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Staatstheater Darmstadt : Auf einen Tee mit dem Holocaust-Leugner

  • -Aktualisiert am

Mit Rechten reden: Stefan Schuster als Chris Thorpe und seine Gesprächspartner in „Bestätigung“ Bild: Nils Heck

„Bestätigung“ zeigt am Staatstheater Darmstadt unser aller Denk- und Debattenfehler. Nur ist es zu leicht, sich zu den Guten zu zählen. Vor allem, wenn man alles seinem eigenen Weltbild anpasst.

          Schon 2014, als die AfD noch eine eurokritische Professorenpartei war, kaum jemand die demokratische Mitte durch Rechtspopulismus gefährdet sah und der Brexit unvorstellbar war, konstatierte der aus Manchester stammende englische Dramatiker Chris Thorpe eine zunehmende Unfähigkeit gesellschaftlicher Gruppen, kontrovers zu diskutieren und unterschiedliche Meinungen auszuhalten. Vor allem in seinem eigenen links-liberalen Milieu beobachtete er die Neigung, sich in der vermeintlich einzig richtigen eigenen Überzeugung einzuigeln. Also setzte er sich einem Selbstexperiment aus, redete mit Holocaust-Leugnern und Rechtspopulisten und verarbeitete seine Erfahrungen in einem knapp anderthalbstündigen Monolog namens „Bestätigung“ („Confirmation“). Seitdem haben sich viele der von Thorpe beobachteten Tendenzen verstärkt, und so wird die „Lecture Performance“ auch auf deutschen Bühnen häufig gespielt, ein Stück ganz auf der Höhe der Zeit.

          „Bestätigungsfehler“, so lernen wir in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt gleich zu Beginn, nennt die Psychologie unsere Unfähigkeit, Fakten unvoreingenommen wahrzunehmen. Stattdessen filtern wir alle Informationen so, dass sie unser Weltbild bestätigen. Ein paar Schlüsselreize genügen, und schon sortiert man das Gegenüber als unbelehrbaren Nazi oder blauäugigen Gutmenschen ein. Die um sich greifende Selbstgewissheit blendet geflissentlich die Grautöne dazwischen aus. Chris Thorpe versucht, sein Publikum für die Wahrnehmung dieses Zwischenbereichs zu sensibilisieren, als Aufklärer hat er, so scheint es, den Glauben an die Kraft des Gesprächs nicht verloren.

          Sehr treffend hat Mark Reisig für seine Inszenierung einen Stuhlkreis in den Kammerspielen aufgebaut, die Zuschauer sitzen um Stefan Schuster herum, der mit nur wenigen Effekten wie Nebelmaschine oder Spots ganz auf das Berichten von seinen Begegnungen fokussiert bleibt. Natürlich sind seine Erfahrungen recht vorhersehbar, denn wenig überraschend ist der Holocaust-Leugner privat ein recht zivilisiert wirkender Zeitgenosse, der den Tee auf dieselbe Weise trinkt wie sein Besucher. Zudem umgarnt der gewiefte Nazi Chris rhetorisch raffiniert mit dem Hinweis auf viele weitere Gemeinsamkeiten, die nahelegen, dass man doch womöglich auch in der Frage, ob in Auschwitz Juden ermordet wurden, einander entgegenkommen könne.

          Nur teilweise effektiver Denkanstoß

          Stefan Schuster wechselt nur ganz wenig die Tonlage, wenn er mal als Chris Thorpe selbst, dann wieder als einer seiner rassistischen, von der Überlegenheit der Weißen schwadronierenden Gesprächspartner agiert. Dabei verwischen zusehends auch die Unterschiede, und auf einmal wirkt Chris wie ein mit Schaum vor dem Mund redender Fanatiker, seine Gegenüber als differenziert argumentierende Rationalisten. Dass man als Zuschauer aber doch immer auf der richtigen Seite bleibt, liegt an der Auswahl der Gesprächspartner und macht das Stück leider nur zum Teil zu einem wirklich effektiven Denkanstoß.

          Denn die Radikalität der hier dargestellten rechtsextremen Meinungen immunisiert uns von vornherein und macht es dem Publikum trotz aller Vermenschlichung des Gegners leicht, beim gesicherten Vorurteil zu bleiben: Wer gegen 70 Jahre Forschung und unzählige Augenzeugen behauptet, Russen und Amerikaner hätten, gesteuert vom „Weltjudentum“, die Holocaust-Lüge lanciert, ist leicht als Spinner abzutun, auch wenn er noch so sympathisch wirkt. So kann man die wohltuende Irritation, die das gegenwärtig so notwendige Stück auslöst, allzu rasch wieder abschütteln.

          „Bestätigung“ am Staatstheater Darmstadt

          Nächste Vorstellung am 8. März um 20 Uhr in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt.

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