgehen. Am Staatstheater Mainz ist dies Hausherr Matthias Fontheim jetzt mit der Inszenierung der Oper „Salome“ von Richard Strauss in frappierender Weise gelungen.

          Michael Rütz hat ihm dafür einen rundum verspiegelten Raum gebaut, ohne Aussicht auf den Palast oder Rückzugsmöglichkeit in die bergende Dunkelheit der Zisterne: Diese findet sich ersetzt durch einen bei Bedarf in das seelische Versuchslabor herabgelassenen Gitterkäfig. In dieser hermetischen Welt gelingt der Mezzosopranistin Annette Seiltgen eine überragende Neuschöpfung der Titelfigur. Frei von innerer Beteiligung löst sie bei den Mitmenschen nach Belieben Empfindungen aus, welche sie ihren eigenen Interessen dienstbar macht. Begleitumstände wie den Suizid ihres Verehrers Narraboth (Sergio Blazquez) nimmt sie nicht zur Kenntnis. Aus purer Lust an der virtuos gehandhabten Begabung treibt die Kindfrau gar die sinnlose Eifersucht ihrer Mutter Herodias hoch in Sphären grenzenlosen Hasses.

          Bestens präpariert und motiviert

          Den Gipfel erreicht diese Entwicklung beim Schleiertanz, bei dem in Mainz anstelle der dann abwesenden Salome vierzehn Kopien auf der Bühne erscheinen, jedem der Anwesenden eine individuelle Projektion seiner Phantasien schenkend. Die dabei mitbedachten Nebenrollen sind auch insgesamt aufgewertet worden: Immer wieder gesteht ihnen die Regie diskret persönliche Reaktionen zu, bildet ein wirksames Gegengewicht zur dominierenden Titelfigur. Diese scheitert als Herrscherin ihrer narzisstischen Spiegelwelt schließlich an dem Wunsch, im Kern der eigenen Persönlichkeit direkt angesehen, erkannt und geliebt zu werden. Den eigens hierfür herbeigeschafften Propheten Jochanaan spielt Oliver Zwarg konventionskonform als bärtigen, religiös vernagelten Fanatiker. Das im erbitterten Dauerstreit ineinander verhakte Herrscherpaar erfährt mehr phantasievolle Regiezuwendung. Katherine Marriott als aufgedonnerte Herodias und Alexander Spemann als aus dem Leim gehender Herodes sorgen für manch heitere Augenblicke im blutigen Drama, lenken damit auch ab vom immer etwas peinlichen, antisemitisch angehauchten Judenquintett.

          Das Philharmonische Staatsorchester zeigt sich von seiner Generalmusikdirektorin Catherine Rückwardt bestens präpariert und motiviert. Die gelegentliche bruitistische Pointierung der expressionistischen Gehalte wäre freilich entbehrlich. Annette Seiltgen gelingt es auch bei dynamischen Spitzen, mit ihrem leuchtkräftigen Sopran vernehmbar zu bleiben. Ihre besondere Leistung liegt freilich darin, die widersprüchlichen Aspekte der Titelfigur mit artistischer Beweglichkeit und mimischer Eloquenz zur Entfaltung zu bringen. Die grenzenlose Energie, mit welcher ihre Salome sich in einer verweichlichten Umwelt für die Verwirklichung ihres Wunsches einsetzt, lässt nichts anderes als Bewunderung zu; ihre Rücksichtslosigkeit verdient Verachtung, ihre furchtbare Desillusionierung nach der Erlangung des Kopf-Fetischs Mitleid: Am Ende steht die Regression in den Prophetenkäfig. Getötet wird diesmal der Tetrarch Herodes durch die Hand der eigenen Wache.

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