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Staatstheater Darmstadt : Eine Kaugummiautomatenfantasie

Schöne tote Augen: Clara und ihr Bruder Lothar wissen noch nicht, wie böse ihre Geschichte ausgeht. Bild: Barbara Aumüller

Andreas Jungwirths Fassung des „Sandmann“ ist am Staatstheater Darmstadt uraufgeführt worden.

          2 Min.

          „Nathanael blickt in Claras Augen; aber es ist der Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut.“ In E. T. A. Hoffmanns Novelle „Der Sandmann“ von 1817 ist für den düsteren Nathanael kein Platz in der Welt der realistischen Clara. Dass er in ihren Augen den Tod sieht, hat mit Verfolgungsängsten, Phantasie und dem Trauma zu tun, als Kind den Vater tot zu finden, grässlich entstellt. Und mit einem ungeklärten Rest, der beim Leser Schauder hervorruft, eine Ahnung von der Welt hinter der Realität, um die es geht in den „Nachtstücken“, zu denen Hoffmanns Erzählung gehört.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Andreas Jungwirth hat aus Hoffmanns Novelle den „Sandmann“ gemacht, der jetzt, inszeniert von Romy Schmidt, am Staatstheater Darmstadt uraufgeführt wurde. „Ich blicke in die Augen meiner Liebsten. Es ist der Tod, der mich mit ihren Augen freundlich anschaut“, heißt es nun. Und Nathanael schaut nicht Clara an dabei, sondern eine gewisse „O.“, die, ganz blond, ganz aufgedonnert, ganz Püppchen, vor sich hin glotzt und immer wieder dieselbe Sache sagt. Sie wispert nicht „Ach“ wie bei Hoffmann der Automat Olimpia. Sie ist „eine dieser Osteuropäerinnen, deren Geschichten schon tausend Mal erzählt worden sind“. Und die erzählt sie wieder und wieder. Verschleppt, missbraucht, verkauft. Doch Nathanael hört lieber sich selbst reden als sie – die Angebetete, ob Puppe oder Prostituierte, ist nur Spiegel der männlichen Begierden. Dass Anne Hoffmann als „O.“ dennoch wie ein Automat hantiert und spricht, passt dazu nicht wirklich – und lässt keinerlei Grusel aufkommen. Es reizt eher zum Lachen.

          Nervöser Schlaks und Bummelstudent mit den Allüren eines Genies

          Lakonische Wortwechsel, eine leise, bei Hoffmann auch mal laute Ironie verstärkt die Darmstädter Inszenierung, setzt auf akustische und optische Kontraste und arbeitet mit szenischen Gags. „O.“ verbringt beträchtliche Zeit hinter dem Vorhang eines Foto-Automaten auf der Bühne, aus dessen Schlitz unter anderem Nathanaels schwülstige Gedichte quellen, blutige Augen poltern aus einem Kaugummiautomaten.

          Nicht ganz eine Automaten-Fantasie im Stile der schwarzen Romantik, aber auch etwas von dem Rätselhaften und Assoziativen, das Jungwirth der Geschichte fast ausgetrieben hat, holen Mechthild Seidemanns Bühnenbild sowie die Musik und Geräusche von Wendelin Hjny zuweilen in die von Dunkel getrennte Szenenfolge herein. Gabriele Drechsel ist als Nathanaels Mutter eine manisch-depressive Glucke, deren Stimmungsschwankungen zuweilen lachhaft, oft aber weit gefährlicher wirken als Coppola (Heinz Kloss), der Nathanaels Wahnsinn doch auslöst: Mag Coppola mit Messern werfen – Mutter wirft mit Rosen, als seien es vergiftete Pfeile.

          Nathanael, den Simon Köslich als nervösen Schlaks und Bummelstudenten mit den Allüren eines Genies spielt, will seine Nennschwester Clara heiraten. Diana Wolf mischt in die Unschuld auch görenhaftes Aufbegehren, passend zu ihrem Tunichtgut-Bruder Lothar (Stefan Schuster), der zur Fremdenlegion geht und zerschossen zurückkehrt. Ein Jahr über Nathanaels grausigen Tod hinaus erzählt Jungwirth. Siegmund (István Vincze), der in Nathanael ebenso heimlich wie sichtlich glühend verliebt ist und sich dann Clara zuwendet, bleibt allein zurück. Die Mutter wird zu Tode gepflegt von der osteuropäischen Hilfskraft „O.“. Auch dieser Wink in die Gegenwart bleibt seltsam haltlos. Was die Schicksale sagen sollen, die Nathanaels Hinterbliebene ereilen? Vielleicht, dass ein Ende mit Schrecken besser sein kann als ein Schrecken ohne Ende.

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