https://www.faz.net/-gzg-9zjel

Staatstheater Darmstadt : „Wir schauen, was gerade geht“

Auf den Stufen: Karsten Wiegand im Treppenhaus des Staatstheaters. Bild: Wonge Bergmann

Das Theaterjahr neu denken: Karsten Wiegand, Intendant des Staatstheaters in Darmstadt, über gestaffelte Konzerte und das Machbare in Ausnahmezeiten.

          5 Min.

          Wann gibt es in Darmstadt Theater?

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wir öffnen an Pfingsten. Es wird wahrscheinlich von allen Sparten etwas geben, vier Tage lang. In unseren Häusern haben 80 bis 145 Zuschauerinnen und Zuschauer Platz. Wir machen danach das Sinfoniekonzert in kleineren Formationen und dafür öfter. Dann können wir das mindestens sechsmal spielen, fast 900 Personen haben dann ein gemeinschaftliches Musikerlebnis. Die Vorschriften sind natürlich sehr einschränkend, aber machbar.

          Wie geht es dann weiter?

          Wir haben Produktionen im Spielplan gehabt wie „Seymour“ von Anne Lepper, wovon wir jetzt in der Regie von Matthias Rippert erst einmal eine Filmfassung produzieren und danach wahrscheinlich eine analoge Fassung. Dann gibt es die Produktion „Dichterliebe“, eine Übermalung von Christian Jost nach Robert Schumanns Liederzyklus. Mit acht Sängerinnen und Sängern und neun Musikerinnen und Musikern machen Franziska Angerer und ihr Team eine filmische Umsetzung über Isolation, Sehnsüchte und Reisen im Kopf. „Dichterliebe“ war für die nächste Spielzeit gedacht. Wir schauen, was gerade geht. Es gibt Produktionen, die wir anpassen. Außerdem überlegen wir, was wir im Musiktheater zum Beispiel halbszenisch machen. Da könnten wir Werke spielen, die wir sonst vielleicht nicht kennenlernen würden.

          Das klingt alles sehr optimistisch.

          Wir sagen doch immer, das Theater handelt von Spontanität und Phantasie. Da können wir doch jetzt nicht sagen, wir hatten schon einen Spielplan und kriegen den Tanker nicht gewendet!

          Wie geht Theater ohne Normalität?

          Als von Mitte März an viele im Homeoffice waren, haben wir gemerkt, dass es bei uns, wie wohl überall in Betrieben, viele Dinge gibt, für die im normalen Arbeitsalltag nie Zeit ist. Wir haben mit einem Qualitätsmanagement angefangen, das einige Kulturbetriebe schon haben. Da werden in jeder Abteilung Kernprozesse verschriftlicht, man schaut, ob etwas immer wieder schiefläuft oder wo man Prozesse und Schnittstellen optimieren kann. Die Informationen aller Abteilungen sind nun da, um sie zusammenzuführen. Außerdem laufen derzeit Renovierungen. Und wir haben jetzt eine Arbeitsgruppe, die über modulare Bühnenbildteile und nachhaltiges Produzieren nachdenkt. Wir sprechen auch im Theater von Nachhaltigkeit und Klimawandel. Und sehen alle paar Wochen unglaubliche Mengen von Material unserer Bühnenbilder, die im Container landen, wenn Produktionen abgespielt sind. Das wollen wir ändern.

          Also Krise als Chance?

          Ja, absolut. Wir waren uns einig, dass wir unsere Energie nicht darauf richten, wie schlimm die Lage ist und was wir alles nicht dürfen, sondern darauf, zu sehen, dass wir sonst immer zu viel produzieren und machen. Und jetzt einmal innehalten und nachdenken dürfen.

          Sagt der Intendant dann an, dass jetzt alle nachdenken und innehalten sollen?

          Wir hatten Zoom-Konferenzen mit 70 Leuten, die jeweils für ihre Abteilungen, Ensembles und Gremien sprachen, mit denen sie wiederum Rücksprache gehalten haben. Wir haben in zwei Tagen und drei langen Konferenzen darum gerungen, wie wir solidarisch sein können. Wie wir zum Beispiel damit umgehen, dass in unserem Reinigungsteam viele Menschen einer Gruppe mit erhöhtem Risiko bei einer Corona-Erkrankung angehören und dass es unverantwortlich wäre, sie ausgerechnet jetzt, bei großem Reinigungsbedarf, einem besonders hohen Risiko auszusetzen.

          War das nicht sehr fordernd?

          Alle waren hinterher erschöpft, aber es war eine gute Erfahrung. Ein utopischer Moment: Dass 70 Leute im freien Raum besprechen, was gemacht werden soll. Und zum Beispiel plötzlich das Musiktheaterensemble sagt: Die Sängerinnen und Sänger sind bereit, das Haus zu putzen, weil sie gerade nicht auftreten können.

          Das haben die Künstler gemacht?

          Ja. Es gab diesen Punkt, an dem jemand sagte, solidarisch sein bedeute, auch Nachteile in Kauf zu nehmen. Es gab Abteilungen wie die Verwaltung, die sehr viel arbeiten mussten im Krisenmanagement, während andere im Homeoffice weniger Stress hatten, dafür aber viele Fragen. Das erzeugte Spannungen. Der ganze Betrieb ist dann knapp zwei Wochen in vorgezogene Theaterferien gegangen. Das war auch eine gemeinsame Entscheidung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Konferenzen. Dadurch haben wir viele Arbeitstage gewonnen, die wir nutzen werden, wenn wir wieder mehr Theater spielen können.

          Was nehmen Sie daraus mit?

          Weitere Themen

          Der neue alte Goetheturm Video-Seite öffnen

          Er steht wieder : Der neue alte Goetheturm

          Nach einem Brandanschlag im Jahr 2017 wurde der Goetheturm in Frankfurt nun wieder errichtet. Der neue Turm soll diesmal robuster sein und somit auch Feuer standhalten können.

          Topmeldungen

          Donald Trump in Ohio am 6. August

          Streit um Wechat : Trump bannt Chinas Lebensader

          Die Super-App Wechat ist das chinesische digitale Taschenmesser für alles. In Amerika kommunizieren mehr als drei Millionen Chinesen nach Hause – wie Wendy Tang. Die Studentin glaubt, der amerikanische Präsident schlage seine letzte Schlacht.

          Kontaktlos bezahlen : Karten ohne Ende

          Wegen Corona bezahlen die Deutschen viel mehr mit Karte. Für die Banken lohnt sich das bargeldlose Geschäft. Kein Wunder, dass sie immer neue Karten herausbringen.

          Verkehrswende : Wem gehört die Straße?

          Soll Frankfurts nördliches Mainufer für Autos gesperrt bleiben? Ein Unternehmensberater streitet darüber mit einem Ortsvorsteher. Ihre Fehde zeigt, warum die Verkehrswende so schleppend vorangeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.